cr-4 P. RéeF. RittelmeyerR. EislerM. HavensteinNietzscheM. Stingelin    
 
GEORG BRANDES
Friedrich Nietzsche
- eine Abhandlung über aristokratischen Radikalismus -
(1888) (1)
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"Im Winter 1868-69 trug mir die Universität Basel eine Professur an; ich war noch nicht einmal Doktor. Die Universität Leipzig hat mir die Doktorwürde hinterdrein gegeben, auf eine sehr ehrenvolle Weise, ohne jedwede Prüfung, selbst ohne eine Dissertation."

"In die Gesellschaft der Bildungsphilister werden wir in der Regel alle hineingeboren, und in ihr wachsen wir auf. Sie empfängt uns mit herrschenden Meinungen, die wir unbewußt annehmen, und selbst wenn die Meinungen geteilt sind, so sind sie doch bloß in Parteimeinungen - in öffentliche Meinungen - geteilt. Was sind öffentliche Meinungen? Es sind private Faulheiten."

"Ein glückliches Leben ist unmöglich; das Höchste, was der Mensch erreichen kann, ist ein heroisches Leben, d. h. ein Leben, in dem unter den größten Schwierigkeiten für Etwas gekämpft wird, was auf die eine oder andere Weise Allen zugute kommt. Zum wahrhaft Menschlichen heben uns nur die wahren Menschen empor, die, welche durch einen Sprung der Natur geworden zu sein scheinen, die Denker und Entdecker, die Künstler und Hervorbringer und die, welche mehr durch ihr Wesen wirken, als durch ihr Tun. Diese Menschen sind das Ziel der Geschichte."

In der Literatur des gegenwärtigen Deutschland scheint FRIEDRICH NIETZSCHE mir der interessanteste Schriftsteller zu sein. Obgleich selbst in seinem Vaterland wenig gekannt, ist er ein Geist von bedeutendem Rang, der es vollauf verdient, daß man ihn studiert, erörtert, bekämpft und sich aneignet. Unter anderen guten Eigenschaften besitzt er die, Stimmung mitzuteilen und Gedanken in Bewegung zu setzen.

Während 18 Jahren hat NIETZSCHE eine lange Reihe Bücher und Hefte geschrieben. Die meisten dieser Bände bestehen aus Aphorismen, und die meisten und neuesten dieser Sprüche beschäftigen sich mit den moralischen Vorurteilen. Im Übrigen aber hat er die verschiedenartigsten Fragen behandelt und über Kultur und Geschichte, Kunst und Frauen, geselliges und einsames Leben, Staat und Gesellschaft, Lebenskampf und Tod seine wechselnden Ansichten geäußert.

In einem Brief vom 10. April 1888 schrieb FRIEDRICH NIETZSCHE aus Turin als Antwort auf die Mitteilung, daß ein Kopenhagen eine Reihe öffentlicher Vorträge über seine Schriften angekündigt ist:
    "Aber, verehrter Herr, was ist das für eine Überraschung! Wo haben Sie den Mut hergenommen, von einem  vir obscurissimus  öffentlich reden zu wollen! Denken Sie vielleicht, daß ich im lieben Vaterland bekannt bin? Man behandelt mich daselbst, als ob ich etwas Absonderliches und Absurdes wäre, etwas, das man einstweilen nicht nötig hat, ernst zu nehmen. Offenbar wittern sie, daß auch ich sie nicht ernst nehme, und wie sollte ich's auch, heute, wo  deutscher Geist  ein contradictio in adjecto [Widerspruch in sich - wp] geworden ist!" -
Anbei folgt eine kleine Vita, die erste, die ich geschrieben habe ...

