cr-4ra-1cr-2NietzscheA. StadlerR. EislerO. CaspariG. Brandes    
 
FRIEDRICH RITTELMEYER
Friedrich Nietzsche
und das Erkenntnisproblem

[1/4]

"Freilich ruht über dem Erkenntnisstreben der Menschheit eine tiefsinnige Wahnvorstellung, jener unerschüttliche Glaube, daß das Denken am Leitfaden der Kausalität bis in die tiefsten Abgründe des Seins reicht. Nur Lessing, der ehrlichste theoretische Mensch, hat in einem Exzeß der Ehrlichkeit, wenn nicht des Übermuts diesen Wahnmechanismus durchschaut: Allermeist aber herrscht der Glaube an die Ergründlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens als ein im Wesen der Logik verborgener Optimismus."

"Wenn Nietzsche, ganz im Geist seines Vaters Schopenhauer, gegen die Universitätsphilosophie polemisiert, dann macht er wohl dem Staat zum Vorwurf, daß ihm nie an der Wahrheit gelegen ist, sondern immer nur an der ihm nützlichen Wahrheit, noch genauer gesagt, überhaupt an allem ihm Nützlichen, sei dies nun Wahrheit, Halbwahrheit oder Irrtum."


Vorbemerkungen

Wie ein Zauber wirkt NIETZSCHEs reicher und kühner Geist auf weite Kreise. Es scheint uns indessen, trotz des kaum übersehbaren Reichtums an NIETZSCHE-Literatur, als ob an solchen Arbeiten noch kein Überfluß ist, die nach verschiedenen Richtungen hin den Erfolg dieses eigenartigen Denkerlebens objektiv festzustellen suchen. Der Komet, der mit Funkeln und Leuchten über das Firmament geht, soll doch nicht vorüberziehen, ohne daß energische Fragen von allen Seiten an ihn gerichtet werden, um zu erfahren, welch bleibende Bedeutung sein Erscheinen für die Geisteswelt unserer Erde gehabt hat.

NIETZSCHEs Einfluß und Bedeutung liegt  nicht  auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie. Aber jeder, der im Philosophenmantel vor seine Zeit hintritt, hat sich zweifellos auch vor diesem Forum zu verantworten, ja der Wahrspruch dieser Stätte ist für die Rangordnung der Geister fast entscheidend.

LUDWIG STEIN in seinem Essay "Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren" und ALOIS RIEHL in der neuesten Auflage seiner vortrefflichen Schrift "Friedrich Nietzsche, der Künstler und Denker" haben beide einen Abschnitt über NIETZSCHEs Erkenntnistheorie ihrer Darstellung eingefügt. Dazu ist im vergangenen Jahr eine Monographie von RUDOLF EISLER erschienen: "Nietzsches Erkenntnistheorie und Metaphysik". Doch haben sich die beiden ersten Darsteller im engen Rahmen allzusehr beschränken müssen, und EISLERs Schrift, so viel Treffliches sie enthält, scheint uns der Entwicklung NIETZSCHEs nicht genug gerecht zu werden, Hauptwerke und Nachlaßbände zu wenig auseinanderzuhalten und zu viel Eigenes einzumischen, so daß sie noch einer Ergänzung bedarf. Es sei deshalb mit dieser Arbeit ein weiterer Beitrag zur Würdigung des Erkenntnistheoretikers NIETZSCHE vorgelegt. -

Die Mannigfaltigkeit der Ideen NIETZSCHEs, insbesondere die chaotische Fülle der Nachlaßbände, bringt es mit sich, daß die Auswahl der Gedanken, nach Inhalt und Form in besonders weitgehendem Maß Urteilssache, ja Geschmackssache sein muß. Um der hierdurch unvermeidlich werdenden Willkür nach Kräften entgegenzuarbeiten, und dem Leser einen selbständigen Einblick in die Tatsachen zu ermöglichen, haben wir NIETZSCHE in ausgiebigster Weise selbst das Wort ergreifen lassen. -

Leider mußte nach verschiedenen Auflagen zitiert werden. Die nötigen Angaben darüber finden sich bei Beginn jeder Periode in den Anmerkungen.



I. Die erkenntnistheoretischen
Gedanken Nietzsches


Erste Periode(1)

Im Erstlingswerk NIETZSCHEs "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik", erschienen 1871, findet sich begreiflicherweise von eigentlich erkenntnistheoretischen Erörterungen keine Spur. Dagegen ist es sehr wohl möglich und zu dem Zweck, einen klaren Überblick über die Entwicklung NIETZSCHEs zu gewinnen, auch nötig, aus diesem an überraschenden Ansichten und eigenartigen Gedanken reichen Buch die Anschauungen zusammenzustellen, die NIETZSCHE zu Beginn seiner philosophischen Laufbahn über die Erkenntnis hatte. Wir geben die Gedanken NIETZSCHEs in logisch geordneter Folge wieder, ohne sie jedoch aus dem Zusammenhang seiner metaphysische und geschichtsphilosophischen Hauptideen loszulösen.

Der philosophische Kern der Schrift ist die ausdrücklich mit Seitenzahl zitierte Stelle aus SCHOPENHAUERs Hauptwerk, wo SCHOPENHAUER die Musik im Gegensatz zu den anderen Künsten als das unmittelbare Abbild des Willens selbst, als das Metaphysische zu allem Physischen, als das Ding-ansich zu aller Erscheinung bezeichnet hat [87]. Von der Erscheinung, sagt uns NIETZSCHE, gibt es "keine Brücke, die in die wahre Realität, in das Herz der Welt führte. Aus diesem Herzen heraus aber redet die Musik" [126]. Wir fragen, was uns die Musik denn für einen Aufschluß über das Wesen der Dinge zu geben habe, und erfahren wieder in einem drei Seiten langen Zitat aus SCHOPENHAUER, daß die Musik die allgemeine Sprache des Willens ist, die uns alle möglichen Bestrebungen, Erregungen und Äußerungen des Willens in der Allgemeinheit bloßer Form zur Darstellung bringt. Daß "das Leben im Grund der Dinge, trotz allem Wechsel der Erscheinungen unzerstörbar mächtig und lustvoll sei" [34], daß sogar, wie es symbolisch dargestellt ist in der Disharmonie oder im tragischen Helden, am  Schmerz  die "Urlust perzipiert" wird, indem "selbst das Häßliche und Disharmonische ein künstlerisches Spiel ist, welches der Wille, in der ewigen Fülle seiner Lust, mit sich selbst spielt" [140], das ist der "metaphysische Trost", den die Musik und die aus ihr geborene tragische Kunst der Menschheit zu bringen hat, der Einblick in das Ansich der Dinge, den sie dem Sterblichen gewährt. In ähnlicher Weise wird uns vom Lyriker mitgeteilt, daß seine Ichheit "die einzige überhaupt wahrhaft seiende und ewige, im Grunde der Dinge ruhende Ichheit" ist, "durch deren Abbilder der lyrische Genius bis auf jenen Grund der Dinge hindurchsieht" [22f].

