cr-4von MeysenbugNietzscheMüller-FreienfelsF. RittelmeyerG. Brandes    
 
LOU ANDREAS-SALOMÉ
Friedrich Nietzsche
- sein Wesen

"Seitdem weite Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren, welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand."

"In  Nietzsche  lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und sich gegenseitig tyrannisierend, ein Musiker von hoher Begabung, ein Denker von freigeistiger Richtung, ein religiöses Genie und ein geborener Dichter."

"Es ist wunderbar genug, daß nicht längst die Assoziation von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmersam auf ihre innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat."

Motto: "Der Mensch mag sich noch so weit mit seiner Erkenntnis ausstrecken, sich selber noch so objektiv vorkommen: zuletzt trägt er doch Nichts davon, als seine eigen Biographie."
            (Menschliches, Allzumenschliches I, 513)


"Mihi ipsi scripsi!" [Ich schrieb es für mich selbst. - wp] ruft FRIEDRICH NIETZSCHE in seinen Briefen wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiß hat es etwas zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner Gedanken, und noch für die feinste Schattierung darin, den erschöpfenden Ausdruck zu finden. Dem, der NIETZSCHEs Schriften zu lesen weiß, ist es dann auch ein verräterisches Wort: es deutet die Verborgenheit an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, daß er im Grunde nur für sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein eigenes Selbst in Gedanken umsetzte.

Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Maß für NIETZSCHE, denn bei keinem Andern fallen äußeres Geisteswerk und inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz besonders zu, was er von den Philosophen überhaupt ausspricht: daß man ihre Systeme auf die Personalakten ihrer Urheber hin prüfen soll. Später hat er der gleichen Auffassung in den Worten Ausdruck gegeben
    "Allmählich hat sich mir herausgestellt, was jede große Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter  mémoires." (Jenseits von Gut und Böse 6)
Dies war dann auch der leitende Gedanke in meinem Entwurf zu einer Charakteristik NIETZSCHEs, den ich ihm im Oktober 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit enthielt im Umriß den ersten Teil des vorliegenden Buches und einzelne Abschnitte des zweiten Teils, - der Inhalt des dritten, das eigentliche "System Nietzsche" war damals noch nicht geboren. Im Laufe der Jahre erweiterte sich, im Anschluß an die rasch aufeinanderfolgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden. (1)

Es handelte sich für mich ausschließlich darum, die Hauptzüge von NIETZSCHEs geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem Zweck beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten sollten. Wer NIETZSCHE auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner Bedeutung vorzudringen. Denn der Wert seiner Gedanken liegt nicht in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit rede, - in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen,, aber doch nicht "totzumachen" ist. Wer andererseits von NIETZSCHEs äußerem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher der Geist entwichen ist. Denn man kann von NIETZSCHE sagenm, daß er nach außen hin eigentlich nichts erlebte (2): all sein Erleben war ein so tief innerliches, daß es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund, und in den Gedanken seiner Werke kundtat. Die Summe von Monologen, aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen bestehen, bilden ein einziges großes Memoirenwerk, dem sein Geistesbild zugrunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu zeichnen versuche: das  Gedanken-Erlebnis  in seiner Bedeutung für NIETZSCHEs Geisteswesen - das  Selbstbekenntnis  in seiner Philosophie.

Obgleich NIETZSCHE seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgendein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind, teils Jünger für ihn zu werben, teils gegen ihn zu polemisieren, so ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schar seiner Leser, die er stets besaß, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand, zu einer großen Schar von Anhängern gewachsen ist, seitdem weite Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren, welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand. Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen Lärm um seinen stillen Namen, - aber im Besten, durchaus Einzigartigen und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht übersehen worden und unbeachtet geblieben, - ja in eine vielleicht noch tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn zwar noch laut, mit der ganzen Naivität gläubiger Kritiklosigkeit, doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der Enttäuschte spricht: "Ich horchte auf Widerhall, und hörte nur Lob -" (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm wahrhaft nachgegangen, - fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem ungeheuren Wahn zusammenbrach.

Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuß sich in ihren Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt keiner den Mantel gehoben, - ja als stände er da mit der Klage seines "Zarathustra" auf den Lippen:
    "Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen, aber Niemand - denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine Gedanken."
FRIEDRICH WILHELM NIETZSCHE ist am 15. Oktober 1844 als der einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student der klassischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der berühmte Philologe FRIEDRICH RITSCHL lehrte. Er studierte fast ausschließlich unter RITSCHL, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt NIETZSCHEs erste persönliche Beziehung zu RICHARD WAGNER, den er 1868 im Haus von dessen Schwester, Frau Professor BROCKHAUS, kennenlernt, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut gemacht hatte. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität Basel den 24jährigen NIETZSCHE auf den Lehrstuhl des Philologen KIESSLING, der von dort an das  Johanneum  in Hamburg ging. NIETZSCHE erhielt erst eine außerordentliche, kurz darauf eine ordentliche Professur für klassische Philologie, und die Universität Leipzig verlieh ihm den Doktorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen Universitätskollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen in der dritten (höchsten) Klasse des Baseler Pädagogiums, - einer Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität, - an welcher noch andere Universitätsprofessoren, wie der Kulturhistoriker JACOB BURCKHARDT und der Philologe MÄHLY, lehrten. Hier gewann er großen Einfluß auf seine Schüler; sein seltenes Talent, junge Geister an sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu voller Geltung. BURCKHARDT sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer habe Basel noch niemals besessen. BURCKHARDT gehörte zum engsten Freundeskreis NIETZSCHEs, zu dem noch der Kirchenhistoriker FRANZ OVERBECK und der Kantphilosoph HEINRICH ROMUNDT zählten. Mit den beiden Letzeren wohnte NIETZSCHE zusammen in einem Haus, welches nach der Veröffentlichung der "Unzeitgemäßen Betrachtungen" in der Baseler Gesellschaft den Beinamen: "Die Gifthütte" erhielt. Gegen Schluß seines Baseler Aufenthaltes lebte NIETZSCHE eine Zeit lang mit seiner einzigen, fast gleichaltrigen Schwester zusammen, die später seinen Jugendfreund BERNHARD FÖRSTER heiratete und mit diesem nach Paraguay ging. 1870 machte NIETZSCHE den deutsch-französischen Krieg als freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Übelkeiten äußerte. Will man NIETZSCHEs eigenen, mündlichen Äußerungen Glauben schenken, so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so kopf- und augenkrank, daß er sich im Pädagogium vertreten lassen mußte, und von da ab verschlimmerte sich sein Zustand derartig, daß er mehrere Male dem Tod nahe war.
    "Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich gequält, - so lebe ich von Tag zu Tag; jeder Tag hat seine Krankengeschichte."
Mit diesen Worten schildert NIETZSCHE in einem Brief an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre zugebracht hat.

Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 im milden Klima von Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom war seine langjährige Freundin MALWIDA von MEYSENBUG (Verfasserin der bekannten "Memoiren einer Idealistin" und Anhängerin RICHARD WAGNERs) zu ihm gekommen; von Westpreußen Dr. PAUL REÉ, mit dem ihn schon damals eine Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen verband. Dem kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger brustkranker Baseler, Namens BRENNER, zugesellt, der jedoch bald darauf starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine Schmerzen blieb, gab NIETZSCHE 1878 seine Lehrtätigkeit am Pädagogium und 1879 seine Professur an der Universität endgültig auf. Seitdem führte er nur noch ein Einsiedlerleben, teils in Italien - meist in Genua - teils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner Dorf Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.

Sein äußerer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt: so daß uns der Denker NIETZSCHE, mit dem wir uns zu beschäftigen haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und Erlebnisse, die hier nur kurz skizziert worden sind, bei Gelegenheit der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt umfassen:

Zehn Jahre, 1869-1879, dauerte NIETZSCHEs Lehrtätigkeit in Basel; diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft WAGNER gegenüber und mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik SCHOPENHAUERs beeinflußt sind: sie währte von 1868 bis 1878, in welchem Jahr er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung WAGNER sein positivistisches Erstlingswerk: "Menschliches, Allzumenschliches" übersandte.

Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit PAUL REÉ, die im Herbst 1882 ihren Abschluß fand, - gleichzeitig mit der Vollendung der "Fröhlichen Wissenschaft", des letzten derjenigen Werke NIETZSCHEs, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.

Im Herbst 1882 faßte NIETZSCHE den Entschluß, sich zehn Jahre lang aller schriftstellerischen Tätigkeit zu enthalten. In dieser Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als ihr Verkünder auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführ, sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene Produktivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm angesetzten Jahrzehnts verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.

Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur und dem Aufhören aller geistigen Tätigkeit überhaupt umfaßt wiederum ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879-1889. Seitdem lebt NIETZSCHE als Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt vonn Professor BINSWANGER in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.

Die beiden in diesem Buch beigegebenen Bilder zeigen NIETZSCHE inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiß ist dies die Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Äußeres, am charakteristischsten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher der Gesamtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb, was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene, die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit, - das war der erste, starke Eindruck, durch den NIETZSCHEs Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgroße Mann in seiner überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten großen Schnurrbart fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen, - sie trug das Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön und edel geformt, so daß sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen, waren an NIETZSCHE die Hände, von denen er selbst glaubte, daß sie seinen Geist verraten, - eine darauf zielende Bemerkung findet sich in "Jenseits von Gut und Böse" (288):
    "Es gibt Menschen, welche auf eine unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, und die Hände vor die verräterischen Augen halten (- als ob die Hand kein Verräter wäre! -) (3)
Wahrhaft verräterisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besaßen sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden ungewollt Zudringlichen vieler Kurzsichtiger; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen ein ganz besondere Art von Zauber dadurch, daß sie, anstatt wechselnde, äußere Eindrücke widerzuspiegeln, nur das wiedergaben, was durch sein Inneres zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich, - weit über die nächsten Gegenstände hinweg, - in die Ferne, oder besser: in das Innere  wie  in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten Welten, nach "ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten" (Jenseits von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen und schwinden; - wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen Tiefen, - aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er mit Niemandem teilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen ein Grauen erfaßte, - und in die sein Geist zuletzt versank.

Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte auch NIETZSCHEs Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von großer Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen, wohlwollenden Gleichmut, - er hatte Freude an den vornehmen Formen im Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an der  Verkleidung, - Mantel und Maske für ein fast nie entblößtes Innenleben. Ich erinnere mich, daß, als ich NIETZSCHE zum ersten Mal sprach, - es war an einem Frühlingstag in der Peterskirche zu Rom, - während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm mich frappierte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der aus Wüste und Gebirge kommt, den Rockk der Allerweltsleute trägt; sehr bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefaßt hat:
    "Bei Allem, was ein Mensch  sichtbar werdenläßt, kann man fragen: was soll es  verbergen? Wovon soll es den Blick ablenken? Welches Vorurteil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?"
Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher NIETZSCHEs Innenleben ganz herausbegriffen werden muß, - einer sich stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.

In dem Maß, wie sie zunimmt, wird alles nach Außen gewandte Sein zum Schein, - zum bloßen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen eine erkennbare Oberfläche zu werden.
    "Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst eine Oberfläche anheucheln müssen." (Menschliches, Allzumenschliches II 232).
Ja, man kann selbst NIETZSCHEs Gedanken, sofern sie sich theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie entstiegen sind. Sie gleichen einer "Haut, welche etwas verrät, aber noch mehr verbirgt" (Jenseits von Gut und Böse 32); "denn", sagt er, "entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter seine Meinungen" (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von den "Verborgenen unter den Mänteln des Lichts" redet (Jenseits von Gut und Böse 44), - von denen, die sich ihre Gedankenklarheit  verhüllen. 

