cr-4p-4ra-2MauthnerMinkowskiB. ErdmannF. WaismannR. CarnapTetens    
 
JOHN LOCKE
(1632-1704)

Über Identität und Verschiedenheit (1)
[Versuch über den menschlichen Verstand - Zweites Buch, Kapitel 27]

    2. Buch / Kap. 25 - Von den Beziehungen
2. Buch / Kap. 26 - Über Ursache und Wirkung
2. Buch / Kap. 27 - Über Identität und Verschiedenheit
3. Buch / Kap. 1   - Über die Wörter im allgemeinen
3. Buch / Kap. 3   - Über allgemeine Ausdrücke
4. Buch / Kap. 11   - Unser Wissen vom Dasein anderer Dinge

"Die Identität der Person erstreckt sich also nicht weiter als das Bewußtsein."

"Auf die Identität der Person allein gründet sich das Recht und die Gerechtigkeit von Lohn und Strafe, weil Glück und Unglück das sind, woran jeder um  seiner selbst  willen interessiert ist, während es ihn nicht kümmert, was aus irgendeiner  Substanz  wird, die mit seinem Bewußtsein verknüpft ist und davon nicht berührt wird."

1. Eine weitere Gelegenheit zum Vergleichen ergibt sich für den Geist aus dem Dasein der Dinge selbst. Wir betrachten  ein Ding als zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort existierend  und vergleichen des dann mit  sich selbst, wie es zu einer anderen Zeit existiert;  danach bilden wir die Ideen der  Identität  und  Verschiedenheit Wenn wir sehen, daß sich ein Ding in einem bestimmten Augenblick an einem bestimmten Ort befindet, so sind wir sicher (sei es, was es wolle), daß es eben dieses Ding ist und nicht ein anderes, das zur selben Zeit an einer anderen Stelle existiert, wie ähnlich und ununterscheidbar beide Dinge in jeder anderen Hinsicht auch sein mögen. Darin besteht also  Identität,  wenn sich die Ideen, denen sie zugeschrieben wird, ganz und gar nicht von dem unterscheiden, was sie im Augenblick unserer früheren Betrachtung, mit ihrem gegenwärtigen Dasein verglichen, gewesen sind. Wir können nämlich niemals beobachten, noch für möglich halten, daß zwei Dinge derselben Art am selben Ort zur selben Zeit existieren; darum schließen wir mit Recht, daß alles, was irgendwo zu irgendeiner Zeit existiert, alles andere derselben Art ausschließt und sich selbst dort allein befindet. Wenn wir darum fragen, ob ein Ding  dasselbe  sei oder nicht, so bezieht sich das immer auf etwas, was in einem gegebenen Augenblick an einem gegebenen Ort existierte und in jenem Zeitpunkt zweifellos nur mit sich selbst und mit nichts anderem identisch war. Daraus folgt, daß weder ein Ding einen doppelten Anfang seiner Existen, noch zwei Dinge einen einzigen Anfang haben können; denn zwei Dinge derselben Art können unmöglich in demselben Zeitpunkt an demselben Ort vorhanden sein oder existieren. Ebensowenig kann ein und dasselbe Ding zur selben Zeit an verschiedenen Orten sein. Was einen einzigen Anfang gehabt hat, ist daher ein und dasselbe Ding; was einen nach Ort und Zeit verschiedenen Anfang gehabt hat, ist nicht dasselbe, sondern davon verschieden. Die Schwierigkeiten bei dieser Relation sind daraus entstanden, daß man auf den Erwerb genauer Begriffe von den Dingen, denen man Identität zuschreibt, so wenig Sorgfalt und Aufmerksamkeit verwandt hat.

2. Nur von drei Arten von Substanzen besitzen wir Ideen:  1. von Gott, 2. von endlichen vernunftbegabten Wesen, 3. von Körpern. 

 Erstens.  Gott ist ohne Anfang, ewig, unveränderlich und allgegenwärtig; über seine Identität kann deshalb kein Zweifel bestehen.

 Zweitens.  Da jedes  endliche geistige Wesen  zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort zu existieren begonnen hat, wird die Relation zu dieser Zeit und zu diesem Ort stets die Identität eines jeden dieser Wesen bestimmen, solange es existiert.

 Drittens.  Dasselbe gilt von jedem Teil der Materie. Sie ist ein und dieselbe, wenn ihr keinerlei Materie hinzugefügt oder entzogen wird. Denn obgleich sich diese drei Arten von Substanzen, wir wir sie nennen, nicht gegenseitig von derselben Stelle ausschließen, sind wir dennoch zu der Annahme gezwungen, daß jede einzelne von ihnen notwendig alle anderen von derselben Art von derselben Stelle ausschließen muß. Ansonsten wären die Begriffe und Namen "Identität" und "Verschiedenheit" wertlos; man könnte dann weder Substanzen noch überhaupt andere Dinge voneinander unterscheiden. Wenn zum Beispiel zwei Körper gleichzeitig an demselben Ort sein könnten, dann müßten diese beiden Materieteile, seien sie nun groß oder klein, identisch sein; ja, alle Körper müßten dann ein und dieselben sein. Denn ebensogut, wie sich an einem Ort zwei Partikel der Materie befinden könnten, wäre das für alle Körper möglich. Wenn sich das annehmen ließe, so fällt jede Unterscheidung zwischen Identität und Verschiedenheit von einem Ding und mehreren Dingen weg und wird nichtig. Da es aber ein Widerspruch ist, daß zwei oder mehrere eins sein sollten, so sind Identität und Verschiedenheit wohlbegründete und für den Verstand sehr nützliche Relationen und Vergleichsweisen.

Da alle anderen Dinge nur Modi oder Relationen sind, die letzten Endes auf Substanzen hinauslaufen, so läßt sich auch bei ihnen die Identität und Verschiedenheit ihrer besonderen Existenz jedesmal auf dieselbe Weise bestimmen. Nur bei Dingen, deren Existenz in einer Aufeinanderfolge besteht - zum Beispiel bei den Tätigkeiten endlicher Wesen, das heißt bei  Bewegung  und  Denken,  die beide in einer kontinuierlichen Aufeinanderfolge bestehen -, kann hinsichtlich  ihrer  Verschiedenheit keinerlei Zweifel herrschen. Denn da jede dieser Tätigkeiten schon in dem Augenblick endet, in dem sie beginnt, so können sie nicht zu verschiedenen Zeiten oder an verschiedenen Orten existieren. Hingegen können dauernde Wesen sehr wohl zu verschiedenen Zeiten vorhanden betrachten, können deshalb nie identisch sein, weil jeder ihrer Teile einen verschiedenen Anfang seiner Existenz hat.

3. Aus dem, was gesagt worden ist, läßt sich leicht das  principium individuationis nach dem so viel gefragt wird, entdecken. Es ist offenbar die Existenz selbst, die jedem Wesen, von welcher Art es auch sei, seine besondere Zeit und seinen besonderen Ort zuweist; beides kann es mit keinem anderen Wesen derselben Art gemeinsam haben. Obgleich dies bei einfachen Substanzen oder Modi anscheinend leichter zu begreifen ist als bei zusammengesetzten, so ist es jedoch, wenn man nachdenkt, bei letzteren nicht schwieriger, sofern man nur darauf achtet, wie dieses Prinzip anzuwenden ist. Denken wir uns zum Beispiel ein Atom, das heißt einen dauernden Körper unter einer unveränderlichen Oberfläche, der an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit existiert. Dann ist klar, daß das Atom ein einem beliebigen Augenblick seiner Existenz betrachtet, in diesem Augenblick mit sich selbst identisch ist. Denn da es in jenem Augenblick das ist, was es ist, und nichts anderes, so ist es dasselbe und muß solange dasselbe bleiben, wie seine Existenz fortdauert. Denn ebenso lange wird es dasselbe bleiben und nichts anderes sein. Desgleichen wird, wenn zwei oder mehr Atome zu ein und derselben Masse vereinigt werden, nach dem eben gefundenen Gesetz jedes dieser Atome dasselbe sein. Desgleichen wird, wenn zwei oder mehr Atome zu ein und derselben Masse vereinigt werden, nach dem eben gefundenen Gesetz jedes dieser Atome dasselbe sein. Und solange die Atome vereinigt existieren, mußt die aus denselben Atomen bestehende Masse dieselbe Masse oder derselbe Körper bleiben, wie verschieden auch die Teile angeordnet sein mögen. Wird dagegen eines dieser Atome weggenommen oder ein neues hinzugefügt, so ist es nicht länger dieselbe Masse oder derselbe Körper. Die Identität der lebenden Wesen beruth jedoch nicht auf einer Masse derselben Partikel, sondern auf etwas anderem. Denn bei ihnen beeinflußt der Wechsel großer Teile der Materie nicht die Identität. Eine Eiche, die sich vom Pflänzchen zum großen Baum entwickelt hat und dann gefällt wird, ist noch dieselbe Eiche; ein Füllen, das zum Pferd herangewachsen und bald fetter, bald magerer ist, ist die ganze Zeit über dasselbe Pferd. Obwohl in beiden Fällen ein offenkundiger Wechsel der Bestandteile stattgefunden hat, so daß Eiche und Pferd in Wirklichkeit nicht dieselben Massen von Materie sind, handelt es sich tatsächlich noch um dieselbe Eiche und dasselbe Pferd. Der Grund hierfür liegt darin, daß in diesen beiden Fällen - bei einer  Masse von Materie  und einem  lebendigen Körper  - die Identität nicht auf dasselbe Ding angewendet wird.