Doch hat es zu allen Zeiten ein Streben nach Erkenntnis der Wahrheit mit den Kräften des Denkens gegeben: was hält NIETZSCHE davon? Er sagt uns, daß der "theoretische Mensch" [80], als dessen Typus SOKRATES erscheint, so wenig je zur Wahrheit kommt, wie einer, der ein Loch durch die Erde zu graben sich vornimmt, wobei sein heißestes Bemühen ihn nicht weit führen kann und noch dazu vor seinen Augen durch die Arbeit des Nächsten wieder zunichte gemacht wird [81]. Freilich ruht über dem Erkenntnisstreben der Menschheit "eine tiefsinnige Wahnvorstellung", "jener unerschüttliche Glaube, daß das Denken am Leitfaden der Kausalität bis in die tiefsten Abgründe des Seins reicht, und daß das Denken das Sein nicht nur zu erkennen, sondern sogar zu korrigieren imstande sei". "Dieser erhabene metaphysische Wahn ist als Instinkt der Wissenschaft beigegeben und führt sie immer und immer wieder zu ihren Grenzen, an denen sie in  Kunst  umschlagen muß:  auf welche es eigentlich bei diesem Mechanismus abgesehen ist" [81f]. Nur LESSING, der "ehrlichste theoretische Mensch", hat in einem "Exzeß der Ehrlichkeit, wenn nicht des Übermuts" diesen Wahnmechanismus durchschaut. Allermeist aber herrscht "der Glaube an die Ergründlichkeit der Natur und an die Universalheilkraft des Wissens" [95] als ein "im Wesen der Logik verborgener Optimismus" [84]. Ist die Wissenschaft durch diesen Optimismus bis an ihre Grenzen getrieben, so sieht sie zu ihrem Schrecken, "wie die Logik sich an diesen Grenzen um sich selbst ringelt und endlich sich in den Schwanz beißt" [84]. Es ist das "Urleiden der modernen Kultur" [104], daß der theoretische Mensch vor seinen Konsequenzen erschrickt, nichts mehr haben will "auch mit all der natürlichen Grausamkeit der Dinge" [104]. "Die wahre Erkenntnis, der Einblick in die grauenhafte Wahrheit" würde allerdings auch den Menschen, wie  Hamlet,  in seiner Tatkraft lähmen und mit Ekel erfüllen,, während die Kunst allein jene Ekelgedanken "in Vorstellungen umbiegt, mit denen sich leben läßt [35f].

Nachdem schon jene Traumerscheinung des SOKRATES im Gefängnis, die ihn immer wieder aufforderte:  "Sokrates,  treibe Musik!" eine "Bedenklichkeit über die Grenzen der logischen Kultur" verraten hatte [79], ist der "ungeheuren Tapferkeit und Weisheit KANTs und SCHOPENHAUERs der schwerste Sieg gelungen, der ein Sieg über den im Wesen der Logik verborgen ruhenden Optimismus, der wiederum der Untergrund unserer Kultur ist" [102]. Die sokratische Kultur vermag "das Szepter ihrer Unfehlbarkeit nur noch mit zitternden Händen zu halten" [103]. Sieg und Zukunft gehört einer tragischen Kultur, "deren wichtigstes Merkmal ist, daß an die Stelle der Wissenschaft als höchstes Ziel die Weisheit gerückt wird, die sich, ungetäuscht durch die verführerischen Ablenkungen der Wissenschaften, mit unbewegtem Blick dem Gesamtbild der Welt zuwendet und in diesem das ewige Leiden mit sympathischer Liebesempfindung als das eigene Leiden zu ergreifen sucht" [103]. Die aus den Tiefen des deutschen Geistes geborene neue Kultu kann man "geradezu als die in Begriffe gefaßte dionysische Weisheit" bezeichnen [113]. -

Wir wollen an diesen Gedankengängen des jugendlichen NIETZSCHE nicht umständlich Einzelkritik üben. Es ist trotz aller Pracht eine schwüle Stimmung in der Schrift, und um den Horizont spielt ein eigentümliches Wetterleuchten von skeptischer Lust und Schaffenszuversicht. Uns interessiert vor allem, zur Charakteristik des Denkers NIETZSCHE, die geringe Wertschätzung, die er von Anfang an der Erkenntnis entgegenbringt. Vor dem Verlangen, daß die Erkenntnis an der Burg einer unfehlbaren Metaphysik die Waffen strecken soll, hätte ihn allerdings ebensowohl geschichtlicher Sinne wie kritische Einsicht bewahren sollen. -

Gehen wir von hier zu den "Unzeitgemäßen Betrachtungen" weiter, die in den Jahren 1873-1876 erschienen sind, so dürfen wir von den durchaus zeitgeschichtlich gestimmten Aufsätzen noch weniger eigentlich erkenntnistheoretische Untersuchungen erwarten. Blicken wir jedoch durch diese in einem reichen und prächtigen Strom anregender Gedanken dahinflutenden Abhandlungen hindurch auf die Unterströmungen von NIETZSCHEs Denken, so nehmen wir wahr, wie sich manches zu ändern beginnt.

Von den metaphysischen Hauptgedanken SCHOPENHAUERs hören wir so gut wie nichts mehr, obwohl dazu, namentlich in "Schopenhauer als Erzieher", Veranlassung genug gewesen wäre. Gelegentlich spricht NIETZSCHE von der Gerechtigkeit als "einem edlen, ja bereits metaphysisch zu verstehenden Trieb" [II, 76], erwägt auch den Glauben an eine "metaphysische Bedeutung der Kultur", der "am Ende gar nicht so erschreckend" sei [II, 78]. Ein verächtlicher Seitenblick streift die "Grenzwächter und Aufpasser der Wissenschaften", die aus der kantischen Lehre "einen müßigen Skeptizismus zu machen beflissen sind" [II, 100].

Dagegen ist es beachtenswert, wie für das ehemalige Schlagwort des Schopenhauerjüngers "Wille" sich das Wort  "Natur"  leise einschiebt; so [II, 61], wenn er von der "unbewußten Zweckmäßigkeit der Natur" redet und dem gegenüber ein bewußtes Wollen der Menschheitsziele proklamiert; oder [II, 82], wenn er uns sagt, daß die Natur "immer gemeinnützig" sein will, aber es nicht verstehe "zu diesem Zweck die besten und geschicktesten Mittel und Handhaben zu finden". "Das ist ihr großes Leiden, deshalb ist sie melancholisch". Haben wir in solchen mythologisierenden Äußerungen deutlich die Reste der SCHOPENHAUERschen Metaphysik, so kündigt sich eine Wendung zu positivistischer Stimmung doch schon in zarten Denkbewegungen an. Es ist zum Beispiel von einem Genius die Rede, "welcher rein und mit Liebe, dem Dichter ähnlich, auf die Dinge blick und sich nicht tief genug in sie hineinlegen kann" [II, 97].