In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher NIETZSCHE in irgendeiner Art und Form der Maskierung,, und immer ist sie es, welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisiert.
    "Alles, was tief ist, liebt die Maske ... Jeder tiefe Geist braucht eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine Maske." (Jenseits von Gut und Böse 40)

    "Wanderer, wer bist Du? --- Ruhe Dich hier aus. --- erhole Dich! --- Was dient Dir zur Erholung? ---" "Zur Erholung? Zur Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da? Aber gib mir, ich bitte --" "Was? Was? sprich es aus! - "Eine Maske mehr! Eine zweite Mase! ..." (Jenseits von Gut und Böse 278)
Und zwar wird es sich uns aufdrängen, daß in dem Grad,, als seine Vereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf sich ausschließlicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner Äußerungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein immer weniger sichtbar zurückweichte. Schon in "Der Wanderer und sein Schatten" (175) weist er auf die "Mediokrität [Mittelmäßigkeit - wp] als Maske" hin.
    "Die Mediokrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist tragen kann, weil sie die große Menge, das heißt die Mediokren, nicht an Maskierung denken läßt -: und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor, - um  sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid und Güte."
Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich  verbirgt: 
    "- bisweilen ist die  Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzu gewisses Wissen" (Jenseits von Gut und Böse 270) -
und schließlich bis zu einem täuschenden Lichtbild, des göttlich Lachenden, das den Schmerz in Schönheit zu verklären strebt. So ist NIETZSCHE innerhalb seiner letzten philosophischen Mystik allmählich in jene letzte Einsamkeit versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken und deren Deutung übrig läßt, während er für uns bereits zu dem geworden ist, als den den er sich einmal in einem Brief unterschreibt: "Der auf ewig Abhandengekommene." (Brief vom 8. Juli 1881 aus Sils-Maria.)

Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen NIETZSCHEs der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will, - immer trägt er "die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich, wohin er auch geht." (Der Wanderer und sein Schatten 337) Und es drückt daher auch nur das Bedürfnis aus, daß das äußere Dasein seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freund schreibt (am 31. Oktober 1880 aus Italien):
    "Als Rezept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene, - und den Zustand, in dem wir unser Bestes schaffen können, muß man herstellen und viele Opfer dafür bringen können."
Den zwingenden Anlaß aber, sein Inneres Alleinsein so vollkommen wie möglich zu einem äußeren zu machen, bot ihm erst sein  körperliches Leiden,  welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr mit einzelnen seiner Freunde, - immer einen seltenen Verkehr zu Zweien, - nur mit großen Unterbrechungen möglich machte.

Leiden und Einsamkeit, - das sind also die beiden großen Schicksalszüge in NIETZSCHEs Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt, je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äußerlich  gegebenes Lebenslos,  und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine  gewollte innere  Notwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit, reflektierte und symbolisierte etwas Tiefinnerliches - und dies so unmittelbar, daß er es auch in seine äußere Schickung aufnahm wie einen ihm zugedachten ernsten Freund und Weggenossen. So Schreibt er einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäußerung (Ende 1881 aus Sils-Maria):
    "Es jammert mich immer zu hören, daß Sie leiden, daß Ihnen irgendetwas fehlt, daß Sie jemanden verloren haben: während bei  mir Leiden und Entbehrung  zur Sache gehoren und nicht, wie bei  Ihnen, zum Unnötigen und zur Unvernunft des Daseins."
Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten Aphorismen über den  Wert des Leidens für die Erkenntnis. 

Er schildert den Einfluß der Stimmungen des Kranken und des Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Übergänge solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen und das Bewußtsein zweier Wesenheiten. Sie läßt alle Dinge immer wieder auch dem Geist neu werden, - "neu schmecken"  nennt er es einmal höchst treffend, - und setzt ganz neue Augen auch noch für das Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der Frische und dem lichten Tau der Morgenschönheit, weil  eine Nacht´  es vom vorhergehenden Tag getrennt hat. So wird jede Genesung ihm zu einer Palingenesis [Wiedergeburt früherer Eigenschaften - wp] seiner selbst und darin zugleich des Lebens um ihn, - und immer wieder ist der Schmerz "verschlungen in den Sieg".

Deutet NIETZSCHE es schon selbst an, daß die Natur seines physischen Leidens sich gewissermaßen in seinen Gedanken und Werken widerspiegelt, so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes betrachtet. Man steht nicht jenen allmählichen Veränderungen des Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner natürlichen Größe entgegenwächst, - nicht den Wandlungen des  Wachstums:  sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes nichts Anderen zu entspringen scheinen, als einem  Erkranken an Gedanken und einem Genesen an Gedanken. 

Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschließen sich ihm neue Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat er an ihnen ausgeruht und sie seiner Kraft assimiliert [angepaßt - wp], - da ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein unruhig drängender Überschuß an innerer Energie, der zuletzt seinen Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken läßt. "Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft", sagt NIETZSCHE im Vorwort zur "Götzendämmerung" (Seite 1); - in diesem Zuviel tut seine Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen, reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist fruchtbar werden will. (4) Mit der stolzen Behauptung: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!" (Götzendämmerung, Sprüche und Pfeile 8) geißelt er sich, - nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tod, aber eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses  Schmerzfordernde  zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte NIETZSCHEs als die eigentliche  Geistesquelle  in ihr; er spricht es am treffendsten in den Worten aus:
    "Geist ist das Leben, das selber ins Leben schneidet: an der eigenen Qual mehrt es sich das eigene Wissen, - wußtet ihr das schon? Und des Geistes Glück, ist dies: gesalbt zu sein und durch Tränen geweiht zum Opfertier, - wußtet ihr das schon? --- Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboß nicht der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!" (Also sprach Zarathustra II 33)

    "Jene Spannung der Seele im Unglück, --- ihre Schauer im Anblick des großen Zugrundegehens, ihre Empfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimnis, Maske, Geist, List, Größe geschenkt worden ist: - ist es ihr nicht unter Leiden, unter der Zucht des großen Leidens geschenkt worden?" (Jenseits von Gut und Böse 225)
Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigentümlichkeit, daß aus dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben müssen; jedesmal bedarf es einer hohen Glut der Seele, wo es zu höchster Klarheit, zu einem hellen Licht der Erkenntnis kommen soll, - aber nie darf diese Glut in wohltuender Wärme ausströmen, sondern muß verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier gehört, - wie er es in dem oben angeführten Brief ausdrückt, - "das Leiden zur Sache".

