cr-3Kampits - Ernst MachJanik/Toulmin - Ernst Mach 
 
ERNST MACH
Briefwechsel mit Fritz Mauthner

"Daß Ihr Sprachwerk sich zunächst der jüngern Generation bemächtigt hat, weil diese nicht schon alles weiß, bevor es noch gefunden wurde, ist ja natürlich."

Mach an Mauthner

Prag, 14.XI. 1889

Hochgeehrter Herr!

Ihre freundliche Einladung, an der Wochenschrift "Deutschland" mitzuarbeiten, muß ich mit Dank ablehnen, daß es mir unmöglich ist, eine neue Verpflichtung zu übernehmen.

Mit dem Ausdrucke besonderer Hochachtung Ihr ergebenster

E. Mach




Mach an Mauthner

Prag, 10. VII. 1895

Hochgeehrter Herr!

Sie sind mir in sehr lebhafter Erinnerung geblieben, obgleich ich ja sehr wenig in der Gesellschaft verkehrt habe, und nur selten Gelegenheit hatte Sie zu sehen. Unter Kreuzband sende ich Ihnen einen vollständigen Abdruck des gewünschten Vortrages. Derselbe ist mit meinen anderen Gelegenheitsvorträgen gesammelt auch in englisch erschienen (Popular scintific lekctures. Chicago 1895. The Open Court Publishing Co). *

Mit dem besten Dank für Ihre freundliche Erinnerung
hochachtungsvoll grüßend Ihr ergebenster

E. Mach
* Von dieser Ausgabe habe ich leider kein Exemplar mehr




Mauthner an Mach

Grunewald b/Berlin 17.IX. 1895

Verehrter Herr Professor!

Meinen verbindlichsten Dank für die freundliche Erfüllung meiner Bitte; wenn meine erkenntnistheoretischen Untersuchungen - vielleicht zu einiger Überraschung meiner Lehrer - vorliegen werden, dürften Sie sehen, daß ich Ihren tief greifenden Vortrag (1), besonders die Anregung über den Begriff der Ursache, ebenso wie Ihre Beiträge zur Geschichte der Mechanik dankbar(2) benutzt habe. Ich danke erst heute, weil ich Ihnen zugleich als Gegengabe meine "Gedichte in Prosa"(3) senden wollte, die ich freundlich aufzunehmen bitte; vielleicht sind einzelne der kleinern Stücke nicht genug für einen Mann wie Sie.

Und ich schreibe noch einmal, weil noch eine Bitte habe. Sie weisen den "verzweifelten Gedanken" zurück, "der kürzlich von geachteter Seite geäußert worden ist", ob der Begriff nämlich ein bloßes Wort sei, die alte Lehre der mittelalterlichen Nominalisten. Ist es unbescheiden, wenn ich frage: meinen Sie die Zweifel STEINTHALs(4) oder SPENCERs(5)? Dürfte ich Sie darüber um ein Wort, auf einer Postkarte nur belästigen?

Mit vielem Dank, in ausgezeichneter Hochachtung
Ihr treulich ergebener

Fritz Mauthner




Mach an Mauthner

Wien, 28. X. 1901

Hochgeehrter Herr! Noch konnte ich Ihr freundliches Geschenk nicht erwidern und schon folgt der zweite Band(6) nach, mit einer für Werke dieses Kalibers ungewöhnlichen Rapidität. Aufschneiden und Durchblättern hat mir einen Vorgeschmack verschafft von den mannigfachen Genüssen, die mir die Lektüre bieten wird. Auf Leute, die der Sprachwissenschaft näher stehen als ich, wird das Buch erst recht revolutionierend wirken und sie aus dem "dogmatischen Schlummer"(7) wecken.

Indem ich für Ihre gütige Erinnerung aufs herzlichste danke, verbleibe ich mit dem Ausdrucke

besonderer Hochachtung
Ihr ergebenster
Dr. Ernst Mach




Mauthner an Mach

Grunewald bei Berlin, 30. X. 1901
Wangenheimstr. 46

Verehrter Herr Professor!