4. Wir müssen darum ins Auge fassen, worin sich eine Eiche von einer Masse von Materie unterscheidet. Wie mir scheint, ist der Unterschied folgender: die Materiemasse besteht lediglich in einer Verbindung von Partikeln der Materie, die in beliebiger Weise vereinigt sind, wohingegen die Eiche in einer ganz bestimmten Anordnung derselben besteht - worin sie eben die Teile einer Eiche ausmachen - und in einer solche Einrichtung jener Teile, daß sie Nahrung aufnehmen und verteilen können und so Holz, Rinde und Blätter der Eiche erhalten und hervorbringen, worin eben das Pflanzenleben besteht. Somit ist dasjenige einer Pflanze, dessen Bestandteile in der geschilderten Weise in einem zusammenhängenden Körper organisiert sind und an einem gemeinsamen Leben teilnehmen. Folglich fährt etwas fort, dieselbe Pflanze zu bleiben, solange es an demselben Leben teilnimmt. Es bleibt auch dann noch dieselbe Pflanze, wenn dieses Leben neuen Partikeln der Materie mitgeteilt wird, die mit der lebenden Pflanz organisch verbunden sind und in einer ähnlichen, dauernden, jener Pflanzenart angepaßten Organisation leben. Denn diese Organisation, die in jedem Augenblick in jeder Ansammlung von Materie anzutreffen ist, unterscheidet sich im besonderen Einzelfall von allen anderen. Sie  macht  das indidivuelle Leben  aus,  das von jenem Augenblick an vorwärts und rückwärts gerechnet in derselben Kontinuität fortdauert, in der die mit dem lebenden Pflanzenkörper verbundenen Teile unmerklich aufeinanderfolgen. Diese Organisation besitzt die Identität, die bewirkt, daß die Pflanze immer dieselbe Pflanze, ihre Teile immer Teile derselben Pflanze sind, solange sie in der zusammenhängenden Organisation vereint bestehen, die geeignet ist, allen so vereinigten Teilen das gemeinsame Leben zu vermitteln.

5. Bei den  Tieren  liegt der Fall nicht so viel anders, als daß man aus dem Gesagten nicht entnehmen könnte, was die Identität eines Tieres ausmacht und erhält. Etwas dem Ähnlicheshaben wir in den Maschinen vor uns; es kann uns dazu dienen, diese Frage zu erläutern. Was ist zum Beispiel eine Taschenuhr? Offenbar ist sie nichts anderes als die sinnvolle Organisation oder Konstruktion von Teilen zu einem bestimmten Zweck, der erreicht werden kann, sobald eine genügende Kraft hinzukommt. Denken wir uns diese Maschine als einen einzigen, zusammenhängenden Körper, dessen organisierte Teile durch fortgesetzte Hinzufügung und Loslösung nicht wahrnehmbarer Teile wiederhergestellt, vermehrt oder vermindert werden und der ein gemeinsames Leben führt, so haben wir etwas, was einem Tierkörper sehr ähnlich ist. Der Unterschied besteht nur darin, daß beim Tier die Zweckmäßigkeit der Organisation und die Bewegung, in der das Leben besteht, gleichzeitig beginnen; denn die Bewegung kommt von innen. Dagegen kommt bei den Maschinen die Triebkraft deutlich von außen. Auch kann sie oft fehlen, obwohl das Organ in Ordnung und zu ihrer Aufnahme durchaus geeignet ist.

6. Dies zeigt auch, worin die Identität ein und desselben  Menschen  besteht. Sie besteht nämlich offenbar in nichts anderem als in der Teilnahme an demselben Leben, welches durch beständig in Fluß befindliche Partikel der Materie fortgesetzt wird, die in ihrer Aufeinanderfolge mit demselben organisierten Körper lebensfähig verbunden sind. Nehmen wir an, jemand sieht die Identität des Menschen in etwas anderem als bei anderen Tieren; er sähe die Identität also nicht in dem einen zweckmäßig organisierten Körper, der von einem bestimmten Zeitpunkt an in stetig fließenden, mit ihm verbundenen Partikeln der Materie - unter einer einheitlichen Organisation des Lebens - seine Existenz fortsetzt. Er würde dann schwerlich eine Hypothese finden, nach der ein Embryo, ein Erwachsener, ein Wahnsinniger und ein Vernünftiger  derselbe  Mensch sein können; noch könnte seine Hypothese ermöglichen, daß SETH, ISMAEL, SOKRATES, PILATUS, Sankt AUGUSTIN und CÄSAR BORGIA ein und derselbe Mensch sind. Denn wenn  allein  die Identität der Seele den gleichen  Menschen  ausmacht und die Natur der Materie nichts enthält, weshalb derselbe individuelle Geist nicht mit verschiedenen Körpern vereinigt sein könnte, so ist es möglich, daß die genannten Männer, die zu verschiedenen Zeiten lebten und von verschiedenen Temperament waren, ein und derselbe Mensch gewesen sind. Das ist jedoch eine Ausdrucksweise, die auf einem sehr befremdlichen Gebrauch des Wortes  Mensch  beruhen würde; dabei müßte dieses Wort auf eine Idee bezogen sein, von der Körper und Gestalt ausgeschlossen sind. Noch schlechter aber würde die Ausdrucksweise zu den Begriffen der Philosophen passen, die eine Seelenwanderung annehmen und der Meinung sind, den Seelen der Menschen könnten für ihre Vergehen als Wohnstätten die Körper von Tieren angewiesen werden, welche Organe besitzen, die der Befriedigung ihrer brutalen Neigungen angepaßt wären. Dennoch glaube ich nicht, daß jemand, auch wenn er sicher wüßte, daß de  Seele  des HELIOGABAL in einem seiner Schweine steckte, sagen würde, jenes Schwein sei ein  Mensch  oder sei HELIOGABAL.

7. Nicht die Einheit der Substanz also umfaßt alle Arten von Identität oder bestimmt diese in jedem einzelnen Fall. Um sie richtig zu verstehen und zu beurteilen, müssen wir vielmehr erwägen, was für eine Idee das Wort bezeichnet, auf das sie angewendet wird. Denn "dieselbe  Substanz  sein", "derselbe  Mensch  sein" und "dieselbe  Person  sein" sind drei ganz verschiedene Dinge, wenn  Person, Mensch  und  Substanz  Bezeichnungen für drei verschiedene Ideen sind. Denn die Identität muß ebenso beschaffen sein wie die Idee, die zu diesem Namen gehört. Hätte man dies etwas sorgfältiger beachtet, so wäre wahrscheinlich die Verwirrung, die bei dieser Frage oft entsteht und zu recht erheblich scheinenden Schwierigkeiten, besonders hinsichtlich der  persönlichen  Identität, führt, weitgehend vermieden worden. Diese wollen wir daher im folgenden etwas näher betrachten.

8. Ein Lebewesen ist ein lebender organisierter Körper; folglich ist dasselbe Lebewesen, wie wir festgestellt haben, dasselbe anhaltende  Leben,  das verschiedenen Partikeln der Materie mitgeteilt wird, so wie sie nacheinander jenem organisierten lebenden Körper eingegliedert werden. Gleichviel von welchen anderen Definitionen auch sonst die Rede sein mag, eine scharfsinnige Beobachtung läßt keinen Zweifel daran, daß die in unserem Geist vorhandene Idee, für die unser Wort  Mensch  als Zeichen dient, nichts anderes ist als die eines Lebewesens von bestimmter Gestalt. Denn ich bin überzeugt, jeder würde, wenn er ein Geschöpf von seiner eigenen Gestalt oder Bildungsweise sähe, es einen  Menschen  nennen, auch wenn es zeitlebens nicht mehr Vernunft besäße als eine Katze oder ein Papagei. Wer dagegen eine  Katze  oder einen  Papagei  reden, schließen und philosophieren hörte, würde sie doch immer nur als Katze oder Papagei ansehen oder bezeichnen. Er würde sagen, jenes sei ein stumpfsinniger unvernünftiger Mensch, dieses ein sehr kluger vernünftiger Papagei.