Wie NIETZSCHEs körperliches Leiden der Anlaß zu seiner äußeren Vereinsamung wurde, so muß auch in seinem psychischen Leidenszustand einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten Individualismus, für die strenge Betonung des "Einzelnen" als des "Einsamen" in NIETZSCHEs besonderem Sinn. Die Geschichte des "Einzelnen" ist durchaus eine  Leidensgeschichte  und nicht mit irgendeinem allgemeinen Individualismus zu vergleichen, - ihr Inhalt lautet viel weniger: "Selbstgenügsamkeit" als:  "Selbsterduldung".  Betrachtet man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann liest man die Geschichte ebenso vieler Selbstverwundungen, und es verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn  Nietzsche  über seine Philosophie die kühnen Worte setzt:
    "Dieser Denker braucht niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!" (Der Wanderer und sein Schatten 249)
Seine außerordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntnis immer wieder heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom Neuerrungenen jedesmal umso erschütternder zu gestalten. "Ich komme! brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!" gebietet ihm der Geist, und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf den Lippen:
    "Ich muß den Fuß weiter heben, diesen müden, verwundeten Fuß: und weil ich muß, so habe ich oft für das Schönste, das micht nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick, -  weil es mich nicht halten konnte!" (Fröhliche Wissenschaft 309)
Sobald ihm in einer Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst sein Wort: "Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus." (Jenseits von Gut und Böse 73) (5)

Der  Meinungswechsel,  der  Wandlungsdrang  stecken daher der Philosophie NIETZSCHEs tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlußlied von "Jenseits von Gut und Böse" einen:
    "Ringer, der zu oft sich selbst bezwungen, - Zu oft sich gegen eigene Kraft gestemmt, - Durch eigenen Sieg verwundet und gehemmt."
Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigene Überzeugung preiszugeben, nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der  Überzeugungstreue (6) ein. "Wir würden uns für unsere Meinungen nicht verbrennen lassen:" heißt es in "Der Wanderer und sein Schatten" (333), "wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, daß wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen." Und in der "Morgenröte" (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten aus.
    "Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was  gegen Deinen Gedanken gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du mußt jeden Tag auch Deinen Feldzug gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit, - aber auch Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!"
Darüber steht als Titel: "Inwiefern der Denker seinen Feind liebt." Aber diese Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, daß im Feind ein künftiger Genosse verborgen sein könnte, und daß nur des Unterliegenden neue Siege harren: sie entspringt der Ahnung, daß für ihn stets der gleiche, schmerzliche Seelenprozeß der Selbstverwandlung eine unumgängliche Bedingung aller Schaffenskraft ist.
    "Der  Geist ist es, der uns rettet, daß wir nicht ganz verglühen und verkohlen. -- Vom Feuer erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung zu Meinung, -- als  edle Verräter aller Dinge." (Menschliches, Allzumenschliches, I 637)

    "- wir  müssen  Verräter werden, Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben." (Menschliches, Allzumenschliches, I 629)
Dieser Einsame mußte gleichsam sich selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in dem Maße, als er sich in sich selber abschloß; - nur so vermochte er geistig zu leben. Der Selbstverwunderungstrieb war nur eine Art seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden.
    "Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse! ----- Und nur wo Gräber sind, gibt es Auferstehungen! --- Also sang Zarathustra;" (II, 46)
Er, zu dem das Lebeneinst "dies Geheimnis redete": "siehe, sprach es, ich bin das, was sich immer selber überwinden muß." (II 49) (7)

Über nichts hat wohl NIETZSCHE so oft und so tief nachgedacht, wie über dieses sein eigenes Wesensrätsel, und über nichts können wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnisrätsel nichts anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltloser wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung seines Selbstbildes, - und desto naiver legte er es dem Allbild als solchem unter. Wie unter den Philosophen abstrakte Systematiker ihre eigenen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so verallgemeinert NIETZSCHE seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämtlichen Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Teilen geschieht. Ein gewisses Verständnis dafür ist auch schon hier möglich, wo NIETZSCHE lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet wird. Der Reichtum derselben ist zu mannigfaltig, als daß er in einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und der Machtwille jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen notwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller Talente. In NIETZSCHE lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und sich gegenseitig tyrannisierend, ein Musiker von hoher Begabung, ein Denker von freigeistiger Richtung, ein religiöses Genie und ein geborener Dichter. NIETZSCHE selbst versuchte, daraus die Besonderheit seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in eingehenden Gesprächen darüber.

Er unterschied zwei große Hauptgruppen von Charkateren: solche, deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe verglich er, - innerhalb des einzelnen Individuums, - mit dem Zustand der Menschheit zur Zeit des Herdenwesens, vor aller staatlichen Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Krieg Aller gegen Alle leben würden; - die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermaßen in eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine Subjekt-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von außen her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann, die über Alle zu herrschen weiß: gleich einem Gesetz staatlicher Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den zuerst geschilderten Naturen ganz instinktmäßig vor sich geht - die Einordnung des Einzelnen ins Ganze, - das muß hier erst erobert und den tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich feste Rangordnung der Triebe untereinander. (8)

Man sieht, hier ist der Punkt, an welchem NIETZSCHE die Möglichkeit einer  Selbstbehauptung als Ganzes durch das Leiden alles Einzelnen  aufgegangen ist. Hier liegt wie in einer Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner späteren Dekadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es gibt die Möglichkeit eines höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden und Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des  Heroismus als Ideal  auf. Die eigene qualvolle Unvollkommenheit riß ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: "Unsere Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen." (Menschliches, Allzumenschliches, II 86)

"Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leid und seiner höchsten Hoffnung entgegengehen" sagt er (Fröhliche Wissenschaft 269). Und ich füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb, und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen scheinen:
    "Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen Allentwicklung, - ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerter! Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe)." (9)
Weiter:
    "Heroismus - das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbstuntergang."
Und als drittes:
    "Menschen, die nach Größe streben, sind gewöhnlich böse Menschen; es ist ihre  einzige Art, sich zu ertragen."
Das Wort "böse" will hier ebenso wie oben das Wort "gut" weder im Sinn des landläufigen Urteils noch überhaupt im Sinne eines Urteils genommen werden, sondern bloß als Bezeichnung eines Tatbestandes: und als solche bezeichnet es für NIETZSCHE stets den "inneren Krieg" in einer Menschenseele, - dasselbe, was er später "Anarchie in den Instinkten" nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Weg einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes bis zum Kulturgebilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heißen da: Innenkrieg = Dekadenz, und Sieg = Selbstuntergang der Menschheit zur Erschaffung einer Übermenschheit. Ursprünglich aber handelt es sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.

Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des  handelnden  und des  erkennenden  Menschen, mit anderen Worten: den Typus seines Wesensgegensatzes und seinen eigenen.

Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungeteilte und Unzersetzte, der Instinktmensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen Entwicklung folgt, muß sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Taten sich entladen. Die Hemmnisse, welche die Außenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt, enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist ihm naturgemäßer, als der tapfere Kampf nach außen hin, in nichts erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr wie in seiner Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellekt klein oder groß sein: in jedem Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was ihr wohl tut und not tut, - er hat sich ihr in seinen Zielen nicht entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt,, er folgt nich eigenen Wegen.

Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen Zusammenschluß seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält, läßt er sie so weit wie irgendwie möglich auseinanderlaufen; je breiter das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine Zwecke, - für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr "das Leben ein Mittel der Erkenntnis" (Fröhliche Wissenschaft 324) und er ruft seinen Genossen zu ("Fröhliche Wisenschaft" 319): "Wir selber wollen unsere Experimente und Versuchtstiere sein!" So gibt er sich selbst freiwillig als Einheit auf, - je polyphoner [vielstimmiger - wp] sein Subjekt, desto lieber ist es ihm:
    "Scharf und milde, grob und fein,
    Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,
    Der Narren und Weisen Stelldichein:
    Dies alles bin ich, will ich sein,
    Taube zugleich, Schlange und Schwein!"
    (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11)
Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein
    "gegen Gott, Teufel, Schaf und Wurm in uns, ---- mit Vorder- und Hinterseelen, denen keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuß zu Ende laufen dürfte, -- wir die geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der  Einsamkeit --" (Jenseits von Gut und Böse 44)
Der Erkennende hat die Seele, welch
    "die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann, --- die  umfänglichste  Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen kann; --- die sucg selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreis einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süßesten zuredet: --- die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Flut haben ---." (Also sprach Zarathustra III 82)
Mit so einer Seele wird man zum "Tausendfuß und Tausend-Fühlhorn" (Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken:
    "Wenn man erst sich selber gefunden hat, muß man verstehen, sich von Zeit zu Zeit zu  verlieren - und dann wiederzufinden: vorausgesetzt, daß man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachteilig, immer an  eine  Person gebunden zu sein." (Der Wanderer und sein Schatten 306)
Das Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 33):
    "Verhaßt ist mir's schon, selber mich zu führen!
    Ich liebe es, gleich Wald- und Meerestieren,
    Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
    In holder Irrnis grüblerisch zu hocken.
    Von ferne her mich endlich heimzulocken,
    Mich selber zu mir selber - zu verführen."
Das Verscgeb ist überschrieben "Der Einsame", d. h. der von den Anforderungen und Kämpfen der Außenwelt möglichst Abgeschiedene; denn kriegstüchtig nach außen hin wird ein solches Innenleben in dem Maße weniger, je vollkommeer es benommen und bewegt ist von den Kriegen, Siegen, Niederlage und Eroberungen innerhalb seiner eigenen Triebe. In der Einsamkeit seier geistigen Selbstversenkung und Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schoned behütet vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draußen, - steht es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem Erkennenden die Schilderung:
    "-- das ist ein Mensch, der beständig außerordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; der von  seinen eigenen Gedanken wie von Außen her, -- als von  seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen getroffen wird." (Jenseits von Gut und Böse 292)
Die kriegerische Stellung der Triebe zueinander in seinem Innern ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert:
    "Wer aber die Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade hier als inspirierende Genien (oder Dämonen und Kobolde -) ihr Spiel getrieben haben mögen, wird finden, ---- daß jeder Einzelne von ihnen gerade  sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und als berechtigten  Herrn aller übrigen Triebe darstellen möchte. Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und  als solcher versucht er zu philosophieren." (Jenseits vo Gut und Böse 6)
Daher gerade legt die Erkenntnis des Erkennenden ein "etscheidendes Zeugnis dafür ab,  wer er ist, - das heißt, in welcher Rangordnung die innersten Triebe seiner Natur zueinander gestellt sind." (ebd.)

Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innenkrieg eine Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt, - eine rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntnis ist ein allen Triebe gemeinsames Ziel gegebenn, eine Richtung, der in jeder von ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen. Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit gebrochen. Die Triebe halten an ihrer "Subjekts-Vielheit" fest, aber sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dieernn und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerich, aber sie werden in ihrem Kriegsziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen und zu bluten berufen sind; das heroische Ideal ist inmitten ihrer Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg zur Größe. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zugunsten eines sicheren "Gesellschaftsbaus der Triebe und Affekte".

Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruchs von NIETZSCHE, der sehr bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und Tiefe seiner Natur ausdrücktf, - die Lust, die daraus entspringt, daß er sein Leben nunmehr als ein "Experiment des Erkennenden" (Fröhliche Wissenschaft 324) auffassen darf:
    "Einer alten, wetterfesten Burg gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in meine eigenen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können? sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?"
Dasselbe Gefühl gibt auch in der "Fröhlichen Wissenschaft" (249) der Aphorismus wieder, der die Überschrift trägt: "Der Seufzer des Erkennenden":
    "Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine Selbstlosigkeit, - vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches durch viele Individuen wie durch  seine Augen sehen und wie mit  seinen Händen greifen möchte, - ein auch die ganze Vergangenheit noch zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt gehören könnte! Oh über diese Flamme meiner Habsucht! Oh daß ich in hundert Wesen wiedergeboren würde!"
Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der unharmonischen, der "stillosen" Natur zu einem gewaltigen Vorzug:
    "Wollten und wagten wir eine Architektur nach  unserer Seelen-Art, ---- so müßte das Labyrinth unser Vorbild sein!" (Morgenröte 169)
- aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert, sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntnis hindurchdringt.
    "Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können", -
dieses Wort  Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. NIETZSCHE hat dies unter dem Namen: "Eine lichte Art von Schatten" geschildert (Der Wanderer und sein Schatten 258):
    "Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet sich fast regelmäßig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist gleichsam der negative Schatten, den jene werfen."
Diese Lichtseele ist umso strahlender, je mächtiger und nächtiger, als je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich gleichsam in ihr verbrennen läßt, - alle ihre Neigungen als Brennstoff in diese heilige Glut wirft. Die Art, in welcher dies geschieht, wechselt mit dem Erkenntnisstandpunkt des Erkennenden: NIETZSCHEs Auffassung dessen, was "Erkenntnis" ist, ist in seinen verschiedenen Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich auch jedesmal das, was er die "innere Rangordnung der Triebe" nennt, innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man kann sagen, daß aus denn wechselnden Bildern solcher Verschiebungen sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt, bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Übermenschlichen werden.