Sie gestatten mir wohl Ihnen auszusprechen, wie ernst mich die Anerkennung des Mannes erfreut hat, den ich unmaßgeblich für den einzigen Philosophen unter den Physikern und auch unter den Physiologen der letzten vierzig Jahre halte. In dem Teile des dritten Bandes, der sich mit angewandter Logik beschäftigt (8), werden Sie hoffentlich bemerken, wofür ich Ihnen Dank schulde. Dieser dritte Band wird, wenn meine Kräfte es zulassen, schon im Frühjahr erscheinen. Die "Rapidität" bitte ich daraus erklären zu wollen, daß die ganze Masse des Manuskripts nach neunjähriger Arbeit ungeordnet schon vorlag, als ich an die Drucklegung des ersten Bandes ging. Und Ordnung ist doch wohl nur ein menschlicher Gesichtspunkt, kein natürlicher, vielleicht geht mir aber auch nur der Sinn für Systematik ab.

In dankbarer Verehrung Ihr ganz ergebener

Fritz Mauthner




Mauthner an Mach

Grunewald, den 4. XII. 1901

Hochgeehrter Herr Professor!

Die freundliche und ehrende Gabe(9), die ich soeben von Ihnen erhalte, gibt mir vielleicht ein Recht, Ihnen nicht nur zu danken, sondern auch einiges zu schreiben. Übrigens war die "Wärmelehre" die einzige größere Arbeit von Ihnen, die ich nicht kannte. Das verdanke ich wohl dem freundlichen Besuche Ihres Herrn Sohns.

Nun steht aber seltsamerweise gerade in Ihrem zweiten Vorwort schon das, was ich Ihnen sagen wollte.  To eliminate from science its latent metaphysical elements,  dieses bewußte Streben fühlte ich aus Ihren Schriften deutlich heraus und in meinem dritten Bande werden Sie mich (falls es nicht schon im zweiten geschehen ist, was ich auswendig nicht weiß) vielleicht als einen Schüler erkennen. Einige Male in erkennnistheoretischen Fragen. Und mehr noch.

Mein Werk wurde von mir in den Jahren 1872 und 73 halb unbewußt konzipiert. Ausgangspunkt war drolligerweise ein kritisches Studium der SCHILLERschen Sprache. Ich war blutjung, und die Nachlaßschriften OTTO LUDWIGs (10), die Kulturkampfreden BISMARCKs und die ersten unzeitgemäßen Betrachtungen NIETZSCHEs regten mich auf. Eine Kritik der Sprache, pietätslos-ästhetisch schwebte mir vor. Da hörte ich einen Vortrag von Ihnen, ich glaube im deutschen Kasino, über die Erhaltung der Energie(11), mit sehr schönen Exerimenten.

Damals wurde mir klar, daß meine Kritik erkenntnistheoretisch sein müßte und daß ich, Student der Jurisprudenz mit philologisch-archäologischen Neigungen, vorher etwas von den Naturwissenschaften erfahren müßte. Für einen Menschen, der seiner Feder lebt, glaube ich darin fleißig gewesen zu sein. Ein wenig zu sehr für meine Kräfte.

Ich würde Ihnen mit alledem nicht kommen, wenn es nicht zeigte, eine wie ernste Freude mir gerade Ihre Anerkennung bereiten mußte.