Damit stimmt es überein, wenn NIETZSCHE jetzt ein positiveres Verhältnis zur Erkenntnis zu gewinnen scheint. Schon die Äußerung über die Kunst, daß in ihr "die in Liebe verwandelte Natur" ertönt [II, 143], überrascht gegenüber den oben mitgeteilten Äußerungen von der Musik, die allein aus dem Herzen der Welt redet, durch ihre größere Zurückhaltung. Am meisten jedoch verdient unser Interesse der Satz [II, 130]:
    "Mir scheint die wichtigste Frage aller Philosophie zu sein, wie weit die Dinge eine unabänderliche Artung und Gestalt haben; um dann, wenn diese Frage beantwortet ist, mit der rücksichtslosesten Tapferkeit auf die Verbesserung der als veränderlich erkannten Seite der Welt loszugehen."
Das Erkennen ist hier nicht mehr, wie früher, der abtrünnige Vasall, der durch die Königin  Kunst  aus seinem angemaßten Königreich vertrieben werden soll, es ist vielmehr in den Dienst der Königin getreten und ihr erster Minister geworden. Diese Königin heißt nun aber nicht mehr "Kunst" oder "Kultur", sondern "das Leben" tritt als neues Ideal auf den Plan. Zwar wenn NIETZSCHE, ganz im Geist seines "Vaters" SCHOPENHAUER, gegen die Universitätsphilosophie polemisiert, dann macht er wohl dem Staat zum Vorwurf, daß ihm nie an der Wahrheit gelegen ist, sondern "immer nur an der ihm nützlichen Wahrheit, noch genauer gesagt, überhaupt an allem ihm Nützlichen, sei dies nun Wahrheit, Halbwahrheit oder Irrtum" [II, 103f]. Sonst aber macht er keinen Hehl daraus, daß ihm selbst das reine Erkennen der Wahrheit keineswegs das höchste Gut ist. "Das Leben ist die höhere, die herrschende Gewalt, denn ein Erkennen, welches das Leben vernichtete, würde sich selbst mit vernichtet haben. Das Erkennen setzt das Leben voraus" [I, 202]. Einen Trieb "nach der kalten, reinen, folgenlosen Erkenntnis" kann es gar nicht geben [II, 70]. Die "einzige Kritik einer Philosophie, die möglich ist, und die auch etwas beweist", ist die, "zu versuchen, ob man nach ihr leben kann" [II, 98]. So kennt NIETZSCHE auch Lehren, die er "für wahr, aber für tödlich" hält (die Lehren vom souveränen Werden, von der Flüssigkeit aller Begriffe, Typen und Arten, vom Mangel aller kardinalen Verschiedenheit zwischen Mensch und Tier [I, 189]). Positiv und harmonisch faßt sich die Grundstimmung NIETZSCHEs gegenüber den Fragen des Erkennens und Lebens zusammen in der wenig beachteten, schönen Stelle [II, 44]:
    "Wahrhaftig sein heißt: an ein Dasein glauben, welches überhaupt nicht verneint werden könnte und welches selber wahr und ohne Lüge ist. deshalb empfindet der Wahrhaftige den Sinn seiner Tätigkeit als einen metaphysischen, aus Gesetzen eines andern und höheren Lebens erklärbaren und tiefsten Verstand bejahenden."
Gehen wir nun zu den aus dem Nachlaß NIETZSCHEs veröffentlichten Abhandlungen und Entwürfen über, so sind aus dem 9. Band der gesammelten Werke, der Nachträge aus den Jahren 1869-1872 enthält, für unseren Zweck vor allem wichtig:
    1. Die Kapitel über den "Wahnmechanismus" aus dem Entwurf "Die Tragödie und die Freigeister" vom Herbst 1870; sowie:

    2. Die Gedanken und Entwürfe zum 9. Abschnitt der "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik", eine Metaphysik der Kunst enthalten, vom Jahr 1870.
Hier zeigt sich unser Denker ebenfalls in einer durchgängigen Abhängigkeit von SCHOPENHAUER. Es ist dies auffallend, da im Anhang der Biographie (I, 343f) das Fragment einer Kritik des SCHOPENHAUER'schen Systems veröffentlicht ist, das mit der Jahreszahl 1867 versehen ist und zweifellos nach Stil und Gedankenführung in eine sehr frühe Zeit zurückreicht. In dieser Kritik bekundet NIETZSCHE bereits eine hohe Reife und merkwürdige kritische Sicherheit gegenüber dem Meister. Der kaum Dreiundzwanzigjährige, der vor knapp zwei Jahren die ersten Zeilen von SCHOPENHAUER zu Gesicht bekommen hatte, richtet einen entschlossenen Angriff gerade gegen den Mittelpunkt des Systems. Er bemerkt, daß SCHOPENHAUER das Ding-ansich mit einem Namen und mit Prädikaten belegt, die uns nur aus der Erkenntnissphäre bekannt sind, daß er eben das, was der Erkenntnis entnommen sein soll, gleichzeitig denken und beschreiben will. Er weist ferner darauf hin, daß Kausalität und  principium individuationis,  welche erst dem Intellekt zukommen sollen, bereits bei der  Entstehung  des Intellekts vorausgesetzt werden, daß also eine Erscheinungswelt vor der Erscheinungswelt angenommen wird.

Wäre NIETZSCHE in erster Linie  Denker,  nicht Künstler und Mensch gewesen, so hätte wohl schon diese Kritik eine neue Epoche seines Denkens einleiten müssen. Wir finden aber, daß noch fünf Jahre lang die Hauptgedanken der SCHOPENHAUER'schen Metaphysik, namentlich die Lehren vom unreinen Willen als dem Ding-ansich und vom Scheincharakter der Vorstellungswelt die Angeln sind, in denen sich seine Gedankenwelt bewegt. Er steht zu diesen Lehren, wie ein Scholastiker zu den Dogmen seiner Kirche, sie im Einzelnen kritisch durcharbeitend, aber dem Kern nach als gültig voraussetzend. Um eine möglichst vielseitige Beleuchtung zu erzielen, wollen wir versuchen, NIETZSCHEs Anschauungen hier nach erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten zu gruppieren.