Der geschilderte Seelenprozeß selbst aber bleibt durch alle Wandlungen hindurch in seinen Grundzügen derselbe. "Hat man Charakter, so hat man auch sein typisches Erlebnis, das immer wiederkommt," sagt NIETZSCHE (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist  sein  typisches Erlebnis, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder aufrichtete, über sich selbst erhob, - an dem er auch endlich sich in sich selbst überschlug und zugrunde ging.

Und daran  mußte  er wohl zugrunde gehen. Denn in dem gleichen Prozeß, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag auch schon das pathologische dieser Art von Geistesentwicklung verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiß, müßte mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit größere Gesundheit: denn sie ist imstande, selbst an dem, was Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu beweisen; sie ist imstande, Krankheit und Kampf zu einem  Stimulans für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für Zwecke, - sie  umfaßt  also schadlos Kampf und Krankheit. Auf solche Weise wollte NIETZSCHE, namentlich zuletzt, namentlich als er am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefaßt wissen: als eine  Genesungsgeschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem Erkenntnisideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach erlangter Genesung,  bedurfte  sie wiederum ebenso notwendig der Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung geschafft, ruft jene wieder hervor; sie wendet sich gegen sich selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu ergießen. Über jedem erreichten Erkenntnisziel, jedem erlangten Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: "Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus", denn: "Sein Überglück ward ihm zum Ungemach" (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47), und er fühlt sich: "verwundet von seinem Glück." (Also sprach Zarathustra II 2). (10)
    "Sich Schmerzen machen. Rücksichtslosigkeit des Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, welche Betäubung begehrt." (Menschliches, Allzumenschliches I 581)
Die Gesundheit ist hier also nicht das Überlegene und Überragende, welches das Pathologische, als Nebensächliches, zu einem Werkzeug für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja  enthalten  sich gegenseitig, - beide zusammen stellen tatsächlich eine eigentümliche  Selbstspaltung  innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.

Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten Seelenprozeß zugrunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die Vielspältigkeit, die Subjekt-Vielheit der unharmonisch veranlagten Natur, in einer höheren Einheit, in einem richtunggebenden Ziel aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang  innerhalb  der vielspältigen Seele in der Weise, daß ein einziger Trieb sich alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten:. die Vielspältigkeit wird auf eine umso tierfer gehende  Zweispaltung  reduziert. So wenig wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit  umfaßt,  so wenig umfaßt und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das gesamte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntnis stellt: der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen Wesenheit gefangen; er ist nur imstande sie zu spalten, nicht über sie hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntnis also, weit davon entfernt, eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende, - aber die Tiefe der Trennung erweckt den  Schein als läge das Ziel aller Regungen  außer ihnen.  Infolge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte begeistert der Erkenntnis zu, als vermöchten sie damit sich selbst und ihrem Zwiespalt zu entlaufen.

Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von Zusammenschluß des Gesamtlebens dadurch erreicht, daß auf der einen Seite das Triebleben, unter dem darauf eingerichteten Erkenntnisblick, zu ungeheurer Bewußtheit gesteigert wird, - daß auf der anderen das Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen  zersetzt,  die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Streng des Gedankens beständig  lockern.  So durchdringt tatsächlich die Spaltung des Ganzen alles Einzelne nur immer tiefer.

Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen läßt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein, wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen NIETZSCHE-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des Gesunden und Pathologischen in ihm.

Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei einander gleichsam gegenüberstehende Wesenheiten zerspaltet, von denen die Eine herrscht, die Andere dient, - wird es dem Menschen ermöglicht, zu sich selber nicht  nur  wie zu einem  anderen,  sondern auch wie zu einem  höheren  Wesen zu empfinden. Indem er einen Teil seiner selbst sich selber zum Opfer bringt, ist er einer  religiösen Exaltation [Affekt - wp] nahegekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen wähnt, bringt er  an sich selbst einen religiösen Affekt  zum Ausbruch.

Von allen großen Geistesanlagen NIETZSCHEs gibt es keine, die tiefer und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesamtorganismus verbunden gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit, in einer anderen Kulturperiode würde dasselbe diesem Predigersohn sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn instinktiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen, - das heißt, er vermochte es nur mittels einer Rückbeziehung auf sich selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, außer ihm liegende Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegenteil des Angestrebten: nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innererste Zweiteilung, nicht den Zusammenschluß aller Regungen und Triebe zu einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum  "Dividuum".  Es war immerhin eine Gesundheit erreicht, - doch mit den Mitteln der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch mit den Mitteln der Selbstverwundung.