Sonst zieht mein Buch sehr langsam seine Kreise. Einige junge Himmelsstürmer haben es mit Begeisterung aufgenommen, einige Professoren (Jena, München) sind brieflich sehr warm geworden. Die eigentlich Zünftigen machen mir ethisch und ästhetisch unbändige Komplimente und bekreuzen sich vor dem Grundgedanken. Gerade in Wien ist das Buch besonders niedrig behandelt worden, ganz preßbengelhaft der erste Band in der  Neuen Freien Presse.  Hoffentlich muß ich nicht hinzufügen, daß ich mit dieser Klage keine Nebenabsicht verbinde. Ihre briefliche Anerkennung ist mir von reinerem Werte, als bedrucktes Papier in diesem Markte der Eitelkeit so leicht werden könnte. Nur danken wollte ich Ihnen und diese schöne Stimmung hat mich vielleicht intimer gemacht als ich durfte.

Sollte ich meinen gegenwärtigen Nervenzustand überwinden können, so hoffe ich Ihnen den dritten Band, den schwersten und besten, im Frühjahr zu übersenden.

In Verehrung Ihr treulich ergebener

Fritz Mauthner




Mach an Mauthner

Wien, 24. XII. 1901

Hochgeehrter Herr!

Endlich komme ich dazu für Ihr liebenswürdiges Schreiben vom 4 Dec zu danken. Diese Tage wird Ihnen auch die 3. Auflage meiner "Analyse der Empfindungen" (12) zugehn.

Ihr Werk wird langsam aber sicher seine Wirkung tun. Die Zunftgelehrten sind etwas schwerfällige Gewohnheitsmenschen. Auf 10-20 Jahre Überlegung kommt es ihnen nicht gerade an. Manches, was ein Mensch von lebhaftem Temperament für Bosheit halten möchte, ist grossenteils auf Rechnung dieser Schwerfälligkeit zu setzen. Ihr an die N F Presse (13) gesendetes R Exemplar (14) ist wahrscheinlich MERINGER zugeschickt worden. Prof W Jerusalem Jerusalem (15), Wien VIII Daungasse 1, würde wahrscheinlich der philosophischen Seite des Buches besser gerecht worden sein. Er kennt und schätzt Sie schon von Prag her.

Ich hatte mir vorgenommen in einem meiner Bücher, wo mich die Sprachforscher nicht gleich als Nichtfachmann zurechtweisen können, über Ihr Werk zu sprechen. Nun scheint sich eine andere Gelegenheit hierzu zu bieten. Ich bin nur im Zweifel, ob ich das Erscheinen des dritten Bandes abwarten soll, der, wie ich vermute, meinem Verständnis noch etwas näher liegen wird. Sehr wertvoll wären mir Andeutungen darüber, was Sie etwa besonders hervorgehoben wünschen.

Ihnen und Ihrem Fräulein Tochter die angenehmsten Ferien und gute Erholung wünschend, mit

hochachtungsvollem Gruß Ihr ergebenster

Dr. E. Mach




Mauthner an Mach

Gossensaß, 29. XII. 1901

Hochgeehrter Herr!

Ihr gütiges Schreiben vom Christtage ist mir über Berlin und Riva hierher gefolgt, wo ich immer noch vergebens Schlaf suche. Diese Bemerkung beantwortet gleich ein Wort Ihres Briefes, ob Sie nämlich mit einer Äußerung über mein Buch auf das Erscheinen des III. Bandes warten sollen. Ich bin auch nur ein Mensch. Mein Werk kann warten, ich schwerlich. Bei meinem gegenwärtigen Zustande kann ich nicht wissen, wann ich den III. Band druckfertig machen kann. Wäre ich nicht mehr, so könnte es ein gewissenhafter Freund in 4 Wochen besorgen, oder in 3 Monaten; so vorbereitet ist sogar die Durchsicht des Manuskripts. Wann ich dazu wieder imstand sein werde, an eine Drucklegung zu gehen, das weiß ich nicht. Eine Bitte an Sie spreche ich aber nicht aus.