Auf unsere Frage: Wie steht es um die  Außenwelt"? - erhalten wir die Antwort: "Die ganze Welt ist Erscheinung, durch und durch, Atom an Atom, ohne Zwischenraum" [165]. "Unser Leben ist ein  vorgestelltes  Leben. Wir kommen keinen Schritt weiter. Freiheit des Willens, jede Aktivität ist nur Vorstellung" [172] Zwar erregt die Schmerzempfindung Bedenken; aber konsequent wird entschieden: wir leiden nur als "vorgestellte Leidende" [169].

Fragen wir: Welche Bedeutung hat das  Denken das begriffliche Verarbeiten der Erscheinungswelt nach den Gesetzen des Erkennens? - so hören wir, daß das Denken gerade so weit reicht, um die Vorstellungswelt als einen Trugmechanismus zu entlarven.
    "Von Jllusionen sich nicht beherrschen lassen, ist ein unendlich naiver Glaube, aber es ist der intellektuelle Imperativ, das Gebot der Wissenschaft. Im Aufdecken dieser Spinngewebe feiert der theoretische Mensch und mit ihm der Wille zum Dasein seine Orgien." [71]
"Alle Erweiterung unserer Erkenntnis entsteht aus dem Bewußtmachen des Unbewußten [72]. "Alle Erkenntnis der Wahrheit ist unproduktiv: wir sind die Ritter, die im Wald die Vogelstimmen verstehen, wir folgen ihnen." [77]

Unsere nächste Frage lautet: Was steht hinter der Erscheinungswelt als eigentliche  Wahrheit?  Hier finden wir unseren Denker, vermutlich unter Nachwirkung seiner eigenen früheren Kritik, auf merkwürdigen Seitenwegen, die von der SCHOPENHAUERschen Hauptstraße abzweigen. Er teilt uns mit: "Unser Intellekt führt uns nie weiter als bis zum bewußten Erkennen, insofern wir aber noch intellektueller Instinkt sind, können wir noch etwas über den Urintellekt zu sagen wagen. Über diesen trägt kein Pfeil hinaus" [66]. Was nötigt zur Annahme eines solchen Urintellekts? Da erfahren wir dann, daß die ungeheure Weisheit in der Bildung der Erkenntnisorgane bei Menschen, Tieren und Pflanzen "bereits die Tätigkeit eines Intellekts" ist. "Die  individuatio  ist nun jedenfalls nicht das Werk des bewußten Erkennens, sondern jenes Urintellekts. Dies haben die kantisch-schopenhauerischen Idealisten nicht erkannt." [66] Dieser Urintellekt ist "wesentlich Zweckvorstellung" [68]. - Gegen diese Weiterbildung seiner Lehre würde sich der Meister energisch verwahrt haben. In der Tat würde die Annahme eines Urintellekts die SCHOPENHAUERsche Metaphysik auf dem kürzesten Weg zum Theismus zurückführen. NIETZSCHE selbst scheint den Gedanken bald wieder aufzugeben.
    "Wenn der Zweck nicht als ein Wiederkäuen von Erfahrungen ist ..., so dürfen wie das Handeln nach Zweckvorstellungen durchaus nicht auf die Natur der Dinge übertragen, das heißt wir brauchen eine Vorstellung habende Intelligenz gar nicht."
"Im Reich der Natur, der Notwendigkeit, ist Zweckmäßigkeit eine unsinnige Voraussetzung." [70] "Ich glaube an die Unverständigkeit des Willens. Die Projektionen sind lebensfähig nach unendlicher Mühe und zahllosen mißlungenen Experimenten." [171]

Hinter dem Urintellekt steht nach NIETZSCHE jedenfalls noch der Wille als das eigentliche Ding ansich. "Der Wille  ist  und  lebt  allein" [170]. Was wissen wir nun von diesem "Willen"? - "Im Menschen schaut das Ureine durch die Erscheinung auf sich selbst zurück" [165]. Also "je tiefer unsere Erkenntnis in das Ureine geht - das wir  sind - umsomehr erzeugt sich auch das reine Anschauen des Ureinen in uns" [173]. Aber  "wir  erkennen den Urwillen nur durch die Erscheinung, das heißt,  unsere  Erkenntnis selbst ist eine vorgestellte,' gleichsam ein Spiegel des Spiegels" [173]. Eigentlich läßt sich also über das Ding-ansich gar nichts aussagen. Zwar entschlüpft NIETZSCHE einmal die Äußerung: "Der Wille und sein Symbol, die Harmonie, beide im letzten Grund die  reine Logik!" [58]. Sonst aber hören wir: "Die Logik ist genau nur auf die Welt der Erscheinung angepaßt" [164] "Es gibt  keinen Weg zum Ureinen  für den Menschen" [166]. "Der Wille ist wie in einer Tarnkappe durch die Erscheinung geschützt" [170]. "Ein ewiges Sein wird erst durch die Vorstellung zum Werden, zum Willen, das heißt das Werden, der Wille selbst als Wirkender ist ein Schein" [69]. "Wir dürfen wohl sagen, daß selbst der  Wille Schopenhauers  nichts als die allgemeinste Erscheinungsform eines uns übrigens gänzlich Unentzifferbaren ist" [130]. Denn "auch das gesamte Triebleben, das Spiel der Gefühle, Empfindungen, Affekte, Willensakte, ist uns - wie ich hier gegen SCHOPENHAUER einschalten muß - bei genauester Selbstprüfung nur als Vorstellung, nicht seinem Wesen nach, bekannt" [130]. Darum: "Wille, wenn damit eine Vorstellung verbunden sein muß, ist auch kein Ausdruck für den Kern der Natur." [71] Doch entscheidet sich NIETZSCHE schließlich wieder so: Die Lust- und Unlustempfindungen sind die "allgemeinste Erscheinungsform, aus der und unter der wir alles Werden und Wollen einzig verstehen, und für die wir den Namen  Wille  festhalten wollen" [131]. - Ähnlich hatte schon SCHOPENHAUER in den Ergänzungen zu seinem Hauptwerk "Wille" und "Ding ansich" unterschieden. Aber SCHOPENHAUER gibt nur zu, daß uns "Wille" bloß in Form der zeitlichen Anschauung gegeben ist; NIETZSCHE sieht noch etwas schärfer und bemerkt am "Willen" auch andere Elemente aus der Erscheinungswelt. So hat die Bearbeitung des SCHOPENHAUERschen Willensdogmas zu einer Auflösung desselben geführt, und wir stehen wieder ratlos vor dem Ding-ansich, als einem uns gänzlich unzugänglichen  X Aber wir haben wenigstens mit angesehen, was für energische Bohrversuche NIETZSCHE macht in die Tiefe der SCHOPENHAUER'schen Metaphysik hinein, - und damit haben wir erkannt, daß seiner Trennung vom Meister vor allem wohl erkenntnistheoretische Motiv zugrunde lagen.