Deshalb liegen in dem gewaltigen religiösen Affekt, aus dem ganz allein bei NIETZSCHE alle Erkenntnis hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen:  eigene Aufopferung  und  eigene Apotheose,  Grausamkeit der eigenen  Vernichtung  und Wollust der eigenen  Vergötterung,  leidvolles Siechen und siegende Genesung, glühender Rausch und kühle Bewußtheit. Man fühlt hier die enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen: man fühlt das Überschäumen und freiwillige Hinabstürzen der auf das Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle, Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Licht, Zarteste, - das Drängen eines Willens, der sich "-- von der Not der Fülle und Überfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze löst", (11) - ein Chaos, das den Gott gebären möchte, - gebären  muß. 
    "Im Menschen ist  Geschöpf und  Schöpfer vereint: im Menschen ist Stoff, Bruchstück, Überfluß, Lehm, Kot, Unsinn, Chaos; aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag ..." (Jenseits von Gut und Böse 225)
Und hier zeigt sich, daß unablässiges Leiden und unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem ein jedes seinen eigenen Gegensatz immer wieder neu erzeugt, - wie es NIETZSCHE in der Geschichte des Königs  Vicvamitra  ausgedrückt findet,
    "der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und Zutrauen zu sich gewann, daß er es unternahm, einen  neuen Himmel zu bauen: --- Jeder, der irgendwann einmal einen  neuen Himmel gebaut hat, fand die Macht dazu erst in der  eigenen Hölle ..." (Genealogie der Moral III 10)
Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht in der "Morgenröte" (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Objekt ihrer Vergewaltigungslus sich selbst auserlesen haben:
    "Der Triumph des Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge, welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden zerspaltet sieht und fürderhin in die Außenwelt nur hineinblickkt, um aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese letzte Tragödie des  Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch  eine Person gibt, welche in sich selber  verkohlt --"
Dieser Abschnitt, der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält, schließt mit der Bemerkung:
    "-- ja, ist denn wirklich der Kreislauf im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen und zugleich des mitleidenden Gottes?"
In "Menschliches, Allzumenschliches" (I 137) sagt er darüber:
    "Es gibt einen  Trotz gegen sich selbst, zu dessen sublimiertesten Äußerungen manchen Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein so hohes Bedürfnis, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, daß sie --- endlich darauf verfallen,  gewisse Teile ihres eigenen Wesens --- zu tyrannisieren. --- Dieses Zerbrechen seiner selbst, dieser Spott über die eigene Natur, dieses  spernere se sperni [verachten, verachtet zu werden - wp], aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich  ein sehr hoher Grad der Eitelkeit. --- Der Mensch hat eine wahre Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen und  dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu vergöttern." 
- und 138:
    "-- Eigentlich liegt ihm also nur an der Entladung seiner Emotioin; da faßt er wohl, um seine Spannung zu erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine Brust." -
und 142:
    "-- er geißelt seine Selbstvergötterung mit Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhr seiner Begierden, --- er versteht es, seinem Affekt, zum Beispiel dem der äußersten Herrschsucht einen Fallstrick zu legen, so daß er in den der äußersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele durch diesen Kontrast aus allen Fugen gerissen wird; --- es ist im Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen sind."
Novalis,  eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch Erfahrung und Instinkt, spricht das ganze Geheimnis einmal mit naiver Freude aus:
    "Es ist wunderbar genug, daß nicht längst die Assoziation von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmersam auf ihre innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat."
In der Tat ist eine rechte NIETZSCHE-Studie in ihrer Hauptsache eine  religionspsychologische  Studie, und nur insofern wie das Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging gewissermaßen davon aus, daß er den Glauben verlor, als von der "Emotion über den Tod Gottes", - dieser ungeheuren Emotion, die bis in das letzte Werk hineinklingt, das NIETZSCHE schon auf der Schwelle des Wahnsinns verfaßte, - bis in den vierten Teil seines "Also sprach Zarathustra".  Die Möglichkeit einen Ersatz (12)  "für den verlorenen Gott" in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung  zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner Erkrankung. Es ist die Geschichte des  "religiösen Nachtriebs im Denker",  der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach, auf den er sich bezog, und auf den NIETZSCHEs Worte Anwendung finden können (Menschliches, Allzumenschliches I 223):
    "Die Sonne ist schon hinuntergegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen."
Man lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des "tollen Menschen" in der "Fröhlichen Wissenschaft" (125):
    "Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es Euch sagen!  Wir haben ihn getötet! - ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! --- Hören wir noch nichts vom Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, ist unter unseren Messern verblutet, - wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir und reinigen? ---- Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?  Es gab nie eine größere Tat, - und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!" --
Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich NIETZSCHE in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten  Zarathustras (I Schluß):
    "Tot sind alle Götter: nun wollen wir, daß der Übermensch lebe!"
- und sprach damit den innersten Seelengrund seiner Philosophie aus.

Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung, und dieser mußte sich notwendig in Selbstvergottung äußern. Mit richtigem Blick erkannte NIETZSCHE im religiösen Phänomen die ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Wilen zur Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in allem Religiösen steckt, dieser "sublime Egoismus", der in allem Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von außen gegebene Lebens- oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm, dem "Erkennenden", auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er dazu, sich die ihm vom Verstand aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem vermessenen Schluß innerlich anzueignen:
    "Wenn es Götter gäbe, wie hielt ich's aus, kein Gott zu sein!  Also gibt es keine Götter."
Diese Worte stehen im zweiten Teil des "Also sprach Zarathustra" (6) an sie lassen sich jene anderen anschließen (55):
    "Und Anbetung wird noch in Deiner Eitelkeit sein! 
In Ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen, die über dem "Einsamen" und "Einzelnen" schwebt, der sich spalten und verdoppeln  muß. 
    "Einer ist immer zuviel um mich. --- Immer Einmal Eins - das gibt auf die Dauer Zwei!" (Also sprach Zarathustra I 76)
Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen sie zur Wehr setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal suchte, - das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntnis, sowie die Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden - bis schließlich seine Zweiheit ihm zu einer Haluzination und Vision, zu einer leibhaften Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren: Dieses war das dionysische Drama vom "Schicksal dre Seele" (Zur Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in NIETZSCHE selbst. Die Einsamkeit des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluß. Man könnte sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnisvollen Selbstvermauerung sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt. Jeder Gang nach außen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst zurück, das sich schließlich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle werden muß - jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte Tiefe und in seinen Untergang.

Diese Grundzüge von NIETZSCHEs Eigenart enthalten die Ursachen des zugleich  Raffinierten  und  Exaltierten,  das auch dem Großen und Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden, - oder auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös veranlagten Freigeistes am eigenen Leib erfahren haben. Aber es ist auch dasjenige, was NIETZSCHE in so hohem Maße zum Philosphen unserer Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen, was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene "Anarchie in den Instinkten" schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch der modernen Erkenntnis für sie abfallen.  Daß  sie sich nicht mit ihnen begnügen können, aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntnis preisgeben, - gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen wie unermüdlich im Darben und Entbehren, - das ist der große und erschütternde Zug im Bild der Philosophie NIETZSCHEs. Das ist es auch, was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt: - eine Reihe von gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Rätsel der modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.