Vita. Ich bin am 15. Oktober 1844 geboren, auf dem Schlachtfeld von Lützen. Der erste Name, den ich hörte, war der Gustav Adolfs. Meine Vorfahren waren polnische Edelleute [Niëzky]; es scheint, daß der Typus gut erhalten ist, trotz dreier deutscher "Mütter". Im Ausland gelte ich gewöhnlich als Pole; noch diesen Winter einzeichnete mich die Fremdenliste Nizzas comme Polonais. Man sagt mir, daß mein Kopf auf Bildern Matejkos vorkommt. Meine Großmutter gehörte zum Willm-Goethe'schen Kreis Weimars; ihr Bruder wurde der Nachfolger Herders in der Stellung des Generalsuperintendenten Weimars. Ich hatte das Glück, Schüler der ehrwürdigen Schulpforta zu sein, aus der so Viele (Klopstock, Fichte, Schlegel, Ranke usw. usw.), die in der deutschen Literatur in Betracht kommen, hervorgegangen sind. Wir hatten Lehrer, die jeder Universität Ehre gemacht hätten (oder haben -). Ich studierte in Bonn, später in Leipzig; der alte [Friedrich] Ritschl, damals der erste Philologe Deutschlands, zeichnete mich fast von Anfang an aus. Ich war mit 22 Jahren Mitarbeiter des "Literarischen Zentralblattes" (Zarncke). Die Gründung des philologischen Vereins in Leipzig, der jetzt noch besteht, geht auf mich zurück. Im Winter 1868-69 trug mir die Universität Basel eine Professur an; ich war noch nicht einmal Doktor. Die Universität Leipzig hat mir die Doktorwürde hinterdrein gegeben, auf eine sehr ehrenvolle Weise, ohne jedwede Prüfung, selbst ohne eine Dissertation. Von Ostern 1869-1879 war ich in Basel; ich hatte nötig mein deutsches Heimatrecht aufzugeben, da ich als Offizier (reitender Artillerist) zu oft einberufen und in meinen akademischen Funktionen gestört worden wäre. Ich verstehe mich nicht desto weniger auf zwei Waffen: Säbel und Kanonen - und, vielleicht noch auf eine dritte ... Es ging alles sehr gut in Basel, trotz meiner Jugend; es kam vor, bei Doktorpromotionen namentlich, daß der Examinand älter war als der Examinator. Eine große Gunst wurde mir dadurch zuteil, daß zwischen Jakob Burckhardt und mir eine herzliche Annäherung zustande kam, etwas Ungewöhnliches bei diesem sehr einsiedlerischen und abseits lebenden Denker. Eine noch größere Gunst, daß ich vom Anfang meiner Baseler Existenz an in eine unbeschreiblich nahe Intimität mit Richard und Cosima Wagnergeriet, die damals auf ihrem Landgut Triebschen bei Luzern wie auf einer Insel und wie abgelöst von allen früheren Beziehungen lebten. Wir haben einige Jahre alles Große und Kleine gemeinsam gehabt, es gab ein Vertrauen ohne Grenzen. (Sie finden in den gesammelten Schriften Wagners, Band 7, ein "Sendschreiben" desselben an mich abgedruck, bei Gelegenheit der "Geburt der Tragödie".) Von jenen Beziehungen aus habe ich einen großen Kreis interessanter Menschen (und "Menschinnen") kennengelernt, im Grunde fast alles, was zwischen Paris und Petersburg wächst. Gegen 1876 verschlimmerte sich meine Gesundheit. Ich brachte damals einen Winter in Sorrent zu, und meine alte Freundin, die Baronin Meysenbug ("Memoiren einer Idealistin" und dem sympathischen Dr. Rée. Es wurde nicht besser. Ein äußerst schmerzhaftes und zähes Kopfleiden stellte sich heraus, das alle meine Kräfte erschöpfte. Es steigerte sich in langen Jahren bis zu einem Höhepunkt habitueller Schmerzhaftigkeit, so daß das Jahr damals für mich 200 Schmerzenstage hatte. Das Übel muß ganz und gar lokale Ursachen gehabt haben, und fehlt jedwede neuropathologische Grundlage. Ich habe nie ein Symptom von geistiger Störung gehabt; selbst kein Fieber, keine Ohnmacht. Mein Puls war damals so langsam wie der des ersten Napoleons (= 60). Meine Spezialität war, den extremen Schmerz, cru, vert [roh, grün - wp] mit vollkommener Klarheit zwei bis drei Tage hintereinander auszuhalten, unter fortdauerndem Schleim-Erbrechen. Man hat das Gerücht verbreitet, als ob ich im Irrenhaus gewesen sei (und gar darin gestorben sei). Nichts ist irrtümlicher. Mein Geist wurde sogar in dieser fürchterlichen Zeit erst reif: Zeugnis die "Morgenröte", die ich in einem Winter von unglaublichem Elend in Genua, abseits von Ärzten, Freunden und Verwandten, geschrieben habe. Das Buch ist eine Art "Dynamometer" für mich: ich habe es mit einem Minimum an Kraft und Gesundheit verfaßt. Von 1882 an ging es, sehr langsam freilich, wieder aufwärts: Die Krisis schien überwunden (- mein Vater ist sehr jung gestorben, exakt in dem Lebensjahr, in dem ich selbst dem Tod am nächsten war). Ich habe auch heute noch eine extreme Vorsicht nötig; ein paar Bedingungen klimatischer und meteorologischer Art sind unerläßlich. Es ist nicht Wahl, sondern Zwang, daß ich die Sommer im Oberengadin, die Winter an der Riviera zubringe ... Zuletzt hat mir die Krankheit den allergrößten Nutzen gebracht: sie hat mich herausgelöst, sie hat mir den Mut zu mir selbst zurückgegeben ... Auch bin ich, meinen Instinkten nach, ein tapferes Tier, selbst ein militärisches. Der lange Widerstand hat meinen Stolz ein wenig exasperiert. - Ob ich ein Philosoph bin? - Aber was liegt daran!"

In den Jahren 1887 und 1888 war die Produktivität NIETZSCHEs erstaunlich. In ihnen wurden hervorragende Arbeiten von sehr verschiedener Art herausgegeben und eine ganze Reihe neuer Werke vorbereitet. Dann erfolgte, gegen Schluß dieses Jahres, vielleicht als Folge von Überanstrengung, ein heftiger Krankheitsanfall, von dem NIETZSCHE noch nicht genesen ist.