Ein Bericht, den wir bei einem sehr namhaften Schriftsteller (2) finden, beglaubtig hinlänglich die Annahme der Existenz eines vernünftigen Papageis. Er lautet folgendermaßen:
    "Es lag mir daran, aus des Prinzen MORITZ eigenem Munde Aufschluß über eine verbreitete, viel geglaubte Geschichte zu erhalten, die ich schon oft von anderen gehört hatte. Sie handelt von einem alten Papagei, den er in Brasilien während seiner Statthalterschaft besaß. Jener Papagei konnte wie ein vernünftiges Wesen sprechen, fragen und einfache Fragen beantworten. Die Umgebung des Prinzen erblickte darin Zauberei oder Besessenheit. Ja, einer seiner Kapläne, der noch lange hernach in Holland lebte, duldete von jener Zeit an niemals einen Papagei um sich; denn er behauptete, diese Tiere hätten alle den Teufel im Leib. Ich hatte viele Einzelheiten dieser Geschichte gehört, die mir von Leuten versichert wurden, deren Glaubwürdigkeit schwerlich anzuzweifeln war. Deshalb fragte ich den Prinzen MORITZ, was an der Geschichte dran sei. Mit der ihm eigenen Schlichtheit und Trockenheit des Tons erwiderte er mir, einiges von dem, was berichtet werde, sei wahr, sehr viel aber unwahr. Ich bat ihn, mir das erstere mitzuteilen. Er erzählte dann kurz und sachlich, er habe in Brasilien von einem solchen alten Papagei erzählen hören; zwar habe er nichts davon geglaubt, auch sei das Tier ziemlich weit entfernt gewesen; dennoch habe ihn die Neugierde so stark geplagt, daß er es kommen ließ. Der Papagei sei ein sehr altes und großes Tier gewesen. Als er das erstemal in den Raum gebracht wurde, wo sich der Prinz, von vielen Holländern umringt, aufhielt, habe er sofort gesagt:  Was für eine Schar von weißen Männern ist hier!  Man habe auf den Prinzen gewiesen und gefragt, für wen er diesen Mann halte. Der Vogel antwortete: "Für irgendeinen General." Man brachte ihn ganz nahe an den Prinzen heran, der ihn dann fragte: "Woher kommst du?" Er antwortete: "Aus Marinam." Der Prinz: "Wem gehörst du?" Der Papagei: "Einem Portugiesen." Der Prinz: "Was machst du dort?" Der Papagei: "Ich hüte die Hühner." Der Prinz lachte und sagte: "Du hütest die Hühner?" Der Papagei antwortet: "Ja, ich, und ich verstehe mich sehr gut darauf." Dabei stieß er vier- oder fünfmal den Gluck-Gluck-Ton aus, mit dem man junge Hühner lockt. Ich schreibe die Worte dieses denkwürdigen Zwiegesprächs genau so, wie sie der Prinz sprach. Ich fragte ihn, welche Sprache der Papagei gesprochen hätte; er sagte: brasilianisch. Ich erkundigte mich, ob der Prinz brasilianisch verstände; er erwiderte: nein; er habe aber dafür gesorgt, daß zwei Dolmetscher zur Stelle gewesen wären, ein Holländer, der brasilianisch und ein Brasilianer, der holländisch sprach. Er habe sie einzeln und unter vier Augen befragt, und beide hätten übereinstimmend das gleiche berichtet, was der Papagei gesprochen habe. Ich konnte es mir nicht versagen, diese merkwürdige Geschichte zu erzählen, weil sie in der Tat ganz außergewöhnlich ist. Außerdem habe ich sie aus erster Quelle; auch darf diese Quelle als einwandfrei angesehen werden. Denn ich darf behaupten, daß der Prinz zumindest alles, was er mir mitteilte, selbst glaubte. Galt er doch stets als ein durchaus ehrenhafter und frommer Mann. Ich überlasse es den Naturforschern, sich damit auseinanderzusetzen, und anderen Leuten, davon zu glauben, was sie wollen. Indessen ist es immerhin vielleicht nicht unangebracht, eine ernsthafte Darstellung gelegentlich durch solche Abschweifungen zu unterbrechen oder zu beleben, gleichviel ob sie unmittelbar zur Sache gehören oder nicht."
Es lag mir daran, dem Leser diese Geschichte eingehend und mit des Erzählers eigenen Worten wiederzugeben, weil dieser sie nicht für unglaublich gehalten zu haben scheint. Denn man kann sich nicht vorstellen, daß ein so gescheiter Mann wie er, der hinlänglich imstande war, für alles was er selbst bezeugte, zu bürgen, so viel Mühe aufwenden sollte, um an einer Stelle, wo es gar nicht nahe lag, nicht nur einem Menschen, den er seinen Freund nennt, sondern auch einem Prinzen, dessen sehr große Ehrenhaftigkeit und Frömmigkeit er anerkennt, eine Geschichte anhängen sollte, die ihm, wenn er sie für unglaubwürdig hielt, nur als lächerlich erscheinen konnte. Soviel ist jedenfalls klar: Sowohl der Prinz, der für diese Geschichte bürgt, als auch der Erzähler, der sie berichtet, nennen den Sprecher hier einen Papagei. Ich frage nun jeden anderen, der eine solche Geschichte für erzählenswert hält, ob er diesen Papagei und alle seiner Art - wenn sie immer so gesprochen hätten, wie es nach Aussage des Prinzen dieser eine tat - nicht als eine Gattung  vernunftbegabter Tiere,  sondern angesichts all dessen als Menschen und nicht als  Papageien  angesehen hätte? Denn ich meine, nicht die Idee eines denkenden oder vernünftigen Wesens allein macht nach der Auffassung der meisten Leute die  Idee des Menschen  aus, sondern die Idee eines damit verbundenen Körpers von bestimmter Gestalt. Wenn das die Idee des Menschen ist, so gehört derselbe, sich nicht auf einmal verändernde Körper ebensogut zur Identität eines Menschen wie derselbe immaterielle Geist.

9. Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, müssen wir, um festzustellen, worin die Identität der Person besteht, zunächst untersuchen, was  Person  bedeutet. Meiner Meinung nach bezeichnet dieses Wort ein denkendes, verständiges Wesen, das Vernunft und Überlegung besitzt und sich selbst als sich selbst betrachten kann. Das heißt, es erfaßt sich als dasselbe Ding, das zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten denkt. Das geschieht lediglich durch das Bewußtsein, das vom Denken untrennbar ist und, wie mir scheint, zu dessen Wesen gehört. Denn unmöglich kann jemand wahrnehmen, ohne  wahrzunehmen,  daß er es tut. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, überlegen oder wollen, so wissen wir, daß wir das tun. Das gilt jederzeit hinsichtlich unserer gegenwärtigen Sensationen und Wahrnehmungen; jeder wird dadurch für sich selbst zu dem, was er  sein eigenes Ich  nennt. Hierbei kommt es in diesem Fall nicht darauf an, ob dasselbe Selbst in derselben oder in verschiedenen Substanzen weiterbesteht. Denn da das Bewußtsein das Denken stets begleitet und jeden zu dem macht, was er sein Selbst nennt und wodurch er sich von allen anderen denkenden Wesen unterscheidet, so besteht hierin allein die Identität der Person, das heißt das Sich-Selbst-Gleich-Bleiben eines vernünftigen Wesens. Soweit nun dieses Bewußtsein rückwärts auf vergangene Taten oder Gedanken ausgedehnt werden kann, so weit reicht die Identität dieser Person. Sie ist jetzt dasselbe Selbst wie damals; jene Handlung wurde von demselben Selbst ausgeführt, das jetzt über sie nachdenkt.