In der  Neuen Freien Presse  ist der erste Band geradezu gassenbübisch behandelt worden; wie ich leider glaube, zur Strafe für eine Unbotmäßigkeit meinerseits. Über den II. Band soll indessen ein korrekter Aufsatz im Satze stehen. Herrn Prof. JERUSALEM werde ich, unabhängig davon, mein Werk sehr gern zusenden, da ich seinen Schriften Ernsthaftes verdanke. Ich habe mein Buch allerdings bisher nur solchen Gelehrten und Forschern direkt zugesandt, denen ich mich, wie Ihnen, durch irgend ein Erlebnis oder eine persönliche Freundlichkeit persönlich verpflichtet fühlte.

So ging der I. Band höchsten an 5-6 Gelehrte ab. Und nun zu dem Wort ihres Briefes, das mich geradezu verwirrt. Wie könnte ich Ihnen sagen, "was ich etwa besonders hervorgehoben wünsche". Junge Weltverbesserer haben mein Werk über KANT gestellt und ich war unzufrieden, weil sie das ohne Beweis hinstellten. Ein befreundeter Berliner Professor (Philologe) sagt: "Wir (Deutschen) können stolz sein auf dieses Buch." Und ich war wütend, weil der Herr (Sie meinen mehr schwerfällig als böswillig) nur meinte: es ist doch schön, daß in unserem herrlichen Deutschland sogar ein Journalist und Romanschriftsteller so ein anregendes Buch geschrieben hat. Was müssen da erst wir Fachleute für Kerls sein?

Ich kann Ihnen auf Ihre Frage nicht antworten. Wenn ein Mann wie Sie mein Werk für die erkenntnistheoretischen Fragen wertvoll hält und mir das auch brieflich sagt, so bin ich sehr glücklich darüber. Sagt er es öffentlich, so bin ich nicht glücklicher, aber mein Werk wird gefördert.

Herzlichen Dank für die "Analyse" (16). Ich kannte nur die erste Auflage. Die 3. ebenso wie die Wärmelehre ist hier bei mir, das Studium aber einstweilen untersagt. Ein Blättern aber hat mir verraten, daß es kein Zufall war, wenn einst ein Vortrag von Ihnen entscheidend für mich wurde.

Am Schlusse eines so formlos langen Briefes darf doch wohl ein Neujahrsglückwunsch stehen.

In Verehrung
Ihr ganz ergebener
Fritz Mauthner




Mauthner an Mach

Grunewald, 14. II. 1902

Hochgeehrter Herr Professor!

Als ich wieder an die Arbeit gehen durfte, nahm ich - während der Fertigstellung meines alten Manuskriptes - zunächst die Prinzipien der Wärmelehre vor, die ich Ihrer Güte verdanke. Ich bin sehr beschämt, daß ich mich vor Jahren durch den Titel hatte abschrecken lassen, trotzdem ich Ihre philosophische Art nicht nur aus der "Analyse" und den "Vorlesungen", sondern auch aus der "Mechanik" verehrend kannte. Wären andere Vertreter der Naturwissenschaft nur annähernd solche Begriffskritiker, der dritte Band meines Werkes wäre leicht oder überflüssig geworden.

Ich hoffe, Sie werden im dritten Bande, der zu Anfang des Sommers herauskommen soll, finden, was ich in Ihrer Wärmelehre gefunden habe. Noch lieber hätte ich Ihre überzeugende Darlegung über die Begriffe (17) ganz und gar abgeschrieben, anstatt mich mit kurzen Zitaten zu begnügen. Dagegen bin ich so unbescheiden zu hoffen, daß meine Darlegungen auch für Sie über GEIGER (18) und NOIRÈ (19) hinausführen, denen sie im Kapitel über die Sprache teilweise folgen.