Als Denker ist er von SCHOPENHAUER ausgegangen; er ist in seinen ersten Schriften geradezu sein Schüler. Aber da er nach mehrjährigem Schweigen, währenddessen er seine erste geistige Krise durchlebt, wieder auftritt, ist er von jedem Schülerverhältnis befreit. Er macht nun eine so starke und rasche Entwicklung durch - weniger im Gedankenleben selbst, als im Mut, seine Gedanken auszusprechen - daß Schrift auf Schrift ein neues Stadium bezeichnet, bis er nach und nach sich auf eine einzige Grundfrage konzentriert, der Frage nach den moralischen Werten. Er hatte schon in seinen ersten Anfängen als Denker und Schriftsteller FRIEDRICH DAVID STRAUSS gegenüber gegen jede moralische Ausdeutung vom Wesen des Alls protestiert und unserer Moral ihren Platz in der Welt der Erscheinungen angewiesen, "bald als Schein und Fehlgriff, bald als Zurechtlegung und Kunst". Und seine literarische Tätigkeit hat bisher ihre Höhe in einer Untersuchung vom Entstehen der Moralbegriffe erreicht, wie es seine Hoffnung und Absicht war, eine durchgeführte Kritik der moralischen Werte, eine Untersuchung des Werts dieser (als gegeben betrachteten) Werte zu liefern. Das erste Buch seines Werkes "Umwertung aller Werte" war fertig, als er krank wurde. (2)

I. NIETZSCHE wurde zum erstenmal oft genannt, wenn auch nicht viel gerühmt, wegen einer bissigen, jugendlichen Streitschrift gegen FRIEDRICH DAVID STRAUSS, von dessen Buch "Der alte und der neue Glaube" hervorgerufen. Nicht gegen den ersten kriegerischen Abschnitt des Werks, sondern gegen den ergänzenden, aufbauenden Teil desselben ist hier in in seinem Ton pietätloser Angriff gerichtet. Dieser Angriff galt jedoch weniger der letzten Kraftanstrengung des einst so großen Kritikers als jener Mittelmäßigkeit, für welche dieses sein letztes Wort als das letzte Wort der Bildung überhaupt dastand.

Es war anderthalb Jahre nach dem Abschluß des deutsch-französischen Krieges. Der stürmische Siegesjubel war noch nicht verstummt. Niemals waren die Wogen des deutschen Selbstgefühls so hoch gegangen. Nach der allgemeinen Auffassung in Deutschland und den mit Deutschland befreundeten Ländern waren es nicht die deutschen Heere allein, welche die französischen geschlagen hatten, sondern die deutsche Kultur habe die französische besiegt. Da erhob sich diese Stimme und sagte:

Gesetzt hier hätten wirklich zwei Kulturen miteinander gekämpft, so wäre das noch kein Grund, die siegende Kultur zu bekränzen; man müßte erst wissen, was die unterlegene wert war; ist ihr Wert sehr gering gewesen - und das sagt man ja von der französischen - so wahr die Ehre nicht groß. Aber es kann in diesem Fall überhaupt nicht die Rede von einem Sieg der deutschen Kultur sein, teils weil die französische noch besteht, teils weil die Deutschen jetzt wie früher noch von ihr abhängig sind. Es war Kriegszucht, natürliche Tapferkeit, Ausdauer, die Überlegenheit der Führer, der Gehorsam der Geführten, "kurz Elemente, die nichts mit der Kultur zu tun haben", was Deutschland zum Sieg verhalf. Und schließlich hat die deutsche Kultur besonders aus dem guten Grund nicht gesiegt, weil in Deutschland der reine Begriff von Kultur verloren gegangen ist.

Es war erst ein Jahr her, daß NIETZSCHE selbst die größten Erwartungen an die Zukunft Deutschlands geknüpft, auf dessen nahe bevorstehende Befreiung vom Gängelband der romanischen Zivilisation gehofft und die günstigsten Weissagungen aus der deutschen Musik herausgehört hatte. (3) Der geistige Verfall, der ihm von der Aufrichtung des Reiches unzweifelhaft zu beginnen schien, veranlaßte ihn jetzt, der herrschenden Volksstimmung mit einem rücksichtslosen Trotz zu begegnen.

Er behauptet, daß Kultur sich zuerst und vor allem als künstlerische Stileinheit durch alle Lebensäußerungen eines Volkes offenbart. Viel gelernt zu haben und viel zu wissen dagegen, ist, wie er zeigt, weder ein notwendiges Mittel zur Kultur noch ein Zeichen von Kultur; beides kann vortrefflich mit Barbarei zusammengehen, das heißt, mit Stillosigkeit, oder mit einem bunten Mischmasch von Stilarten. Und seine einfache Behauptung ist: mit einer Kultur, die aus Mischmasch besteht, kann man keinen Feind bezwingen, am wenigsten einen Feind wie die Franzosen, die lange eine wirkliche, fruchtbare Kultur besessen haben, man lege ihr nun größeren oder geringeren Wert bei.