10. Man fragt jedoch weiter, ob dieses Ich dann auch dieselbe identische Substanz sei. Nur wenige würden einen Zweifel daran für begründet halten, wenn jene Wahrnehmungen jederzeit zugleich mit dem Bewußtsein davon im Geist gegenwärtig blieben, wodurch dasselbe denkende Wesen stets bewußt gegenwärtig und - wie man annehmen würde - augenscheinlich mit sich selbst identisch wäre. Was Schwierigkeiten zu bereiten scheint, ist die Tatsache, daß dieses Bewußtsein stets durch Zustände des Vergessens unterbrochen wird. Denn wir können in keinem Augenblick unseres Lebens alle unsere vergangenen Handlungen gleichzeitig überblicken. Vielmehr entschwindet auch dem besten Gedächtnis ein Teil davon, während es andere betrachtet. Mitunter denken wir, und zwar den größten Teil unseres Lebens hindurch, nicht an unser früheres Ich, sondern achten auf unsere gegenwärtigen Gedanken. Im festen Schlaf haben wir schließlich überhaupt keine Gedanken oder wenigstens keine mit jenem Bewußtsein, das unsere wachen Gedanken auszeichnet. Wie gesagt, in allen diesen Fällen, in denen unser Bewußtsein unterbrochen wird und wir unser vergangenes Ich aus den Augen verlieren, erheben sich Zweifel, ob wir dasselbe denkende Ding, das heißt dieselbe  Substanz  sind oder nicht. Dieser Zweifel jedoch, gleichviel ob er begründet oder unbegründet ist, betrifft nicht die Identität der  Person  überhaupt. Denn in Frage steht nur, was die Identität der Person ausmacht, nicht aber, ob es dieselbe identische Substanz ist, die immer in derselben Person denkt. Letztere Frage ist für unseren Fall völlig belanglos. Denn verschiedene Substanzen werden durch dasselbe Bewußtsein (wo sie daran teilhaben) ebenso zu einer Person vereinigt, wie verschiedene Körper durch dasselbe Leben zu einem Wesen vereinigt sind, dessen Identität beim Wechsel der Substanzen durch die Einheit eines fortdauernden Lebens gewahrt wird. Denn wenn die Identität des Bewußtseins es bewirkt, daß jemand ein und derselbe ist, so beruth die Identität der Person offenbar allein darauf. Dabei ist es gleichgültig, ob dieses Bewußtsein lediglich an eine Einzelsubstanz geknüpft ist oder in einer Aufeinanderfolge verschiedener Substanzen fortbestehen kann. Denn soweit ein vernunftbegabtes Wesen die Idee einer vergangenen Handlung mit demselben Bewußtsein, das es zuerst von ihr hatte, und mit demselben Bewußtsein, das es von einer gegenwärtigen Handlung hat, wiederholen  kann,  ebenso weit ist es dasselbe persönliche Ich. Denn durch sein Bewußtsein von seinen gegenwärtigen Gedanken und Handlungen ist es augenblicklich  für sich  sein eigenes Ich. Es bleibt dasselbe Ich, soweit sich dasselbe Bewußtsein auf vergangene oder künftige Handlungen erstrecken kann. Der Abstand der Zeit oder der Wechsel der Substanz würde aus einem solchen Wesen ebensowenig zwei Personen machen, wie ein Mensch dadurch zu zwei Personen wird, daß er heute andere Kleider trägt als gestern, nachdem er zwischendurch längere oder kürzere Zeit geschlafen hat. Denn dasselbe Bewußtsein vereinigt die getrennten Handlungen zu ein und derselben Person, gleichviel welche Substanzen auch immer zu ihrem Zustandekommen beigetragen haben.

11. Daß sich das so verhält, beweist uns unser eigener Körper. Seine sämtlichen Partikel bilden nämlich einen Teil unseres Selbst, das heißt unseres denkenden, bewußten Ich, solange sie lebensfähig mit diesem selben denkenden, bewußten Ich verknüpft sind, so daß  wir fühlen,  wenn sie durch Gutes oder Übles, das ihnen widerfährt, berührt und beeinflußt werden und sich dessen bewußt sind. So sind für jeden die Glieder seines Körpers ein Teil seines Selbst. Er empfindet mit ihnen und kümmert sich um sie. Wird ihm aber eine Hand abgeschlagen und dadurch vom Bewußtsein losgelöst, das er von ihrer Wärme, Kälte und ihren sonstigen Zuständen hatte, dann ist sie nicht mehr ein Teil seines Selbst, und zwar ebensowenig wie das entlegenste Materieteil. Wir sehen also, die  Substanz,  aus der das persönliche Ich in einem Augenblick bestand, kann sich in einem anderen ändern, ohne daß die Identität der Person davon berührt würde. Denn die Identität der Person steht außer Frage, mögen auch die Glieder, die eben noch einen Teil von ihr bildeten, abgehauen sein.

12. In Frage steht jedoch, ob die Person dieselbe bleiben kann, wenn sich die denkende Substanz ändert, oder ob es zwei verschiedene Personen geben kann, wenn jene dieselbe bleibt.

Darauf antworte ich: Erstens kann dies für alle die überhaupt nicht fraglich sein, die das Denken in einer von immaterieller Substanz freien, rein materiellen, animalischen Konstitution vor sich gehen lassen. Mag ihre Annahme richtig oder falsch sein, so ist klar, daß die Identität der Person nach ihrer Auffassung durch etwas anderes bewahrt werden muß als durch die Identität der Substanz. Denn die animalische Identität beruth auf der Identität des Lebens und nicht auf der der Substanz. Darum muß jeder, der das Denken lediglich einer immateriellen Substanz zuschreibt, ehe er sich mit diesen Gegnern einlassen kann, folgendes nachweisen: warum kann bei einem Wechsel immaterieller Substanzen oder einer Mehrzahl von einzelnen Substanzen die Identität der Person nicht ebensogut bewahrt werden, wie sich bei einem Wechsel materieller Substanzen oder einer Mehrzahl von einzelnen Körpern die animalische Identität erhält? Es sei denn, sie wollten sagen, die Identität des Lebens in den Tieren werde ebensogut durch einen immateriellen Geist bewirkt wie die Identität der Person; das aber würden wenigstens die Cartesianer nicht zugeben, weil sie fürchten, damit auch die Tiere zu denkenden Dingen zu machen.

13. Zunächst zum ersten Teil der Frage: kann die Person dieselbe bleiben, wenn sich die denkende Substanz (vorausgesetzt, daß nur immaterielle Substanzen denken) ändert? Ich antworte hierauf: Darüber kann nur jemand entscheiden, der die Beschaffenheit der denkenden Substanzen kennt und weiß, ob sich das Bewußtsein vergangener Handlungen von einer denkenden Substanz auf die andere übertragen läßt. Ich gebe zu, das wäre unmöglich, wenn dasselbe Bewußtsein dieselbe individuelle Handlung wäre. Da es aber die Vergegenwärtigung einer vergangenen Handlung ist, so muß erst noch gezeigt werden, warum es nicht möglich sein kann, daß sich etwas, was in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, dem Geist als gewesen darstellt. Deshalb wird sich die Frage, inwieweit das Bewußtsein vergangener Handlungen so an ein handelndes Einzelwesen geknüpft ist, daß ein anderes es unmöglich haben kann, solange schwer entscheiden lassen, wie wir nicht wissen, welche Art von Handlungen nicht stattfinden kann, ohne daß ein Reflektionsakt der Wahrnehmung sie begleitete, und wie sie von denkenden Substanzen vollzogen werden, die nicht denken können, ohne sich dessen bewußt zu sein. Nun ist aber das, was wir dasselbe Bewußtsein nennen, nicht dieselbe individuelle Handlung. Darum wird sich schwer aus der Natur der Dinge folgern lassen, warum einer denkenden Substanz nicht etwas als ihre eigene Tat dargestellt werden könnte, was sie nie selbst, sondern vielleicht ein anderer Mensch getan hat. Ich meine, es wird sich schwer ergründen lassen, warum eine solche Darstellung ohne ihr entsprechende wirkliche Tatsachen nicht ebensogut möglich sein soll wie manche Traumvorstellungen, die wir während des Traumes doch auch für wahr halten. So etwas wird aber nie geschehen. Dafür bürgt, solange wir keine klarere Anschauung von der Natur der denkenden Substanzen besitzen, am besten die Güte Gottes. Soweit es sich dabei um Glück oder Unglück eines seiner empfindenden Geschöpfe handelt, wird Gott nie aufgrund eines verhängnisvollen Irrtums ihrerseits vom einen zum anderen jenes Bewußtsein übertragen, das Lohn oder Strafe nach sich zieht. Inwieweit das ein Argument gegen jene sein kann, die das Denken in einem System von im Fluß befindlichen Lebensgeistern sehen wollen, lasse ich dahingestellt. Um jedoch zu der uns beschäftigenden Frage zurückzukommen, so muß zugegeben werden, daß - wenn eben dieses selbe Bewußtsein (welches, wie gezeigt wurde, ein von derselben zahlenmäßigen Gestalt oder Bewegung im Körper sehr verschiedenes Ding ist) sich von einer denkenden Substanz auf die andere übertragen läßt - es möglich sein wird, daß zwei denkende Substanzen nur eine einzige Person ausmachen können. Denn wenn dasselbe Bewußtsein sich erhält, egal ob in derselben oder in verschiedenen Substanzen, so ist auch die Identität der Person gewahrt.