Wir stellen nun an NIETZSCHE weiter die Frage: Wie verhält sich das  Ding-ansich  zu unserer  Vorstellungswelt?  Welcher notwendige oder willkürliche Zusammenhang besteht zwischen ihnen? - SCHOPENHAUER hatte sich hier mit der Antwort begnügt, daß die Welt in ihrer Totalität, wie in ihren einzelnen Teilen das Wesen des Urwillens darstellt und weitere Fragen als "transzendent" abgelehnt. Ähnlich erklärt uns NIETZSCHE: "Die Visionen des Ureinen können ja nur adäquate Spiegelungen des Seins sein" [171]. "Woher die Vorstellung? Dies ist das Rätsel. Natürlich ebenfalls von Anbeginn, sie kann ja niemals entstanden sein" [69]. "Der eine Weltwille ist zugleich Selbstanschauung, und er schaut sich als Welt: als Erscheinung" [165]. Durch diesen Gedanken kommt NIETZSCHE, weil doch der Wille immer dasselbe sehen muß, also der Schein unverändert sein muß wie das Sein, vorübergehend auf die Idee, daß es unendliche Willen gibt, von denen sich jeder in jedem Moment projiziert und sich ewig gleich bleibt, und daß es also für jeden Willen eine verschieden Zeit gibt" [165]. Doch für die Regel genügt ihm die Annahme, daß der Schein als das Nichtreale auch der Nicht-Eine, der Nicht-Seiende, sondern Werdende ist [165]. Schon in dieser ersten Periode sehen wir also das "Werden" eine bedeutsame Rolle spielen. - Wie der "Schein" eine adäquate Spiegelung des Seins und gleichzeitig der Gegensatz des Seins sein kann, hätte uns NIETZSCHE wohl nicht sagen können. -

Beim Nachforschen über die "Selbstanschauung" des Willens tut sich unserem Philosophen noch eine neue Gedankenbahn auf. "Unser Denken ist nur ein Bild des Urintellekts, ein Denken, durch die Anschauung des  einen  Willens entstanden, der sich seine Visionsgestalt denkend denkt" [170]. "Es scheint aber, daß unsere Anschauung nur die Abbildung der einen Anschauung ist, das heißt nichts als eine in jedem Moment erzeugte Vision der einen Vorstellung. Die Einheit zwischen dem Intellekt und der empirischen Welt ist die prästabilierte [vorgefertigte - wp] Harmonie, in jedem Moment geboren und sich völlig im kleinsten Atom deckend. Es gibt nichts Innerliches, dem kein Äußerliches entspräche. Somit entspricht jedem Atom seine Seele, das heißt: alles Vorhandene ist in  doppelter  Weise  Vorstellung,  einmal als Bild, dann als  Bild des Bildes" [170] - Diese Gedankenfolge ist ein charakteristisches Beispiel dafür, wie kühn NIETZSCHE vorwärts und vorwärts dringt, auch wenn die Stege fast sichtbar unter seinen Füßen zusammenbrechen. - Fragen wir zum Schluß, was sich NIETZSCHE über die Formen, in denen sich unser Vorstellen vollzieht,  Raum, Zeit, Kausalität gedacht hat, so scheint es für gewöhnlich, daß er sie dem menschlichen Vorstellungsmechanismus zuschreibt: "Der Wille kommt nur als Projektion zum Gefühl seiner Willensnatur, das heißt in den Banden von Raum, Zeit, Kausalität" [167]. Wäre die Zeit wirklich, so gäbe es keine Folge. Wäre der Raum wirklich, so keine Folge" [165]. Freilich findet sich auch die Äußerung:
    "Ich scheue mich, Raum, Zeit und Kausalität aus dem erbärmlichen menschlichen Bewußtsein abzuleiten: sie sind dem Willen zueigen. Es sind die Voraussetzungen für alle Symbolik der Erscheinungen." [70]
Doch wollen wir NIETZSCHE diese Ungleichmäßigkeit nicht nachtragen, da er uns gerade in Bezug auf die Begriffe Raum und Zeit mit einem eigentümlichen Versuch beschenkt hat, dem ersten in einem strengeren Sinn erkenntnistheoretischen, der im 10. Band der Werke veröffentlich ist und vom Herausgeber aufgrund der Handschrift in die ersten Monate des Jahres 1872 gesetzt wird, also unmittelbar nach dem Erscheinen des Erstlingswerkes verfaßt wäre. NIETZSCHE geht davon aus, daß wir "nichts als Empfindung und Vorstellung" haben [429], daß wir uns somit weder das Nichtsein, noch "reine Zeit, Raum, Welt existierend, aber ohne das Empfindende und Vorstellende" denken können. Auch eine Entwicklung der Materie zum Vorstellenden ist "unmöglich", den "die Materie selbst ist nur als Empfindung gegeben". Dann wendet sich NIETZSCHE dem Raum-Zeit-Problem zu. Wenn wie uns zwei Raumpunkte  A  und  B  aufeinander wirkend denken, so ist das  A,  welches mit seiner Wirkung  B  erreicht, nicht mehr dasselbe, und ebensowenig  B,  welches erreicht wird; denn "jede Wirkung hat einen Weg zurückzulegen". Mit anderen Worten: "Die Bewegung laboriert an dem Widerspruch, daß sie nach Raumgesetzen konstruiert und durch die Annahme einer Zeit wieder diese Gesetze unmöglich macht, das heißt: zugleich ist und nicht ist." "Hier ist durch die Annahme zu helfen, daß entweder Zeit oder Raum = 0 ist [430]. So kommt NIETZSCHE auf die Idee, daß alle räumlich vorgestellten Körper Zeitfiguren sein könnten. "Nehem ich den Raum als unendlich klein, so ... fallen alle punktuellen Atome zusammen in einem Punkt". "Da aber die Zeit unendlich teilbar ist", so kann ich jeden Zeitpunkt besetzen mit dem einen Raumpunkt. "Also könnte man sich eine ganze Körperwelt denken, alle aus einem Punkt bestritten, aber so, daß wir Körper in ununterbrochene Zeitlinien auflösen" [431]. "Es gibt dann kein Nebeneinander, als in der Vorstellung". "Die Zahl und die Art der Aufeinanderfolge jenes einen oft gesetzten Punktes macht dann den Körper aus." "Wir hätten dann eine punktuelle Kraft, welche zu jedem späteren Zeitmoment ihrer Existenz eine Relation hätte." [432]. Doch, fügt NIETZSCHE selbst hinzu, "müßte man dann jedenfalls die Zeit mit einer konstanten Kraft wirkend denken, nach Gesetzen, die wir uns nur aus dem Nebeneinander deuten können." Die vorhandene Welt bestünde in der  Sichtbarwerdung dieser Kraftproportionen,  das heißt Übersetzung ins Räumliche". Die Kräfte sind dann nur "Funktionen der Zeit". Sie "äußern sich in den Relationen naher oder ferner Zeitpunkte, nämlich schnell oder langsam" [433]. Da nun aber die Zeit kein Kontinuum ist, sondern sich aus "total verschiedenen Zeitpunkten" zusammensetzt, so sind diesen Zeitpunkten dynamische Eigenschaften zuzuschreiben; und da es auch bei der Empfindung keine Gleichzeitigkeit gibt, so ist der dynamische Zeitpunkt identisch mit dem Empfindungspunkt, und die Zeitatomistik fällt mit einer Empfindungslehre zusammen [434]. - Wenn man die sehr bemerkenswerten Bruchstücke zur "Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen" vergleicht, die ebenfalls im zehnten Band veröffentlicht sind, so drängt sich die Vermutung auf, daß NIETZSCHE durch ZENO und dessen dialektische Behandlung des Raum-Zeit-Problems zu diesem Versuch angeregt worden sein könnte [X, 59f]. Es ist ein Versuch von eigentümlicher Kühnheit und Energie der erkenntnistheoretischen Konzeption. Sehen wir den Ausgangspunkt der ganzen Betrachtung näher an, so bemerken wir hier wieder einen charakteristischen Zug des Denkers NIETZSCHE: Die analytischen Vereinfachungen, welche die Bewegungsgesetze, wie alle Gesetze unseres Denkens, an der "Wirklichkeit" vornehmen, bezeichnet er in rascher Übertreibung als Widersprüche und Irrtümer. -