Er beruft sich auf ein Wort GOETHEs an ECKERMANN:
    "Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig kultiviert, allein es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur eindringe und allgemein werde, daß man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, daß sie Barbaren waren."
Für NIETZSCHE decken, wie man sieht, die Begriffe  Kultur  und  einheitliche Kultur  einander. Um einheitlich zu sein, muß eine Kultur ein gewisses Alter erreicht haben und in ihrer Eigentümlichkeit so stark geworden sein, daß sie alle Lebensformen durchdrungen hat. Einheitliche Kultur ist aber natürlicherweise nicht dasselbe, wie eingeborene Kultur. Eine einheitliche Kultur hatte das alte Hellas, aber sie war die Frucht ägyptischer und asiatischer Einflüsse; eine einheitliche Kultur hatte das alte Island, obgleiche ihre Blüte gerade durch den lebendigen Verkehr mit Europa herbeigeführt wurde; eine einheitliche Kultur hatte Italien unter der Renaissance, England im sechzehnten, Frankreich im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, obgleich Italien seine Kultur aus griechischen, römischen und spanischen Eindrücken aufbaute, Frankreich die seinige aus antiken, keltischen, spanischen und italienischen Elementen und obgleich die Engländer vor allen ein Mischvolk sind. Es ist zwar nur anderthalb Jahrhunderte her, seit die Deutschen anfingen, sich von der französischen Kultur freizumachen, und kaum mehr als hundert Jahre, seit sie der Schule der Franzosen entrannen, deren Einwirkung gleichwohl noch heutzutage zu spüren ist; aber doch wird niemand die Existenz einer deutschen Kultur leugnen können, wenn sie auch verhältnismäßig jung und im Werden ist. Ebensowenig der, welcher Sinn für die Übereinstimmung zwischen deutscher Musik und deutscher Philosophie, Gehör für die Übereinstimmung zwischen deutscher Musik und deutscher lyrischer Poesie, Auge für die Vorzüge und Mängel der deutschen bildenden Kunst, die Ergebnis  eines  im ganzen deutschen Gedanken- und Gefühlsleben erscheinenden Grundhanges sind, geneigt sein, Deutschland von vornherein eine einheitliche Kultur abzusprechen. Bedenklicher wird das Verhältnis für solche kleineren Länder, wo die Abhängigkeit vom Ausland nicht selten eine Abhängigkeit in zweiter Potenz ist.

Für NIETZSCHE ist jedoch dieser Punkt der verhältnismäßig unwichtigere. Er ist überzeugt, daß die Stunde der nationalen Kulturen bald schlagen wird, da die Zeit, wo überhaupt nur noch von einer europäischen oder europäisch-amerikanischen Kultur geredet werden könne, nicht mehr fern ist. Er geht von der Tatsache aus, daß die entwickelten Menschen aller Länder sich bereits jetzt als Europäer, als Landsleute, ja, als Bundesgenossen fühlen, und von dem Glauben aus, daß schon das nächste Jahrundert den Krieg umd die Herrschaft über die Erde bringen wird.

Wenn dann aus dem Resultat dieses Krieges ein biegender, brechender Sturmwind über alle nationalen Eitelkeiten hinfährt, worauf wird es dann ankommen?

Es gilt dann, meint NIETZSCHE, ganz in Übereinstimmung mit den hervorragendsten Franzosen unserer Zeit, ob es bis dahin gelungen sein wird, eine Rasse hervorragender Geister, welche die zentrale Macht ergreifen können, aufzuzüchten und zu erziehen.

Das Grundunglück ist daher nicht, daß ein noch keine echte, einheitliche und durchgeführte Kultur hat, sondern, daß man sich für gebildet hält. Und den Blick auf Deutschland gerichtet, fragt NIETZSCHE, wie es zugegangen ist, daß ein so ungeheurer Gegensatz wie der zwischen dem Mangel an wahrer Kultur und dem selbstzufriedenen Glauben, gerade die einzig wahre zu besitzen, entstehen konnte, und er findet die Antwort in dem Umstand, daß eine Klasse von Menschen zur Macht gekommen ist, die kein früheres Jahrhundert gekannt hat und die er (1873) auf den Namen  Bildungsphilister  tauft.

Der Bildungsphilister hält seine unpersönliche Bildung für die eigentliche Kultur; wenn er davon hat reden hören, Kultur setze ein einheitliches Geistesgepräge voraus, so bestärkt ihn das in seiner guten Meinung von sich selbst, da er überall Gebildete von seiner Art findet und da Schulen, Hochschulen und Kunstanstalten nach seinen Bedürfnissen und einem seiner Bildung entsprechenden Muster eingerichtet sind. Da er sozusagen überall denselben stillschweigenden Konvenienzen [das Schickliche, Erlaubte - wp] hinsichtlich Religion, Moral und Literatur, hinsichtlich Ehe, Familie, Gemeinde und Staat begegnet, so scheint ihm bewiesen, diese imponierende Gleichartigkeit sei Kultur. Er ahnt nicht, daß diese wohlgeordnete und wohlzusammenhängende Philisterei, die an Schreibtischen und auf Ehrenplätzen sitzt, keineswegs deswegen Kultur geworden ist, weil ein Zusammenwirken zwischen ihren Organen stattfindet. Sie ist, sagt NIETZSCHE, nicht einmal eine schlechte Kultur; sie ist eine nach Vermögen solid verschanzte Barbarei, nur ganz ohne die Frische und wilde Kraft des ursprünglichen Barbarentums; und er hat viele malende Ausdrücke, um das Bildungsphilisterium als den Morast zu schildern, in dem alle Müdigkeit stecken bleibt und in dessen giftigem Nebel alles Streben dahinsiecht.