14. Befassen wir uns jetzt mit dem zweiten Teil der Frage: Können zwei verschiedene Personen dort vorhanden sein, wo dieselbe immaterielle Substanz bleibt? Dem liegt, wie mir scheint, zunächst das Problem zugrunde, ob einem immateriellen Wesen, das sich der Tätigkeiten seines verflossenen Daseins bewußt ist, jedes Bewußtsein seiner füheren Existenz ganz und gar geraubt werden kann, so daß ihm auch die Möglichkeit, es jemals wiederzuerlangen, verloren geht und sein Bewußtsein, weil es gleichsam von einem neuen Zeitpunkt an eine neue Rechnung beginnt, fortan über diesen neuen Zustand  nicht  hinausreichen  kann.  Dieser Ansicht sind offenbar alle, die an ein früheres Dasein glauben; denn sie geben zu, daß die Seele kein Bewußtsein mehr von dem habe, was sie in einem früheren Zustand, als sie entweder ganz vom Körper losgelöst oder in einem anderen Körper wohnte, getan hat. Sollten sie anderer Meinung sein, so würde die Erfahrung offensichtlich gegen sie sprechen. Die Identität der Person erstreckt sich also nicht weiter als das Bewußtsein. Demnach muß ein früher dagewesener Geist, der nicht so lange Zeit hindurch in einem Ruhezustand verharrt hat, notwendig verschiedene Persönlichkeiten ausmachen. Nehmen wir an, ein christlicher Platoniker oder ein Pythagoreer würde, weil Gott sein ganzes Schöpfungswerk am siebten Tag abgeschlossen hat, glauben, seine Seele habe seitdem existiert. Er würde sich ferner vorstellen, sie hätte verschiedene menschliche Körper durchwandert. So ist mir zum Beispiel jemand begegnet, der davon überzeugt war, seine  Seele  sei die des SOKRATES gewesen. (Ich will nicht erörtern, ob das begründet war; ich weiß aber, daß er an dem Platz, den er einnahm und der nicht unwichtig war, als ein sehr vernünftiger Mensch galt; seine Schriften haben bewiesen, daß es ihm nicht an Gaben und Wissen fehlte); würde man da wohl sagen, ein solcher Mensch kann mit der  Person  des SOKRATES identisch sein, obgleich ihm keine von dessen Handlungen oder Taten bewußt sind? Nehmen wir an, jemand denkt über sich selbst nach und kommt zu dem Schluß, daß er einen immateriellen Geist in sich habe, der das ist, was in ihm denkt und ihn beim fortgesetzten Wechsel in seinem Körper als denselben erhält. Dieser Geist sei das, was er  sein Selbst  nennt. Stellen wir uns ferner vor, der betreffende Mensch nehme an, dieser Geist sei dieselbe Seele, die bei der Belagerung von Troja dem NESTOR oder dem THERSITES innewohnte (denn da sich die Seelen, soweit wir etwas von ihnen wissen, ihrer Natur nach gegen jedes Materieteilchen gleichgültig verhalten, so ist es offenbar durchaus nicht unsinnig, so etwas anzunehmen). Es wäre daher ganz gut möglich, ebenso wie sie jetzt die Seele eines anderen Menschen ist. Wird oder kann sich dieser Mensch, der keinerlei Bewußtsein von einer einzigen Tat des NESTOR oder des THERSITES hat, dann vorstellen, daß er mit einem dieser beiden Männer identisch sei? Kann er an einer ihrer Handlungen beteiligt sein? Kann er sie sich selbst zuschreiben? Kann er sie mehr für seine eigenen Halten als die Handlungen beliebiger anderer Menschen, die irgendwann gelebt haben? Somit erstreckt sich dieses Bewußtsein auf keine Handlung eines dieser Männer. Folglich ist ein solcher Mensch ebensowenig mit ihnen dasselbe  Ich,  wie wenn die Seele oder der immaterielle Geist, die ihm jetzt innewohnen, in dem Augenblick geschaffen worden wären und zu bestehen angefangen hätten, als sie in seinen gegenwärtigen Körper eintraten. Daran ändert sich nichts, selbst wenn es wahr wäre, daß derselbe  Geist,  der den Körper des NESTOR oder THERSITES beseelte, numerisch mit dem identisch ist, der nunmehr in ihm wohnt. Denn dadurch würde dieser Mann ebensowenig zu einer mit NESTOR identischen Person, wie wenn einige Partikel der Materieteilchen, die einst ein Teil des NESTOR ausmachten, jetzt zu ihm selbst gehörten. Denn eine sich selbst gleiche immaterielle Substanz ohne ein sich selbst gleiches Bewußtsein begründet durch die Verbindung mit irgendeinem Körper die Identität einer Person ebensowenig, wie ein sich selbst gleiches Teilchen der Materie ohne Bewußtsein dies tut. Sobald aber ein solcher Mensch sich irgendeiner Handlung des NESTOR bewußt wird, dann wird er auch seiner Identität mit NESTOR gewahr.

15. Auf diese Weise kann man sich ohne Schwierigkeiten vorstellen, daß bei der Auferstehung dieselbe Person vorhanden sein kann, sei es auch in einem Körper, der seiner Bildungsweise und seinen Bestandteilen nach nicht genau mit dem irdischen übereinstimmt, indem nämlich dasselbe Bewußtsein mit der dem Körper innewohnenden Seele verknüpft ist. Beim Wechsel der Körper würde jedoch kein Mensch die Seele allein für ausreichend halten, um die Identität eines Menschen zu begründen; es sei denn, jemand setze die Seele mit dem Menschen gleich. Nehmen wir an, die Seele eines Fürsten, die das Bewußtsein des vergangenen Lebens des Fürsten mit sich führt, träte in den Körper eines Schusters ein und beseelte ihn, sobald dessen eigene Seele ihn verlassen hätte. Jeder sieht ein, daß der Schuster dann dieselbe PERSON sein würde wie der Fürst und nur für dessen Taten verantwortlich. Aber wer würde sagen, es sei ein und derselbe  Mensch?  Auch der Körper gehört also mit zum Begriff des Menschen. Ja, ich vermute, in diesem Fall würde der Körper nach jedermanns Ansicht über den Menschen entscheiden. Denn die Seele würde trotz all ihrer fürstlichen Gedanken keinen anderen Menschen aus ihm machen. Vielmehr würde jener Mensch für jeden, sich selbst ausgenommen, derselbe Schuster sein. Ich weiß wohl, daß man im gewöhnlichen Sprachgebrauch unter "derselben Person" und "demselben Menschen" ein und dasselbe Ding versteht. Freilich steht es jedem jederzeit frei zu sprechen, wie es ihm gefällt; er kann beliebige artikulierte Laute auf beliebige Ideen anwenden und sie verändern, so oft es ihm paßt. Wenn wir jedoch untersuchen wollen, was die Identität eines  Geistes,  eines  Menschen  oder einer  Person  begründet, müssen wir in unserem Verstand die Ideen von Geist, Mensch und Person festlegen. Sind wir uns darüber klar geworden, was wir darunter verstehen, so wird es nicht schwer sein, bei jedem von diesen oder ähnlichen Dingen zu entscheiden, wann etwas dasselbe ist und wann nicht.