Ein Jahr nach diesem erkenntnistheoretischen Versuch, im Frühjahr 1873, finden wir NIETZSCHE wieder mit dem Erkenntnisproblem beschäftigt. Der 10. Band der Werke enthält nämlich auch das interessante Fragment einer zusammenhängenden Arbeit "Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn", das als Einleitung zu dem geplanten Werk "Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen" gedacht war; ferner Gedanken und Entwürfe zu dieser Abhandlung und Entwürfe zu zwei weiteren Arbeiten "Der Philosoph. Betrachtungen über den Kampf von Kunst und Erkenntnis" (Frühjahr 1873), und "Die Philosophie in Bedrängnis" (Herbst 1873). Hier finden wir NIETZSCHE noch mehr auf freien und selbständigen philosophischen Pfaden. Sein Wunsch ist, die Frage nach dem Wert der Erkenntnis zu behandeln "wie ein kalter Engel, der die ganze Lumperei durchschaut" [180]. - Wir versuchen, die getrennten Gedanken zu einem methodischen Gedankengang zu verbinden.

Man erfährt einen Nervenreiz. "Von diesem Nervenreiz aber weiterzuschließen auf eine Ursache außerhalb von uns ist bereits das Resultat einer falshen und unberechtigten Anwendung des Satzes vom Grunde." [165] "Das Verhältnis des Nervenreizes zum hervorgebrachten Bild ist ansich kein notwendiges", nur durch die millionenfache Gewöhnung und tausendjährige Vererbung erscheint es als ein strenges Kausalitätsverhältnis. [172] Das Wort ist "die Abbildung eines Nervenreizes in Lauten" [165]. "Ein Nervenreiz, zuerst übertragen in ein Bild! Erste Metapher. Das Bild wieder nachgeformt in einem Laut! Zweite Metapher. Und jedesmal vollständiges Überspringen der Sphäre, mitten hinein in eine ganz andere und neue" [166]. Das "Ding ansich" "ist de Sprachbildern ganz unfaßlich und ganz und gar nicht erstrebenswert. Er bezeichnet nur die Relationen der Dinge zu den Menschen und nimmt zu deren Ausdruck die kühnsten Metaphern zu Hilfe" [166]. Also: "Das ganze Material, worin und womit später der Mensch der Wahrheit, der Forscher, der Philosoph arbeitet und baut, stammt, wenn nicht auch Wolkenkuckucksheim, so doch jedenfalls nicht aus dem Wesen der Dinge." [166]

Ähnlich wie die Entstehung der Worte, verhält es sich mit der Entstehung der Begriffe. Ein Wort wird dadurch zum Begriff, "daß es eben nicht für das einmalige, ganz und gar individualisierte Urerlebnis ... sondern zugleich für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, das heißt streng genommen für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, das heißt streng genommen niemals gleiche, also lauter ungleiche Fälle passen muß" [167]. Mit anderen Worten: "Das Übersehen des Individuellen und Wirklichen gibt uns den Begriff" [167]. Der Begriff ist: "Das Residuum der Metapher" [169], die "Begräbnisstätte" einer Anschauung [150]. Die Jllusion ist "wenn nicht die Mutter, so doch die Großmutter eines jeden Begriffs" [169]. Demnach ist die gesamte Begriffswelt nichts anderes als "gleichsam auf fließendem Wasser das Auftürmen eines unendlich komplizierten Begriffsdomes." [170]
    "Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen ... Jllusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind ... Münzen, die ihr Bild verloren haben ..." [168]
Selbst das Wort "Sein" bezeichnet nur die allgemeinste Relation, die alle Dinge verknüpft, ebenso wie das Wort "Nichtsein" (Fragment über die griechische Philosophie 57). Da  esse  im Grund "atmen" heißt, ist auch dieser Begriff aus einer Metapher entstanden [58]. Solche Gedanken steigert NIETZSCHE zu dem Satz, daß "Erkennen und Sein die sich widersprechendsten aller Sphären" sind [57]. Oder maßvoller:
    "Zwischen zwei absolut verschiedenen Sphären wie zwischen Subjekt und Objekt gibt es keine Kausalität ... sondern höchstens ein  ästhetisches  Verhalten ... eine nachstammelnde Übersetzung in eine ganz fremde Sprache." [172]
Gelegentlich hat NIETZSCHE selbst vor einer solchen Übertreibung gewarnt, als vor einer "dogmatischen Behauptung", die als solche "ebenso unerweislich ist wie ihr Gegenteil" [168].

Da es also keinen Weg zum Wesen der Dinge gibt, muß sich der Mensch damit begnügen, "gleichsam ein tastendes Spiel auf dem Rücken der Dinge zu spielen" [163]. Er sitzt in seinem Bewußtseinszimmer und vermag nicht einmal auf die Welt seines eigenen Körpers hinabzublicken. Die Natur "warf den Schlüssel weg" [163].