Das Todschweigen der meisten Fachleute gegen den Störenfried dauert weiter. Dagegen scheint mein Werk in jüngeren Köpfen, bei Studenten und auch Dozenten, doch zu rumoren. Hier sind es seltsamerweise gerade die führenden konservativen Blätter, die lebhaft, ja fast enthusiastisch für mein Werk eintreten. Vielleicht wittern sie in meiner Reaktion gegen den wortabergläubischen Materialismus kurzsichtigerweise einen Bundesgenossen. Oder sie sind am Ende anständig. Als Probe dafür, wie ich in Österreich behandelt werde, das inliegende Blatt, das ich zurückerbitte, falls Sie keine Mühe davon haben. Ich habe über den Angriff herzlich gelacht. Aber traurig ist es vielleicht doch.

Verzeihen Sie freundlichst meine Redseligkeit.

Ich ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ganz ergebener
Fritz Mauthner




Mach an Mauthner

Wien, 21. II. 1902

Hochgeehrter Herr!

Mit herzlichem Dank bestätige ich den Empfang Ihrer freundlichen Zeilen vom 14. II. Ich bitte mir meine Lässigkeit im Schreiben nicht übel auszulegen, da meine Arbeitszeit durch meinen Gesundheitszustand sehr beschränkt ist und ich außerdem augenblicklich durch Revision von Übersetzungen sehr in Anspruch genommen bin.

Das klerikale Blatt mit den schönen Besprechungen von der schönen Geselleschaft lege ich hier bei. Ich freue mich sehr auf den 3. Band.

Mit dem Ausdruck aufrichtiger Verehrung
Ihr ergenster
Dr. Ernst Mach




Mach an Mauthner

Wien, 4. V.1902

Hochgeehrter Herr!

Ihre Mahnung trifft mich schwer. Vor 3 Monaten hatte ich die erste Hälfte des ersten Bandes von Mauthners Buch exzerpiert. Seither hält mich eine unabweisbare Arbeit fest, die bei meinem Gesundheitszustand und meiner kurzen täglichen Arbeitszeit langsam genug von statten geht.

Es liegt viel an meiner Ungeschicklichkeit und der geringen Vertrautheit mit dem Sprachfach. Ein richtiger Rezensent wäre natürlich längst fertig. Übrigens steht ja der dritte Band in Aussicht, der mir wahrscheinlich mehr Berührungspunkte bieten wird. Ich bitte also um Nachsicht.

In aufrichtiger Verehrung
Ihr ergebenster
Dr. Ernst Mach




Mach an Mauthner

Wien, 11. X. 1904

Hochgeehrter Herr!

Es wird mich sehr freuen Sie zu sehen. Ich stehe, die Zeit von 1-3 Uhr ausgenommen, immer zu Ihrer Verfügung. Am Donnerstag möchte ich um 5 NM wieder zum erstenmal in die Akademie fahren, deren Sitzungen ich seit mehr als einem Jahr wegen Krankheit nicht besucht habe. In angenehmer Erwartung Ihres freundlichen Besuches hochachtungsvoll grüßend.

Ihr ergebenster
Dr. Ernst Mach

XVIII, Gersthoferstraße 144
gegenüber Filiale d Findelhauses
zugleich Haltestelle d. Straßenbahn




Mauthner an Mach

Freiburg i/B., 12. III. 1906
Zähringerstr. 78

Verehrter Herr Hofrat!

Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein kleines Buch (20) zuzusenden, eine Sammlung von Aufsätzen, die ich als Journalist schrieb, die aber nach der Meinung einiger Freunde über den Tag hinaus wirken dürften. Ich wäre sehr froh, wenn das kleine Buch sie zwischen Ihren großen Arbeiten so viele Minuten beschäftigen würde wie es mich Stunden gekostet hat.

Sie haben meinem Werke soviel Interesse bewiesen, daß ich Ihnen wohl mitteilen darf, was inzwischen geschehen ist. Die Philosophen schweigen, weil ich ihre Zirkel gestört habe. Trotzdem wirkt mein Gedanke in der Studentschaft weiter, und ich habe die Freud, daß eine zweite Auflage des 1. Bandes notwendig geworden ist. Ich stecke mitten in den schwierigen Arbeiten dieses Neudrucks. Ich habe, um mich vollständig meinem Werk widmen zu können, Berlin und meine dortige Tätigkeit verlassen und lebe hier, in Freiburg, meinen Studien und meinen Arbeiten.