16. Nun macht zwar dieselbe immaterielle Substanz oder Seele nicht für sich allein, gleichviel wo und in welchem Zustand, denselben  Menschen  aus. Es ist jedoch klar, daß das Bewußtsein, so weit es sich nur immer ausdehnen läßt, und wäre es auch auf vergangene Zeitalter, zeitlich sehr fernliegende Existenzen und Handlungen ebensogut in ein und derselben  Person  vereinigt wie die Existenzen und Handlungen des unmittelbar voraufgehenden Zeitpunktes. Somit ist alles, was das Bewußtsein gegenwärtiger und vergangener Handlungen besitzt, dieselbe Person, der beiderlei Handlungen angehören. Stellen wir uns vor, ich wäre mir ebenso bewußt, daß ich die Arche Noah und die Sintflut erlebt habe, wie ich weiß, daß ich im letzten Winter eine Überschwemmung der Themse gesehen habe oder daß ich jetzt schreibe. Ich könnte dann gar nicht daran zweifeln, daß ich, der ich jetzt schreibe, die Überschwemmung der Themse im letzten Winter erlebt und die Wasser der Sintflut gesehen habe, dasselbe  Ich  bin. Dabei ist es gleichgültig, aus welcher Substanz es besteht. Ja, an der eben erwähnten Tatsache könnte ich ebensowenig zweifeln wie daran, daß ich, der ich jetzt dieses schreibe, während einer solchen Tätigkeit derselbe bin, der ich gestern war, einerlei ob ich aus derselben materiellen oder immateriellen Substanz bestehe oder nicht. Denn für die Identität des Ich kommt es nicht darauf an, ob das gegenwärtige Ich aus denselben oder aus anderen Substanzen besteht; bin ich doch an jeder Handlung, die vor tausend Jahren vollzogen wurde, aber durch dieses Selbstbewußtsein zu meiner eigenen gemacht wird, ebenso beteiligt und rechtmäßig dafür verantwortlich wie für das, was ich vor einem Augenblick getan habe.

17. Das  Ich  ist das bewußt denkende Wesen, egal aus welcher Substanz es besteht (ob aus geistiger oder materieller, einfacher oder zusammengesetzter), das für Freude und Schmerz empfindlich und sich seiner bewußt ist, das für Glück und Unglück empfänglich ist und sich deshalb soweit um sich selber kümmert, wie jenes Bewußtsein sich erstreckt. So sieht jeder, daß sein kleiner Finger, solange er von diesem Bewußtsein erfaßt wird, ebensogut einen Teil seines Selbst ausmacht wie das, was am allerersten dazu gehört. Sollte ihm bei einer Abtrennung dieses Gliedes das Bewußtsein folgen und aus dem übrigen Körper entschwinden, so würde offenbar der kleine Finger die Person, dieselbe Person sein; das Selbst würde mit dem übrigen Teil des Körpers nichts zu tun zu haben. In diesem Fall, wo ein Teil vom anderen losgelöst wird, begründet das Bewußtsein, das die Substanz begleitet, die Identität der Person und macht dieses untrennbare Selbst aus. Ebenso verhält es sich mit zeitlich getrennten Substanzen. Dasjenige, womit sich das Bewußtsein dieses gegenwärtig denkenden Wesens vereinigen  kann,  macht dieselbe Person aus und bildet mit ihm, und mit nichts anderem, dasselbe Ich. Es schreibt sich somit alle Handlungen jenes Wesens selber zu und erkennt sie als seine eigenen soweit an, wie jenes Bewußtsein reicht, aber auch nicht weiter. Das wird jeder, der darüber nachdenkt, erkennen.

18. Auf diese Identität der Person allein gründet sich das Recht und die Gerechtigkeit von Lohn und Strafe, weil Glück und Unglück das sind, woran jeder um  seiner selbst  willen interessiert ist, während es ihn nicht kümmert, was aus irgendeiner  Substanz  wird, die mit seinem Bewußtsein verknüpft ist und davon nicht berührt wird. Denn wie das eben erwähnte Beispiel klar zeigt, würde das Bewußtsein, das dem abgetrennten kleinen Finger folgen würde, dasselbe Selbst sein, das gestern um den ganzen Körper als einen Teil seines Selbst bekümmert war; es müßte seine damaligen Handlungen noch jetzt notwendig als seine eigenen anerkennen. Gesetzt den Fall, derselbe Körper würde unmittelbar nach seiner Trennung vom kleinen Finger weiterleben und sein eigenes besonderes Bewußtsein erhalten, wovon dem kleinen Finger nichts bekannt wäre, dann würde sich der Körper nicht im mindesten um den kleinen Finger als um einen Teil seines Selbst kümmern und könnte auch keine von dessen Handlungen als die seinen anerkennen oder sich zurechnen lassen.

19. Das mag uns zeigen, worin die Identität der Person besteht. Sie besteht nämlich nicht in der Identität der Substanz, sondern, wie ich sagte, in der Identität des Bewußtseins. Wenn SOKRATES und der gegenwärtige Bürgermeister von Queinborough hierin übereinstimmen, so sind sie dieselbe Person. Wenn derselbe SOKRATES im Wachen und im Schlafen nicht an demselben Bewußtsein teilhat, dann sind der wachende und der schlafende SOKRATES nicht dieselbe Person. Es wäre ebenso ungerecht, den wachenden SOKRATES für das, was der schlafende dachte und was dem wachenden nie bewußt wurde, zu bestrafen, wie einen von zwei Zwillingen für die ihm unbekannten Taten des anderen zur Rechenschaft zu ziehen, weil ihre äußere Erscheinung sich so ähnelt, daß man sie nicht unterscheiden kann. Solche Zwillinge hat es nämlich schon gegeben.

20. Doch wird vielleicht noch folgendes eingewendet werden: Angenommen, ich verlöre vollständig und unwiederbringlich die Erinnerung an gewisse Zeiten meines Lebens, so daß sie mir vielleicht nie wieder zu Bewußtsein kommen. Würde ich dann nicht doch dieselbe Person sein, die jene Handlungen ausführte und jene Gedanken hegte, die mir einst bewußt waren, obgleich ich sie jetzt vergessen habe? Darauf antworte ich: Wir müssen hier beachten, worauf das Wörtchen  Ich  angewendet wird. In diesem Fall ist damit offenbar nur der  Mensch  gemeint. Da man nun annimmt, daß derselbe Mensch auch dieselbe Person sei, so wird ohne weiteres vorausgesetzt, daß das "Ich" auch dieselbe Person bezeichnet. Wenn es jedoch für denselben Menschen möglich wäre, zu verschiedenen Zeiten je ein besonderes unübertragbares Bewußtsein zu haben, dann würde zweifellos derselbe Mensch zu verschiedenen Zeiten verschiedene Personen darstellen. Das ist dann auch, wie wir sehen, dort die Meinung der Menschen, wo sie ihre Ansichten am ernsthaftesten ausdrücken. Die menschlichen Gesetze nämlich bestrafen den Wahnsinnigen nicht für die Taten des Vernünftigen, noch den Vernünftigen für die Handlungen des Wahnsinnigen. Sie machen somit zwei verschiedene Personen aus dem Menschn. Das kommt in gewisser Weise auch im einglischen Sprachgebrauch zum Ausdruck, wenn wir sagen, jemand sei nicht "er selbst" oder er sei "außer sich". Solche Wendungen lassen erkennen, daß jene, die sie jetzt gebrauchen, oder zumindest jene, die sie zuerst verwendeten, annahmen, daß jenes Selbst gewechselt habe, daß dieselbe Person sich nicht mehr in demselben Menschen befinde.

21. Gleichwohl ist sehr schwer zu begreifen, daß SOKRATES, ein und dasselbe menschliche Individuum, zwei Personen sein soll. Um uns hier zu helfen, müssen wir erwägen, was man unter SOKRATES oder demselben individuellen  Menschen  versteht. Es muß entweder
     erstens:  dieselbe individuelle, immaterielle, denkende Substanz sein, mit einem Wort: numerisch dieselbe Seele und nichts anderes oder

     zweitens:  dasselbe lebende Wesen, ohne Rücksicht auf eine immaterielle Seele, oder

     drittens:  derselbe immaterielle Geist in Verbindung mit demselben lebenden Wesen.
Für welche von diesen Annahmen wir uns auch entscheiden mögen, jedenfalls kann die Identität der Person unmöglich in etwas anderem als im Bewußtsein bestehen; sie kann auch nie über dieses Bewußtsein hinausreichen.

Denn im ersten Fall müßte es für möglich gehalten werden, daß ein zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Frauen zur Welt gebrachter Mensch derselbe Mensch sein könnte. Wer diese Ausdrucksweise zuläßt, muß auch anerkennen, daß ein und derselbe Menschen ebensogut zwei verschiedene Personen sein können, wie es zwei Menschen sind, die zu verschiedenen Zeiten gelebt haben, ohne wechselseitig von ihren Gedanken etwas zu wissen.