Aber es ist auch gar nicht die Aufgabe des Intellekts, das Wesen der Dinge zu erfassen. Er ist "gerade nur als Hilfsmittel den unglücklichsten, delikatesten, vergänglichsten Wesen beigegeben, um sie eine Minute im Dasein festzuhalten" [162]. Es gibt für den Intellekt "keine weitere Mission, die über das Scheinleben hinausführte" [161]. Er "entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung" [162]. "Es gab Ewigkeiten, in denen er nicht war; wenn es wieder mit ihm vorbei ist, wird sich nichts begeben haben." [161]

NIETZSCHE bringt selbst gegen seine Skepsis etliche Einwände vor. Er findet "fast nichts unbegreiflicher, als wie unter den Menschen ein ehrlicher und reiner Trieb zur Wahrheit aufkommen kann" [163]. "Wahrheit" ist doch nur so entstanden, daß, um das allergröbste  bellum omnia contra omnes [Krieg aller gegen alle - wp] aus der Welt zu schaffen, "fixiert" wurde, "was von nun an Wahrheit sein soll" [164]. Wahrhaftig sein heißt nichts anderes, als "die usuellen Metaphern brauchen", "herdenweise in einem für alle verbindlichen Stil zu lügen" [168]. Nur vergißt dies der Mensch durch die hundertjährige Gewöhnung und kommt dadurch zum Gefühl der Wahrheit [168]. "Die Wahrheit erscheint als soziales Bedürfnis" [185], darum ist die Wahrhaftigkeit "eine eudämonistische [nach Glück strebende - wp] Forderung" [180]. Nun aber sind die Begriffe Persönlichkeit, ja der moralischen Freiheit, auf die sich die Wahrhaftigkeit als ein "moralisches Phänomen" [185] gründet, "notwendige Jllusionen, so daß selbst unsere Wahrheitstriebe auf dem Fundament der Lüge ruhen" [185]. Wie jedoch die Wahrhaftigkeit sich auf Jllusionen gründet, so ist auch das aus der "Wahrhaftigkeit" geborene [185] eine angebliche Wahrheit - haben "im Grund immer nur ein Glaube, die Wahrheit zu haben", ein "Wahn" [185], der aber dieselben Dienste tut, wie die wirkliche Wahrheit [184, 196]. Denn dieser Glaube setzt "eine unbedingte Erkenntniskraft" beim Individuum voraus [182]. Da nun selbst die Skepsis noch einen Glauben enthält, den Glauben an die Logik, im "Äußersten" aber, dem Preisgeben der Logik "niemand  leben  kann", so ist erwiesen, "daß der Glaube an die Logik und überhaupt der Glaube zum Leben praktisch notwendig ist, daß also der Bereich des Denkens eudämonistisch ist. Dann tritt aber die Forderung der Lüge hervor: wenn nämlich Leben und Eudämonie ein Argument ist" [183]. - Hier blicken wir hinab in die unterirdische Werkstätte, in der sich NIETZSCHE die Waffen zu seinen späteren Feldzügen gegen die "Wahrheit" schmiedet. Allerdings wird er unseres Erachtens damit Recht behalten, daß gerade im reinsten Wahrheitsstreben am meisten ein  Glaube  nachweisbar ist, der Glaube nämlich, daß die Wahrheit vor dem Irrtum den Vorzug verdient - woraus sich aber ganz andere Schlüsse ziehen lassen, als NIETZSCHE sie gezogen hat.

Doch NIETZSCHE soll uns noch die Entstehung der Logik erklären. Die "wunderbare Erfindung der Logik" [187] ist so zu denken, daß im Kampf der Wahrheiten, das heißt natürlich der "für Wahrheiten gehaltenen Unwahrheiten" [186] die Menschen die "Allianzen der Reflexion" suchten [186]. "Alles wirkliche Wahrheitsstreben ist in die Welt gekommen durch den Kampf um eine heilige Überzeugung, durch das Pathos des Kämpfens" [187]. - Gewiß wird die Höherentwicklung der logischen Methoden ähnlich zu denken sein; aber eben damit, daß die Menschen gerade die Logik zu Hilfe riefen, ist bewiesen, daß sie in ihr eine selbständige Macht, eine wertvolle Bundesgenossin, ja sogar eine unparteiische Schiedsrichterin erblickten. Eine einzige Tatsache, wie die, daß sich die Jahrtausende lang in den verschiedenartigsten Erdteilen getrennt voneinander aufwachsenden Völker sofort bei ihrem Zusammentreffen nicht nur über die Gegenstände der Vorstellungswelt, sondern auch über die Gesetze der Logik verständigen können, muß die ganze Erkenntnisgenese NIETZSCHEs höchst verdächtig machen. NIETZSCHE selbst sagt nebenbei einmal, daß der Mensch die Wahrheit höchstens "in der Form der Tautologie haben könne" [164]; damit gibt er eigentlich einen anderen Ursprung der Logik und der Wahrheitserkenntnis überhaupt zu, die Erfahrung von Identität und Widerspruch. Er hätte in seiner Sprache ebensogut sagen können: Also ist die Tautologie "wenn nicht die Mutter, so doch die Großmutter" der Wahrheit. -

NIETZSCHE selbst findet noch ein Gegenargument gegen seine Skepsis in einem  Eindruck,  den die ewige Konsequenz, Allgegenwart und Unfehlbarkeit der Naturgesetze" auf den Menschen mache [173]. Aber, sagt er, "hätten wir noch, jeder für sich, eine verschiedenartige Sinnesempfindung ... so würde niemand von einer solchen Gesetzmäßigkeit der Natur reden" [173]. Ferner ist uns ein Naturgesetz ja nicht ansich bekannt, sondern nur "in seinen Relationen zu anderen Naturgesetzen, die uns wieder nur als Summen von Relationen bekannt sind. [173] Wir kennen nur das wirklich, was wir selbst hinzubringen: "Zeit, Raum, Sukzessionsverhältnisse und Zahlen". Diese aber produzieren wir in uns und aus uns "mit jener Notwendigkeit, mit der die Spinne spinnt." [174] Es stellt sich heraus, daß selbst "jene künstlerische Metaphernbildung, mit der in uns jede Empfindung beginnt", diese Formen voraussetzt. Der ganze Bau der Begriffe ist somit nichts anderes, als "eine Nachahmung der Zeit-, Raum- und Zahlenverhältnisse auf dem Boden der Metaphern [174]. - Damit wäre den "Raum- und Zeitverhältnissen" ein gewisses  a priori  zugestanden - eine Auffassung, die zur Auseinandersetzung mit den oben dargelegten Äußerungen über die Entstehung von Wahrheit und Logik hindrängte (siehe 2. Periode).