In die Gesellschaft der Bildungsphilister werden wir in der Regel alle hineingeboren, und in ihr wachsen wir auf. Sie empfängt uns mit herrschenden Meinungen, die wir unbewußt annehmen, und selbst wenn die Meinungen geteilt sind, so sind sie doch bloß in Parteimeinungen - in öffentliche Meinungen - geteilt.

Ein Aphorismus von NIETZSCHE lautet: "Was sind öffentliche Meinungen? Es sind private Faulheiten." Der Satz ist nicht unbedingt wahr. Es gibt einzelne Fälle, wo die öffentliche Meinung etwas wert sein kann. JOHN MORLEY hat ein gutes Buch darüber geschrieben. In gewissen unzweifelhaften Fälle, wo Treu und Glauben gebrochen wurden und bei gewissen grob-niederträchtigen Kränkungen des Menschenrechts kann die öffentliche Meinung ein seltenes Mal sich wie eine Macht erheben, die es verdient, daß man ihr folgt. Sonst ist sie in der Regel ein Fabrikat, das im Dienst des Bildungsphilisteriums hergestellt wird.

Bei ihrem Eintreten ins Leben begegnet die Jugend also verschiedenen etwas mehr oder weniger philiströsen Gruppenmeinungen. Je mehr Einzelne zu einem wirklichen Menschen veranlagt sind, desto mehr Widerstand leistet er dagegen, mit der Herde zu gehen. Aber selbst wenn eine innere Stimme zu ihm sagt: Bleibe dir selbst treu! Sei du selbst! so hört er mit Mißmut diesen Zuruf. Hat er ein Selbst? er weiß es nicht; er kennt sich noch nicht.

Er sieht sich nach einem Lehrer um, einem Erzieher, einem, der ihn nicht etwas Fremdes, sondern er selbst, dieser Einzelne zu werden, lehren will.

Es gab in Dänemark einen großen Mann, der mit eindringlicher Kraft die Zumutung an seine Zeitgenossen richtete, sie sollten  Einzelne  werden. Aber die Aufforderung war von Seiten SÖREN KIERKEGAARDs nicht so unbedingt gemeint, wie sie ausgesprochen wurde. Denn das Ziel war gegeben. Sie sollten Einzelne werden, nicht um sich zu freien Persönlichkeiten zu entwickeln, sondern um auf diesem Weg wahre Christen zu werden. Sie wurden nur anscheinend frei gestellt, über ihnen schwebte ein: Du sollst glauben! und ein: Du sollst gehorchen! Sie hatten auch als Einzelne eine Schlinge um den Hals, und an der anderen Seite des Engpasses der Einzelheit, durch den die Herde getrieben wurde, wartete wieder die Herde:  ein  Hirt,  eine  Herde. (4)

Es ist nicht, um seine Persönlichkeit sofort wieder aufzugeben, daß der Jüngling unserer Tage danach strebt, er selbst zu werden und einen Erzieher sucht. Er will sich kein Dogma vorspiegeln lassen, in dem er wieder landen soll. Und er fühlt mit Unruhe, daß er mit Satzungen angefüllt ist. Wie sich selbst in sich selber finden, wie sich selbst aus sich selber ausgraben? Dazu sollte der Erzieher ihm helfen. Ein Erzieher kann nur ein Befreier sein.

Einen solchen befreienden Erzieher suchte NIETZSCHE als Jüngling und fand ihn in SCHOPENHAUER. Einen solchen findet jeder, der danach sucht, in der Persönlichkeit, die in seiner Entwicklungszeit am tiefsten befreiend auf ihn wirkt. NIETZSCHE sagt: nachdem er die erste Seite von SCHOPENHAUER gelesen hat, wußte er, daß er jede Seite von ihm lesen und auf jedes Wort Acht geben würde, selbst auf die Irrtümer, die ihm bei diesem Schriftsteller begegnen könnten. Jeder geistig Strebende wird Männer nennen können, die er auf diese Weise gelesen hat.

Allerdings blieb für NIETZSCHE, wie im Allgemeinen für jeden Strebenden, noch ein Schritt übrig - sich vom seinem Befreier zu befreien. Wir finden in seinen ältesten Schriften gewisse SCHOPENHAUERsche Lieblingsausdrücke, die später nicht mehr bei ihm vorkommen. Aber die Befreiung ist hier eine ruhige Entwicklung zur Selbständigkeit, während welcher die tiefe Dankbarkeit sich erhält, nicht wie im Verhältnis zu WAGNER ein gewaltsamer Umschlag, der ihn veranlaßt,  den  Werken allen Wert abzusprechen, die ihm früher die wertvollsten von allen gewesen waren.

Er rühmt an SCHOPENHAUER seine hohe Ehrlichkeit, neben die er nur diejenige MONTAIGNEs stellen kann, seine Klarheit, seine Beständigkeit, sein reinliches Verhältnis zu Gesellschaft, Staat und Staatsreligion. Bei SCHOPENHAUER nie eine Einräumung, nie ein Liebäugeln.