Ich weiß, daß ich Sie nicht um eine Antwort bitten soll. Vielleicht haben Sie die Güte, Herrn Prof. JERUSALEM zu grüßen. Im Mai hoffe ich Ihnen den noch stärker angeschwollenen 1. Band in der neuen Fassung senden zu dürfen.

Mit den ergebensten Grüßen und Wünschen
in treuer Verehrung
Ihr Fritz Mauthner




Mach an Mauthner

Wien, 16. III. 1906

Hochgeehrter Herr!

Ihre "Totengespräche " (21) habe ich erhalten und schon vor einigen Tagen ohne Unterbrechung zu Ende gelesen. Ich danke Ihnen sehr, daß Sie mich durch Übersendung dieses genialen Werkes erfreut und geehrt haben. Das Buch hat mich mehr als LUCIAN, VOLTAIRE und HEINE unterhalten, aber auch durch seinen tiefen Ernst unter der Decke von Satire und Humor ergriffen. Es ist kein Tagesprodukt.

Daß Ihr Sprachwerk sich zunächst der jüngern Generation bemächtigt hat, weil diese nicht schon alles weiß, bevor es noch gefunden wurde, ist ja natürlich. Vielleicht haben Sie ein wenig an diese Arbeit gedacht, als Sie zwischen Ruhm und Wirkung unterschieden und in letzterer das Bessere erkannten.

Ihre Gruß an JERUSALEM will ich gern bestellen. Wenn er nicht so schwer an täglicher Arbeit zu tragen hätte, würde er Ihr Sprachwerk wohl schon besprochen haben. Ich darf das nicht wagen auf einem Gebiet, auf dem mich jeder Lausejunge mit der überlegenen Miene des Fachmanns zurechtweisen kann. Übrigens habe ich mich der eigenen Haut gegen Philosophen und Physiker zu wehren, indem ich Ihnen zu Ihrem stillen Aufenthalt herzlich Glück wünsche, nochmals dankend, in aufrichtiger Verehrung Ihr ergebenster

Dr. Ernst Mach




Mauthner an Mach

Freiburg i./Br., 20. III. 1906

Verehrter Herr Hofrat!

Ich vergaß in meinem letzten Briefe die Bitte, sich nicht mit einer Antwort zu bemühen. Ich weiß ja, daß Sie sich nicht gern zum Schreiben entschließen. Doch mein Versehen tat mir nicht leid; ich verdanke ihm die seltene Freude, die Ihr Brief mir geschenkt hat. Nicht das Lob, der Vergleich mit dem Riesenkerl, dem VOLTAIRE. Vielmehr der herzliche Ton der Anerkennung von Ihnen.

Ich schreibe abermals, aber nicht um für diese Freude zu danken. Ihr Brief enthält ein Wort, das ich nicht gern unerwidert ließe. Es klingt, als ob Sie eine Entschuldigung dafür nötig hätten, über meine Sprachkritik nicht geschrieben zu haben. Weil ich einen ähnlichen Ton schon vor Jahren von Ihnen vernahm, möchte ich einmal in dieser Sache mich vorzustellen wagen.

Nein, verehrter Herr Hofrat, ich bin noch nicht ganz 57 Jahre alt, also noch sehr jung. Wenn Sie so stark oder so warm wie in Ihren Briefen öffentlich über mein Werk geschrieben hätten, so wäre das wichtig gewesen (den Wert des Werkes vorausgesetzt) für das Tempo des Erfolges, für die Farbe meiner Haare und vielleicht für eine guten Flasche Wein. Für die Sache, für das, was ich will, wären Ihre fortbauenden Gedanken wichtig geworden, nicht Ihre Anerkennung. Auch haben Sie Wichtigeres zu tun, als fremde Schöpfungen zu behüten, da Sie eigene Arbeit haben.  Eigene  Arbeit, nicht bloß die persönlichen Geschäfte wie jedermann.