Nach der zweiten und dritten Auffassung kann SOKRATES in diesem Leben und nach ihm immer nur durch dasselbe Bewußtsein derselbe Mensch sein. Wenn wir die Identität des Menschen und die der Person auf diese Weise in demselben Ding bestehen lassen, so kann man uns ohne Schwierigkeit zugeben, daß derselbe Mensch dieselbe Person sei. In diesem Fall müssen aber diejenigen, die die Identität des Menschen lediglich in das Bewußtsein und in nichts anderes setzen, zusehen, wie sie SOKRATES als Kind und SOKRATES nach der Auferstehung zu ein und demselben Menschen verklären wollen. Was nun aber nach Ansicht mancher Leute einen Menschen und folglich auch denselben individuellen Menschen ausmacht, ein Punkt, worin vielleicht nur wenige übereinstimmen, die Identität der Person können wir jedenfalls, ohne uns in große Widersprüche zu verwickeln, in nichts anderes setzen, als in ein Bewußtsein (welches allein das ausmacht, was wir unser  Selbst  nennen.)

22. Ist aber nicht ein Mensch im trunkenen und im nüchternen Zustand dieselbe Person? Warum wird er sonst für die in der Trunkenheit begangene Tat bestraft, obwohl er sich ihrer hinterher nie bewußt ist? Nun, er ist ebenso dieselbe Person, wie ein Mensch, der im Schlaf umhergeht und manches andere tut, dieselbe Person und für alles Unheil verantwortlich ist, das er in diesem Zustand anrichtet. Unsere menschlichen Gesetze bestrafen beide mit einer Gerechtigkeit, die  unserer  Erkenntnisweise entspricht. Denn wir können in diesen Fällen nicht sicher unterscheiden, was wirklich und was Verstellung ist. Darum gilt Unwissenheit im trunkenen Zustand und im Schlaf nicht als Entschuldigung. Denn obgleich die Strafe an die Persönlichekt und die Persönlichkeit an das Bewußtsein geknüpft ist und der Trunkene sich seiner Tat vielleicht nicht bewußt wird, so bestrafen ihn die menschlichen Gerichte mit Recht; denn die Tat, die ihn belastet, ist bewiesen, während sich der Mangel des Bewußtseins, der ihn entlastet, nicht nachweisen läßt. Wir dürfen jedoch wohl mit Recht annehmen, daß an jenem großen Tag, da die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden, niemand für etwas zur Rechenschaft gezogen werden wird, wovon er nichts weiß, sondern daß jeder sein Urteil empfangen wird, je nachdem sein Gewissen ihn anklagt oder entschuldigt.

23. Nur das Bewußtsein kann fernstehende Existenzen zu ein und derselben Person vereinigen. Die Identität der Substanz ist dazu nicht imstande. Denn welche Art von Substanz auch immer vorhanden sein und wie sie auch beschaffen sein mag, so ist sie doch ohne Bewußtsein keine Person; ein Leichnam könnte dann ebensogut eine Person sein wie jede andere Art von Substanz ohne Bewußtsein.

Nehmen wir an, wir könnten uns zwei Arten von Bewußtsein vorstellen, die selbständig und unübertragbar in ein und demselben Körper wirksam wären - die eine immer bei Tag, die andere bei Nacht -, und umgekehrt ein und dasselbe Bewußtsein, das abwechselnd auf zwei verschiedene Körper einwirkt. Ich frage im ersten Fall: Sind nicht der Mensch bei Tag und der Mensch bei Nacht ebensogut zwei selbständige Personen wie es SOKRATES und PLATO sind? Im zweiten Fall frage ich: Handelt es sich dabei nicht um eine Person in zwei verschiedenen Körpern, ebenso wie ein Mensch in zwei verschiedenen Anzügen derselbe Mensch ist? Ganz unwesentlich wäre es, wollte man erwidern, daß in den obengenannten Fällen dasselbe und das verschiedene Bewußtsein das eine Mal ein und derselben, das andere Mal zwei verschiedenen immateriellen Substanzen zukommt, mit denen es den Körpern zugeführt wird. Mag diese Behauptung nun richtig oder falsch sein, sie ändert jedenfalls nichts an der Sachlage. Denn es liegt klar zutgae, daß die Identität der Person in jedem Fall durch das Bewußtsein bestimmt werden würde. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieses an eine individuelle, immaterielle Substanz gebunden ist oder nicht. Denn zugegeben, daß man sich die denkende Substanz im Menschen notwendig als immateriell vorstellen muß, so ist jedenfalls klar, daß dieses immaterielle denkende Ding sich zuweilen vom Bewußtsein des Vergangenen lösen und es auch wiedererlangen kann. Das zeigt sich darin, daß die Menschen oft ihre vergangenen Handlungen vergessen und daß der Geist nicht selten die Erinnerung an vergangene Dinge wiedererlangt, die ihm seit vollen zwanzig Jahren aus dem Bewußtsein geschwunden waren. Läßt man diese Perioden des Erinnerns und Vergessens regelmäßig Tag und Nacht abwechseln, so hat man zwei Personen mit demselben immateriellen Geist, ebenso wie wir im früheren Beispiel zwei Personen mit demselben Körper haben. Somit ist das Selbst nicht durch die Identität oder Verschiedenheit einer Substanz bestimmt, worüber es keine Gewißheit erlangen kann, sondern lediglich durch die Identität des Bewußtseins.

24. Allerdings kann sich as Selbst vorstellen, daß die Substanz, aus der es jetzt besteht, schon früher existiert hat und mit demselben bewußten Wesen verbunden war. Nimmt man aber das Bewußtsein weg, so ist jene Substanz ebensowenig das Selbst und bildet ebensowenig einen Teil desselben wie irgendeine andere Substanz. Das erhellt sich aus dem schon genannten Beispil vom abgeschnittenen Glied, von dessen Wärme, Kälte oder anderen Zuständen man kein Bewußtsein mehr hat und das darum ebensowenig zum Selbst eines Menschen gehört wie irgendein sonstiges Materieteilchen im Weltall. Dasselbe gilt von jeder immateriellen Substanz, der das Bewußtsein fehlt, wodurch ich für mich selbst ich selbst bin. Wenn es einen Teil ihrer Existenz gibt, den ich trotz aller Besinnung nicht mit dem gegenwärtigen Bewußtsein, wodurch ich für mich selbst ich selbst bin, verknüpfen kann, so ist es, was jenen Teil ihrer Existenz betrifft, ebensowenig  mein eigenes Selbst  wie irgendein anderes immaterielles Wesen. Was eine Substanz auch gedacht oder getan haben mag, - woran ich mich nicht erinnern kann, was ich nicht durch mein Bewußtsein zu meinen eigenen Gedanken und Taten machen kann, gehört mir ebensowenig an - mag es auch ein Teil von mir gedacht oder getan haben -, wie wenn es von einem beliebigen anderen immateriellen Wesen gedacht oder getan worden wäre, das irgendwo existiert.

25. Ich gebe zu, es ist wahrscheinlicher, daß dieses Bewußtsein mit einer einzigen, individuellen, immateriellen Substanz verknüpft ist und eine Eigenschaft derselben darstellt.

Doch diese Fragen mögen die Menschen ihren verschiedenen Hypothesen gemäß so entscheiden, wie es ihnen gefällt. Jedenfalls muß jedes vernunftbegabte Wesen, das für Glück und Unglück empfänglich ist, zugeben, daß es ein Etwas gibt, was  sein Selbst  ist, woran es interessiert ist und was es glücklich sehen möchte. Man muß ferner zugestehen, daß dieses Selbst in einer stetigen Dauer länger als einen Augenblick bestanden hat und darum wie in der Vergangenheit, so auch in der Zukunft möglicherweise au Monate und Jahre hinaus weiterbestehen kann, ohne daß man seiner Dauer bestimmte Grenzen setzen könnte, und daß es durch das für die Zukunft fortgesetzte Bewußtsein dasselbe Selbst bleiben kann. So findet man durch dieses Bewußtsein, daß man dasselbe Selbst ist, das vor einigen Jahren eine bestimmte Handlung vollzog, aufgrund derer man jetzt glücklich oder unglücklich ist. Bei dieser Auffassung des Selbst wird nicht die numerische Identität der  Substanz,  sondern die Identität des fortdauernden  Bewußtseins  als dasjenige angesehen, was dasselbe Selbst begründet. In diesem Bewußtsein können mehrere Substanzen vereinigt gewesen sein, um dann wieder davon getrennt zu werden. Diese Substanzen bildeten dabei einen Teil desselben Selbst, solange sie in einer lebensfähigen Verbindung mit dem damaligen Sitz dieses Bewußtseins standen. So bildet jeder Teil unseres Körpers, der mit dem, was in uns Bewußtsein hat, lebensfähig verbundent ist, einen Teil unseres Selbst. Sobald aber die lebensfähige Verbindung, durch die jenes Bewußtsein mitgeteilt wird, gelöst ist, bildet das, was eben noch ein Teil unseres Selbst war, ebensowenig noch einen solchen, wie ein Teil des Selbst irgendeines anderen Menschen einen Teil meines Selbst ausmacht. Ja, es ist nicht unmögilch, daß es in kurzer Zeit tatsächlich ein Teil einer anderen Person werden kann. So sehen wir, wie dieselbe numerische Substanz ein Teil von zwei verschiedenen Personen wird, während sich dieselbe Person bei einem Wechsel verschiedener Substanzen erhält. Könnten wir uns ein geistiges Wesen vorstellen, das alle Erinnerungen oder alles Bewußtsein seiner vergangenen Handlungen eingebüßte hätte, wie das bei unserem Geist hinsichtlich eines großen Teils, mitunter auch hinsichtlich aller unserer Handlungen der Fall ist, so würde durch die Verbindung oder Trennung einer solchen geistigen Substanz ebensowenig eine Veränderung der Identität der Person herbeigeführt werden wie durch die irgendeines Teilchens der Materie. Jede Substanz, die mit dem gegenwärtig denkenden Wesen lebensfähig verbunden ist, ist ein Teil eben desselben Selbst, das dann gerade besteht. Alles, was durch das Bewußtsein früherer Handlungen mit ihm verbunden ist, bildet gleichfalls einen Teil desselben Selbst, das damals und jetzt dasselbe ist.