Und NIETZSCHE erstaunt über den Umstand, daß SCHOPENHAUER überhaupt das Leben in Deutschland aushielt. Ein neuerer Engländer hat gesagt: " Shelley  hätte nicht in England leben können, und eine Rasse von  Shelleys  würde dort unmöglich sein!" Diese Art Geister werden geistig gebrochen, dann schwermütig, zuletzt krank oder irrsinnig. Die Gesellschaft der Bildungsphilister macht den ungewöhnlichen Menschen das Leben sauer. Beispiele finden sich massenhaft in der Literatur aller Länder, und die Gegenprobe läßt sich beständig machen. Man braucht nur an die zahlreichen Talente zu denken, die früher oder später um Pardon gebeten und, um zu existieren, dem Philisterium Einräumungen gemacht haben. Aber selbst an den Stärksten verrät der unnütz aufreibende Kampf sich in Zügen und Runzeln. NIETZSCHE zitiert das Wort eines geübten Diplomaten, der GOETHE nur oberflächlich gesehen und gesprochen hatte: "Voila un homme qui a eu de grands chagrins" [Hier ist ein Mann, der große Sorgen hatte. - wp], und GOETHEs Zusatz, als er es seinen Freunden erzählt: "Wenn sich nun in unseren Gesichtszügen die Spur überstandenen Leidens, durchgeführter Tätigkeit nicht auslöschen läßt, so ist es kein Wunder, wenn alles, was von uns und unserem Bestreben übrig bleibt, dieselben Spuren trägt." Und das ist GOETHE, kommentiert NIETZSCHE, auf den unsere Bildungsphilister als auf den glücklichsten Deutschen hinzeigen.

SCHOPENHAUER war bekanntlich bis in seine letzten Lebensjahre ein ganz einsamer Mann. Keiner verstand ihn, keiner las ihn. Der größte Teil der ersten Auflage seines Werkes "Die Welt als Wille und Vorstellung" mußte als Makulatur verkauft werden. Das Buch erschien 1819 und bließ dreißig Jahre lang unbeachtet. Noch 1837 ist SCHOPENHAUERs Persönlichkeit in Dänemark so wenig bekannt, daß POUL MÖLLER, ein dänischer Dichter und Denker, der ihn früh gelesen hatte, ihn für einen Professor in Berlin hält, und 1841 widerfährt der "Gesellschaft der Wissenschaften" in Kopenhagen das bekannte Unglück, daß sie ihm ihren Preis für eine seiner berühmtesten Arbeiten verweigert.

In unseren Tagen ist die TAINEsche Anschauung stark verbreitet worden, daß der große Mann ganz und gar durch das Zeitalter bestimmt wird, dessen Kind er ist, es unbewußt zusammenfaßt und ihm mit Bewußtsein Ausdruck zu geben bestrebt ist. Aber obgleich sich der große Mann selbstverständlich nicht außerhalb des Gangs der Geschichte bewegt und immer auf Vorgängern fußt, so keimt eine Idee doch stets in einem Einzelnen, oder in einigen Einzelnen auf, und diese Einzelne sind nicht zerstreute Punkte in der niedrig stehenden Menge, sondern Hochbegabte, welche die Menge an sich ziehen und nicht von ihr gezogen werden. Das, was man den Zeitgeist nennt, entsteht zuerst in ganz wenigen Gehirnen.

NIETZSCHE, der von Anfang an, wohl meist durch SCHOPENHAUERs Einwirkung, stark von dem Satz erfüllt war, der große Mann sei nicht das Kind, sondern das Stiefkind der Zeit, fordert von einem hervorragenden Erzieher, daß er die Jungen gegen die Zeit erzieht - eine, so im Allgemeinen formuliert, recht ungereimte Forderung, aber für ihren Urheber sehr bezeichnend.

Es scheint ihm, daß die neuere Zeit besonders drei Menschentypen nacheinander zur Nachahmung und Nachfolge gebracht hat. Zuerst den Menschen ROUSSEAUs, den  Titanen,  der, von den höheren Kasten gedrückt und gebunden, sich erhebt und in seiner Not die heilige Natur anruft. Dann den GOETHEschen Menschen. Nicht  Werther  und die verwandten revolutionären Gestalten, die noch von ROUSSEAU abstammen, nicht die ursprüngliche Faustfigur, sondern  Faust,  wie er sich nach und nach entwickelt. Er ist kein Weltbefreier, sondern ein Weltbeschauer. Er ist nicht der wirkende Mensch. NIETZSCHE erinnert an  Jarnos  Wort gegen  Wilhelm Meister:  "Sie sind verdrießlich und bitter, das ist recht schön und gut. Wenn Sie nur erst einmal recht böse werden, wird es noch besser sein."