Aber deshalb ist es eben der  Mensch  und nicht der  Theoretiker,  auf den wir unseren Blick richten müssen, um uns in den Werken NIETZSCHEs zurechtzufinden, - und deshalb wird auch der Gewinn, das Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, daß uns ein neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Größe und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung in NIETZSCHEs Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, daß sich jedesmal genau derselbe innere Prozeß abspielt. Aber sie wird vertieft und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das Wesen übergreift. Nicht nur die äußeren Umrißlinien einer Theorie sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören, sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf beruth die wahre Originalität des NIETZSCHE'schen Geistes: durch das Medium seiner Natur, die alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse bezieht, aber sich auch an alles hingebend verliert, erschließen sich ihm jene inneren Erlebnissen und Ergebnisse von Gedankenwelten, die wir sonst nur mit dem Verstand streifen, ohne sie jemals in ihren Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden. Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und Meister an, aber das, worin diese  ihre  Reife,  ihren  Produktionspunkt haben, wird ihm nur zum Anlaß, daran zu eigener Produktivität zu gelangen (13). Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte, um in ihm eine Fülle inneren Lebens, - Gedanken-Erlebens, auszulösen. Er hat einmal gesagt:
    "Es gibt zwei Arten des Genies: eins, welches vor allem zeugt und zeugen will, und ein anderes, welches sich gern befruchten läßt und gebiert." (Jenseits von Gut und Böse 248)
Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In NIETZSCHEs geistiger Natur lag - ins Große gesteigert - etwas Weibliches; (14) aber er ist darin einem solchen Maße Genie, daß es fast gleichgültig erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige unscheinbaren Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt uns die verschwenderische Vegetation einer wildgroßen Natur. Seine Überlegenheit bestand darin, daß er jedem Samenkorn, welches in sein Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des echten Genies anführt: "den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer urwaldfrischen unausgenutzten Kraft." (Der Wanderer und sein Schatten 118)
LITERATUR - Lou Andreas-Salomé, Friedrich Nietzsche in seinen Werken, Wien 1894
    Anmerkungen
    1) Eine zusammenfassende Charakteristik NIETZSCHEs, in der zum ersten Mal die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung unterschieden und bestimmt charakterisiert sind, erschien in der Sonntagsbeilage der "Vossischen Zeitung", 1891, Nr. 2, 3 und 4. Außerdem brachte die "Freie Bühne" eingehendere Ausführungen einzelner Punkte unter dem Titel "Zum Bilde Friedrich Nietzsche", Jahrgang II, 1891, Heft 3, 4 und 5; Jahrgang III, 1892, Heft 3 und 5; das "Magazin für Literatur", 1892, Oktober, "Ein Apokalyptiker"; der "Zeitgeist", 1893, Nr. 20, "Ideal und Askese".
    2) "Was das Leben -, die sogenannten "Erlebnisse" angeht, - wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht  bei der Sache, wir haben eben unser Herz nicht dort - und nicht einmal unser Ohr! (Zur Genealogie der Moral, Vorrede III)
    3) Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und feinmodellierten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren "Ohren für Unerhörter" (Zarathustra I 25).
    4) "Gibt es - eine Vorneigung für das Harte, Schauerlich, Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, aus der Überfülle selbst? --- Gibt es vielleicht - eine Frage für die Irrenärzte - Neurosen der Gesundheit?" (Versuch einer Selbstkritik zur neuen Ausgabe der "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" IV und IX)
    5) Vgl. auch "Die fröhliche Wissenschaft" 253: "Eines Tages erreichen wir unser  Ziel - und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was für lange Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so weit, daß wir an jeder Stelle wähnten,  zu Hause  zu sein."
    6) Daher nennt er die Überzeugungen  Feinde der Wahrheit:  "Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen." (Menschliches, Allzumenschliches, I 483)
    7) Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es selbst wahr haben wollte, zu jenem "Don Juan der Erkenntnis" , den er ("Morgenröte" 327) folgendermaßen schildert: "Er hat Geist, Kitzel und Genuß an Jagd und Intrigen der Erkenntnis - bis an die höchsten und fernsten Sterne der Erkenntnis hinauf! - bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen übrig bleibt, als das absolut  Wehtuende der Erkenntnis, gleich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle, - es ist die letzte Erkenntnis, die ihn  verführt. Vielleicht, daß auch sie ihn enttäuscht, wie alles Erkannte! Und dann müßte er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntnis, die ihm nie mehr zuteil wird! - denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen keinen Bissen mehr zu reichen."
    8) "Die Instinkte bekämpfen  müssen - das ist die Formel für décadence: so lange das  Leben aufsteigt, ist Glück gleich Instinkt", sagt er (Götzendämmerung, Das Problem des Sokrates 11) und unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.
    9) NIETZSCHE faßt hier, nebenbei bemerkt, GOETHE durchaus anders auf als einige Jahre später (in der "Götzendämmerung). Hier sieht er noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen Natur - später hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht harmonisch  war, sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner selbst zum Harmonischen  umschuf.
    10) Vgl. auch "Jenseits von Gut und Böse" 224: "wir --- sind erst dort in  unserer Seligkeit, wo wir auch am meisten -  in Gefahr sind." 
    11) "Versuch einer Selbstkritik", in der neuen Ausgabe der "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" XI.
    12) Siehe in der "Fröhlichen Wissenschaft" (Scherz, List und Rache 38) über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der Gottschöpfung des Menschen:
      "Der Fromme spricht:
      Gott liebt uns,  weil er uns erschuf!
      Der Mensch schuf Gott!, sagt darauf ihr Feinen.
      Und soll nicht lieben, was er schuf?
      Soll's gar,  weil er es schuf, verneinen?
      Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.
    13) Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche die verschiedenen Phasen von NIETZSCHEs Entwicklung direkt bestimmt haben, lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung NIETZSCHEs durchaus unwesentliche Tatsache ist neuerdings mit dem größten Lärm von Leuten hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden Schrift ist absichtlich auf die Stellung NIETZSCHEs in der Geschichte der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objektiven Wert zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit vorbehalten bleiben muß.
    14) Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, das weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. "Die Tiere denknen anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als das produktive Wesen. --- Die Schwangerschaft hat die Weiber milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger gemacht; und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter des Kontemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist: - es sind die männlichen Mütter. -" (Die fröhliche Wissenschaft 72)