26. Der Name für dieses Selbst ist meines Erachtens nach das Wort  Person.  Überall, wo jemand das findet, was er sein "Ich-Selbst" nennt, kann meiner Meinung nach ein anderer sagen, es sei dieselbe Person vorhanden. Es ist ein juristischer Ausdruck, der sich auf Handlungen und ihren Lohn bezieht; er findet also nur bei vernunftbegabten Wesen Anwendung, für die es Gesetze geben kann und die glücklich und unglücklich sein können. Diese Persönlichkeit erstreckt sich vom gegenwärtigen Dasein nur durch das Bewußtsein, durch das sie beteiligt und verantwortlich wird in die Vergangenheit zurück, durch das Bewußtsein, durch das sie beteiligt und verantwortlich wird und sich vergangene Handlungen mit derselben Begründung und aus derselben Ursache zueignet und zurechnet wie die gegenwärtigen. Das alles beruth auf einem Interesse am Glück, das die unvermeidliche Begleiterscheinung des Bewußtseins ist; denn das Wesen, das sich der Freude und des Schmerzes bewußt ist, wünscht, daß dieses bewußte Selbst glücklich sei. Deshalb kann es an allen vergangenen Handlungen, die es nicht mit Hilfe des Bewußtseins mit dem gegenwärtigen Ich vereinigen oder ihm  zueignen  kann, nicht mehr interessiert sein als an Handlungen, die überhaupt nicht stattgefunden haben. Wenn es wegen einer solchen Handlung Freude oder Schmerz, das heißt Lohn oder Strafe, erführe, so bedeutete das, daß es gleich am Anfang seines Daseins ohne jedes Verdienst und Verschulden glücklich oder unglücklich gemacht worden wäre. Nehmen wir an, ein  Mensch  würde jetzt für das bestraft, was er in einem anderen Leben getan hat, wovon aber durchaus kein Bewußtsein in ihm erweckt werden könnte. Wie unterscheidet sich eine solche Bestrafung davon, daß man unglücklich  erschaffen  ist? In Übereinstimmung damit sagt uns dann auch der Apostel, daß an dem großen Tag, an dem jeder, "der nach seinen Taten empfangen wird, die Geheimnisse aller Herzen offenbar werden sollen." (3) Das Urteil wird dadurch gerechtfertigt werden, daß sich alle Personen dessen bewußt sein werden, daß  sie selbst  - egal in welchen Körpern sie erscheinen oder mit welchen Substanzen dieses Bewußtsein verknüpft ist -  eben  diejenigen sind, die bestimmte Handlungen begangen haben und dafür bestimmte Strafen verdienen.

27. Ich kann mir wohl denken, daß ich bei der Behandlung dieses Gegenstandes einige Voraussetzungen gemacht habe, die manchem Leser seltsam erscheinen werden und es vielleicht auch wirklich sind. Gleichwohl scheint es mir, daß sie bei unserer Unkenntnis von der Natur des denkenden Wesens in uns, das wir als  unser Selbst  betrachten, zu verzeihen sind. Wüßten wir, was es ist, oder in welcher Weise es an ein bestimmtes System flüchtiger Lebensgeister gebunden ist, oder ob es die Operationen des Denkens und Erinnerns auch außerhalb eines Körpers ausüben könnte, der wie der unsere eingerichtet ist, und ob es Gott so gefallen habe, daß ein solcher Geist immer nur mit einem solchen Körper verbunden sein soll, von dessen rechter Beschaffenheit der Organe sein Gedächtnis abhängen soll, so könnten wir die Absurdität einiger der von mir gemachten Voraussetzungen erkennen. Wenn wir aber. wie es (im Dunkel, das diese Dinge einhüllt) gewöhnlich der Fall ist, die Seele des Menschen für eine immaterielle Substanz halten, die von der Materie unabhängig ist und ihr gleichgültig gegenübersteht, dann kann es der Natur der Dinge nach überhaupt nicht absurd sein, wenn man sich vorstellt, daß dieselbe  Seele  zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen  Körpern  vereint sein und dann mit ihnen einen einzigen  Menschen  ausmachen könne. Nehmen wir doch auch an, daß das, was gestern ein Stück eines Schafkörpers war, morgen ein Teil eines Menschenkörpers sein und in dieser Vereinigung einen lebensfähigen Bestandteil des Selbst des MELIBOEUS [Hirten - wp] bilden kann, wie es früher ein Teil seines Schafbockes war.

28. Ich komme zum Schluß: Jede Substanz, die zu existieren beginnt, muß, solange sie existiert, notwendig dieselbe bleiben. Jede Zusammensetzung von Substanzen, die zu existieren beginnt, muß, solange die Verbindung dieser Substanzen andauert, ihrer Zusammensetzung nach dieselbe bleiben. Jeder Modus, der zu existieren beginnt, bleibt während der Dauer seiner Existenz derselbe. Dasselbe gilt auch dann, wenn die Zusammensetzung verschiedene Substanzen und verschiedene Modi in sich schließt. Daraus erhellt sich, daß die Schwierigkeit oder Unklarheit in dieser Frage mehr aus dem fehlerhaften Gebrauch der Namen als aus der Unklarheit, die in den Dingen selbst liegt, entspringt. Was auch immer die spezifische Idee ausmache, auf die der Name angewandt wird, - wenn an jener Idee nur ständig festgehalten wird, dann wird man leicht unterscheiden können, ob etwas dasselbe oder ein anderes ist. Hierüber kann kein Zweifel entstehen.

29. Nehmen wir an, die Idee des  Menschen  sei ein vernünftiger Geist, so ist leicht zu erkennen, was derselbe Mensch ist. Derselbe Geist nämlich, egal ob separat oder in einem Körper, wird offenbar  derselbe Mensch  sein. Angenommen, ein vernünftiger Geist in einer lebensfähigen Verbindung mit einem Körper von bestimmter Gestaltung der Teile soll einen Menschen ausmachen, dann wird  derselbe Mensch  vorhanden sein, solange sich jener vernünftige Geist in Verbindung mit jener lebensfähigen Gestaltung der Teile erhält. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Körper sich ständig verändert und erneuert. Wenn aber für irgendjemanden nur die lebensfähige Verbindung von Teilen in einer bestimmten Gestalt die Idee des Menschen ist, so wird ein  Mensch  solange  derselbe  sein, wie sich diese lebensfähige Verbindung und diese Gestalt eines einzelnen Menschen, der nur durch eine fortgesetzte Aufeinanderfolge flüchtiger Partikel derselben ist, erhalten kann. Was auch immer die Zusammensetzung sei, aus der die komplexe Idee gemacht ist: Wenn die Existenz sie zu einem Einzelding mit einer bestimmten Benennung macht, so erhält  dieselbe fortgesetzt Existenz  das Ding als  dasselbe  Individuum unter derselben Benennung.
LITERATUR - John Locke, Versuch über den menschlichen Verstand, Jena 1795
    Anmerkungen
    1) Dieses Kapitel wurde auf Vorschlag von MOLYNEUX in der zweiten Auflage hinzugefügt. Vgl. LOCKEs Briefe an MOLYNEUX vom 23. 8. 1693 und 8. 3. 1695.
    2) Sir WILLIAM TEMPLE in seinen "Memoirs of what passed in Christendom from 1672 to 1679", Seite 66
    3) Vgl. Röm. 2, 6 und 16.