Einmal recht zornig zu werden, damit es besser wird, dazu will nach der Meinung des dreißigjährigen NIETZSCHE der SCHOPENHAUERsche Mensch aufmuntern. Dieser Mensch nimmt freiwillig das Leiden auf sich, die Wahrheit zu sagen. Sein Grundgedanke ist der: Ein glückliches Leben ist unmöglich; das Höchste, was der Mensch erreichen kann, ist ein heroisches Leben, d. h. ein Leben, in dem unter den größten Schwierigkeiten für Etwas gekämpft wird, was auf die eine oder andere Weise Allen zugute kommt. Zum wahrhaft Menschlichen heben uns nur die wahren Menschen empor, die, welche durch einen Sprung der Natur geworden zu sein scheinen, die Denker und Entdecker, die Künstler und Hervorbringer und die, welche mehr durch ihr Wesen wirken, als durch ihr Tun: die Edlen, die im großen Stil Guten,  die,  in denen der Genius des Guten wirkt.

Diese Menschen sind das Ziel der Geschichte.

NIETZSCHE formuliert den Satz: "Die Menschheit soll fortwährend daran arbeiten, einzelne große Menschen zu erzeugen - und dies und nichts anderes sonst ist ihre Aufgabe." (5) Das ist dieselbe Formel, zu der mehrere aristokratische Geister der Gegenwart gelangt sind. So heißt es bei RENAN fast gleichlautend: "In Summa ist der Zweck der Menschheit die Erzeugung großer Menschen ... nichts als große Menschen; die Rettung wird durch große Menschen kommen." (6) Und man sieht aus FLAUBERTs Briefen an GEORGE SAND, wie überzeugt auch er davon war. Er sagt z. B.
    "Das einzige Vernünftige ist und bleibt eine Regierung von Mandarinen, vorausgesetzt, daß die Mandarine etwas können, oder richtiger, daß sie viel können ... Es hat wenig zu bedeuten, ob einige Bauern mehr oder weniger lesen können und ihren Pastor nicht hören, aber es ist unendlich wichtig, daß Menschen wie  Renan  und  Littré  leben können und gehört werden. Unsere Rettung liegt jetzt in einer wirklichen Aristokratie." (7)
Sowohl RENAN wie FLAUBERT würden NIETZSCHEs Grundidee unterschreiben, daß ein Volk der Umweg ist, den die Natur macht, um ein Dutzend großer Männer hervorzubringen. Aber obgleich es diesem Grundgedanken nicht an Fürsprechern fehlt, soll damit nicht gesagt werden, daß er in der europäischen Philosophie der herrschende ist. In Deutschland denkt z. B. EDUARD von HARTMANN sehr verschieden über das Ziel der Geschichte. Ihm kommt es unzweifelhaft vor, daß die Geschichte, oder, mit einem größeren Wort, der Weltprozeß ein Ziel haben muß und daß dieses Ziel in seinen Augen nur ein dummes Hirngespinst ist. Daher seine Phantasien über einen, von den höchstbegabten Menschen freiwillig herbeigeführten Weltuntergang. Und im Zusammenhang damit steht seine Lehre, daß die Menschheit nun in das Mannesalter eingetreten ist, wo Genies notwendig werden.

Diesem Gedanken gegenüber vom Weltprozeß, dessen Ziel Vernichtung und Erlösung ist, Erlösung der leidenden Gottheit vom Dasein, erscheint NIETZSCHE relativ nüchtern mit seinem einfachen Glauben, daß das Ziel der Menschheit kein in das Unendliche hinausgeschobenes ist, sondern in ihren höchsten Exemplaren liegen muß. Er läßt freilich dabei die Hauptfrage offen, ob denn diese größten Menschen nicht wiederum Ziele haben, und zwar solche, die sich nicht auf ihre Selbsterhaltung beschränken.

Hiermit hat NIETZSCHE indessen die schließliche Beantwortung seiner Frage: Was ist Kultur? erreicht. Denn auf jenem Verhältnis beruhen der Grundgedanke der Kultur und die Pflichten, die sie auferlegt. Sie erlegt mir die Pflicht auf, mich selbsttätig in ein Verhältnis zu den großen Menschenidealen zu setzen. Ihr Grundgedanke ist der: sie weist jedem Einzelnen, der für sie arbeiten und an ihr teilnehmen will, die Aufgabe zu: in sich und außer sich auf die Erzeugung des Denkers und Künstlers, des wahrheits- und schönheitsliebenden Menschen, der reinen und guten Persönlichkeit und damit auf die Vollendung der Natur hinzuarbeiten, also nach dem Ziel hin: vollendete Natur.

Wann herrscht ein Kulturzustand? Wenn die Menschen einer Gesellschaft beständig darauf hinarbeiten, die Existenz großer Menschen zu fördern. Aus diesem höchsten Ziel folgen alle anderen. Und welcher Zustand ist am weitesten vom Kulturzustand entfernt? Der, in welchem die Menschen instinktiv und mit vereinten Kräften das Aufkommen großer Menschen erschweren, indem sie teils das Aufackern des Erdbodens verhindern, der erforderlich ist, damit das Geniale emporwachsen kann, teils hartnäckig alles Geniale bekämpfen, das sich unter ihnen erhebt. Ein solcher Zustand ist weiter von Kultur entfernt, als die reine Barbarei.