Aus diesem hier ausführlich wiedergegebenen Gedankengang entwickelt sich in den Nachträgen zu "Wahrheit und Lüge" noch ein anderer Gedankengang. "Alles Erkennen ist ein Widerspiegeln in ganz bestimmten Formen, die von vornherein nicht existieren" [189]. "Was die Dinge  sind,  ist nur zu beweisen durch ein danebengestelltes messendes Subjekt" [189]. "Ihre Eigenschaften ansich gehen uns nichts an, aber insofern sie auf uns wirken" [190]. "Absolute und unbedingte Erkenntnis ist Erkennenwollen ohne Erkenntnis" [189]. Es kann verschiedene messende Wesen geben, unsere Auffassung der Welt gilt uns jedoch "als richtiger, das heißt der Wahrheit entsprechender" [190]. Mensch und Erkenntnis entwickelns sich langsam: "also das Weltbild wird immer wahrer und vollständiger" - natürlich nur als Widerspiegelung, aber "der Spiegel selbst ist nichts ganz fremdes, dem Wesen der Dinge Ungehöriges, sondern selbst langsam entstanden als Messer der Dinge" [190]. "Den natürlichen Prozeß setzt die Wissenschaft fort." [190]

In einer kühnen Wendung schließt sich an diesen Gedankengang noch ein neuer an. "Wir kennen nur  eine  Realität - die der Gedanken. Wie? Wenn das das Wesen der Dinge wäre!" [190] Der Gedanke ist "aus Empfindung und Gedächtnis zusammengesetzt" [191]. "Daß sich ein Stoff, bei der Berührung mit einem anderen, gerade so entscheidet, ist Gedächtnis und Empfindungssache. Irgendwann hat er es  gelernt,  das heißt: die Tätigkeiten der Stoffe sind  gewordene Gesetze.  Dann aber muß die Entscheidung gegeben sein durch  Lust  und  Unlust" [192]. "Dann reicht die Erkenntnis des Menschen viel tiefer ins Wesen der Dinge. Die ganze Logik in der Natur löst sich dann auf in ein  Lust-  und  Unlust system" [192].
    "Wenn alles Empfindung hat, so haben wir ein Durcheinander von kleinsten, größeren und größten Empfindungszentren. Die Empfindungskomplexe, größer oder kleiner, wären Wille zu benennen." [191]
Aus den allmählich ganz eingelebten Reflexbewegungen entsteht "die Schlußoperation, das heißt das Gefühl der Kausalität. Von der Kausalitätsempfindung hängen Raum und Zeit ab" [191]. Diese Anschauung korrigiert NIETZSCHE nachher, indem er sagt: "Die erste Empfindung bringt bereits die Kausalitätsempfindung hervor. Der innere Zusammenhang von Sinnesreiz und -tätigkeit übertragen auf alle Dinge ist Kausalität. An unseren Sinnesfunktionen deuten wir uns die Welt" [193]. Wir deuten sie aber nach Analogie der inneren Erfahrung: Die Kausalität ist "eine Metapher, entlehnt aus Wille und Tat. [193]

Mit Interesse sehen wir, wie hier alle möglichen zukünftigen Gedanken NIETZSCHEs durcheinander gären. Da hier auch der Kausalität ein gewisses Apriori eingeräumt ist, so kann man es vielleicht als eine Vereinigung der verschiedenen zuletzt entwickelten Gedankenreihen bezeichnen, wenn es zum Schluß heißt: "Die  Formen  des Intellekts sind aus der Materie entstanden, sehr allmählich. Es ist ansich wahrscheinlich, daß sie streng der Wahrheit adäquat sind. Woher sollte so ein Apparat, der etwas Neues erfindet, gekommen sein?" [198]. Wir hätten also hier einen, wenn auch unmethodischen und unvollständigen, aber immerhin interessanten Versuch vor uns, durch die Anwenung evolutionistischer Gedanken auf die Entstehung des Intellekts eine Annäherung zwischen Subjekt und Objekt herzustellen und einen Zugang zum Problem der Realität zu eröffnen. Freilich wäre auch dieser Versuch wohl nicht von der Kritik ausgeschlossen, die NIETZSCHE selbst in seinem Kollegienheft bei einer Besprechung des DEMOKRIT dem Materialismus zuteil werden läßt: indem er aus dem Materiellen, das wir nur "hindurchgegangen durch die Maschinerie des Gehirns" kennen, das "einzig unmittelbar Gegebene, die Vorstellung" ableiten wolle, begehe er eine ungeheure  petitio principii" [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] [114]. - Es läßt sich erklären, daß durch das Auftauchen dieser neuen Gedankenreihen die Vollendung von "Wahrheit und Lüge" verhindert wurde.

Nach allem, was wir gehört haben, kann es uns nicht mehr Wunder nehmen, wenn wir bei NIETZSCHE bereits die Abkehr von der Metaphysik vollzogen finden, lange ehe er in öffentlicher Schwenkung unter die Positivisten ging. Im Fragment "Der Philosoph" trägt sogar ein ganzer Abschnitt die Überschrift "Das Ende der Metaphysik". Hier heißt es: "Ihr sollt euch nicht in eine Metaphysik flüchten, sondern euch der  werdenden Kultur  tätig opfern. Deshalb bin ich streng gegen den Traumidealismus" [211]. "Was für eine metaphysische Welt es geben soll, ist gar nicht abzusehen" [210]. Noch mehr! Da die Erkenntnis zu stehen hat "im Dienste des besten Lebens" [204]; da "die rastlose Erkenntnis" "ins Öde und Häßliche geht" [219]; "unsere Naturwissenschaft geht auf den  Untergang,  im Ziel der Erkenntnis hin, unsere historische Bildung auf den Tod jeder Kultur". [207] - so hat die "beherrschende Philosophie" "auch das Problem zu bedenken, bis zu welchem Grad die Wissenschaft wachsen darf" [204].

Haben wir in den Hauptwerken gleichsam von außen her gesehen, wie NIETZSCHEs Stellung sich allmählich ändert, so sehen wir jetzt von innen her die einzelnen Verschiebungen und die Motive zu denselben. Wir können uns freilich nicht versagen, hier dem Antimetaphysiker NIETZSCHE ein Geschichtchen zu erzählen, das er selbst einmal in dieser Periode noch den Positivisten erzählt: "Der Kaiser  Augustus  gebot, als ganz kleiner Knabe, den Fröschen auf einem Landhaus Schweigen, die ihm durch ihr Quaken lästig fielen: sie sollen von da an geschwiegen haben, wie  Sueton  sagt." [238]
LITERATUR - Friedrich Rittelmeyer, Friedrich Nietzsche und das Erkenntnisproblem, Leipzig 1903
    Anmerkungen
    1) "Die Geburt der Tragödie", Neue Ausgabe mit dem Versuch einer Selbstkritik, Leipzig 1886; "Unzeitgemäße Betrachtungen", zweite Auflage, 2 Bände, Leipzig 1893; "Friedrich Nietzsche, Werke", Bd. IX und Band X, Leipzig 1896. - [Die in eckigen Klammern beigefügten Zahlen beziehen sich hier auf die Seiten der Bände.]