Aber gibt es einen solchen? wird vielleicht der Eine oder Andere fragen. Die meisten kleineren Völker können sich die Antwort aus der Geschichte ihres Vaterlandes herauslesen. Man wird da, in dem Grad, wie die "Bildung" steigt, das Bildungsklima sich verbreiten sehen, in dem das Genie nicht gedeihen kann. Und das ist umso bedenklicher, da, wie es scheint, in den modernen Zeiten und unter den Rassen, die jetzt die Macht über die Erde unter sich geteilt haben, Staatsverbände von ein paar, oder einigen paar Millionen Menschen selten zahlreich genug sind, um Geister vom allerersten Rang hervorzubringen. Es scheint, als würden die Genies erst aus dreißig oder vierzig Millionen herausdestilliert. Umso mehr Grund für die kleineren Genossenschaften, aus allen Kräften Kultur zu fördern.

Man ist in neuerer Zeit mit dem Gedanken vertraut, das Ziel, auf das es hinzuarbeiten gilt, sei das Glück: das Glück Aller, oder doch der Meisten. Worin das Glück besteht, wird seltener erwogen, und doch läßt sich die Frage nicht abweisen, ob nicht ein Jahr, ein Tag, eine Stunde im Paradies mehr Glück enthält, als ein Leben in der Ofenecke. Aber gleichviel: So vertraut man auch mit dem Gedanken ist, einem ganzen Land, einer Menschenmenge Opfer zu bringen, so unsinnig scheint es, daß ein Mensch um einzelner anderer Menschen willen da sein sollte, oder die Pflicht haben könnte, ihnen sein Leben zu weihen, um damit die Kultur zu fördern. Vielleicht läßt jedoch jenes größtmögliche Glück, welches es der BENTHAM-MILLschen Moral zufolge der größtmöglichen Zahl zu sichern gilt, sich überhaupt nur von den einzelnen großen Persönlichkeiten erlangen. Vielleicht muß auf die Kulturfrage, wie das einzelne Menschenleben den höchsten Wert und die größte Bedeutung erhält, die Antwort lauten: dadurch, daß es zum Vorteil der seltensten und wertvollsten Exemplare des Menschengeschlechts gelebt wird. Vielleicht richtet der Einzelne auch so am meisten dafür aus, daß das Leben der Meisten wertvoll wird.

In unseren Tagen bedeutet eine sogenannte Kulturinstitution nur zu oft eine Einrichtung, kraft welcher die Gebildeten, in geschlossener Reihe vorgehend, alle Einsamen und Widerspenstigen, deren Streben auf höhere Ziele gerichtet ist, zur Seite zu drängen. Auch den Gelehrten fehlt daher in der Regel jeder Sinn für den werdenden Genius und jedes Gefühl für den Wert des gleichzeitigen und strebenden Geistes. Darum haben, trotz des unbestreitbaren und rastlosen Fortschrittes auf allen technischen und fachwissenschaftlichen Gebieten, die Bedingungen für die Entstehung des Großen sich so wenig verbessert, daß der Widerwille gegen das Geniale eher zu- als abgenommen hat.

Vom Staat können die hervorragenden Persönlichkeiten nicht viel erwarten. Er nützt ihnen selten, wenn er sie in seinen Dienst nimmt; er nützt ihnen mit Sicherheit nur, wenn er ihnen volle Unabhängigkeit schenkt. Nur wirkliche Kultur kann verhindern, daß sie zu früh müde oder erschöpft werden, und sie vor dem aufreibendem Kampf mit dem Bildungsphilisterium bewahren.

NIETZSCHEs Wert beruth darauf, daß er der Träger einer solchen, wirklichen Kultur ist: ein Geist, der selbst unabhängig, Unabhängigkeit mitteilt und der für andere jene befreiende Macht werden kann, die SCHOPENHAUER in seiner Jugend für ihn wurde.

LITERATUR - Georg Brandes, Menschen und Werke, Frankfurt a. M. 1900
    Anmerkungen
    1) Der Ausdruck "aristokratischer Radikalismus", dessen Sie sich bedienen, ist sehr gut. Das ist, mit Verlaub gesagt, das gescheiteste Wort, das ich bisher über mich gelesen habe. (Nietzsche am 2. Dezember 1887)
    2) NIETZSCHEs Schriften sind folgende: Unzeitgemäße Betrachtungen I-IV. - Die Geburt der Tragödie, oder Griechentum und Pessimismus. - Menschliches, Allzumenschliches I und II - Morgenröte, Gedanken über die moralischen Vorurteile. - Die fröhliche Wissenschaft (La gaya scienza). - Jenseits von Gut und Böse. - Zur Genealogie der Moral - Also sprach Zarathustra, I-IV - Der Fall Wagner, ein Musikantenproblem - Götzendämmerung oder wie man mit dem Hammer philosophiert.
    3) Die Geburt der Tragödie, Seite 112f.
    4) "Sören Kierkegaard", ein literarisches Charakterbild von GEORG BRANDES, Leipzig 1879
    5) Unzeitgemäße Betrachtungen, Drittes Stück, Seite 60
    6) ERNEST RENAN, Dialogues et fragments philosophiques, Seite 103
    7) FLAUBERT, Lettres á George Sand, Seite 139f.