Professor JERUSALEM hat übrigens in seinem Buche "Der kritische Idealismus" auf meine Sprachkritik freundlich hingewiesen.

Ich rechne darauf, daß Sie die Absicht dieser Zeilen nicht mißverstehen werden. Wenn ich Ihrer gedenke oder Ihnen gar ein Schriftchen zu senden mir erlaube, so habe ich nicht einmal den verhältnismäßig anständig-egoistischen Wunsch, Sie an mich zu erinnern, sondern nur den, Ihnen ein bißchen zu danken, für alle Förderung und für jeden geistigen Genuß, seit jener Vorlesung im Prager Konviktssaale, deren Sie sich erinnerten.

In treuer Verehrung
Ihr ganz ergebener
Fritz Mauthner




Mach an Mauthner

Wien, 22. II. 1909

Hochgeehrter Herr!

Es wird mich sehr freuen Sie Dienstag 23/II von 5 Nm an oder Mittwoch zu beliebiger Zeit zu sehen.

Mit hochachtungsvollem Gruß Ihr ergebenster
Dr. Ernst Mach




Mach an Mauthner

Wien, 22. X. 1912

Hochgeehrter Herr!

Seit vielen Wochen liege ich unbeweglich und hilflos zu Bette. Ein Sturz, der mich zwar nicht erschlagen, aber fast alle Glieder unbeweglich und schmerzhaft gemacht hat, hat dies bewirkt.

Ich bewundere bei Ihnen die stetige Erweiterung Ihres Interessenkreises mit den fortschreitenden Jahren, während mein Interessenkreis zusehends zusammenschrumpft; ich staune über Ihre unerschöpflich Arbeitskraft, die alles dies zu bewältigen vermag; ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Vermählung; ich danke Ihnen schließlich herzlich dafür, daß Sie mich bei alle dem noch in Erinnerung behalten haben und ich bitte Sie um ein freundliches Andenken, falls dieser Brief der letzte sein sollte.

Für den Buddhismus (22) habe ich seit ich etwas davon weiß immer die größte Sympathie gehabt, wenngleich meine "Analyse der Empfindungen" nicht auf buddhistischer Anregung, sondern durch die naivsten Überlegungen entstanden ist. Gewiss kann ich dem Buddhismus gegenüber gar keine Originalitätsansprüche erheben. Denn die Analyse des Ich, die Zerstörung der Illusion des bleibenden Selbst hat schon lange vor mir DAVID HUME in  Treatise on human nature  durchgeführt. Auch diese beglückendste Einsicht verdanke ich weder dem Buddhismus noch HUME, während ich da aber eine Anregung von LICHTENBERGs "Es denkt" erkenne, der wahrscheinlich von HUME Kenntnis hatte. Ich erinnere mich eines Gespräches mit dem berühmten Philosophen WILLIAM JAMES, der die Einsicht der Illusion des Selbst durchaus nicht gelten lassen wollte. Mir schien es, daß die Gelehrsamkeit zuweilen die naivsten und die fruchtbarsten Gedanken vertreibt.

Mit nochmaligem ergebensten Dank Ihr alter
Dr. Ernst Mach




Ludwig Mach an Mauthner

Wien, 15. IV. 1915

Verehrter Herr Doktor!

Im Auftrage meines Vaters übersende ich heute die "Erinnerungen einer Erzieherin".(23)

Nun sind Sie wohl auch wieder von Ihrer Italienreise zurück in Ihrem sonnigen Häuschen am See.

In den süddeutschen Monatsheften las ich vor kurzem Ihre Schulreminiszenzen, aus denen all die unfassbaren Stimmungen des alten Prag wie aus einem altersblinden Spiegel heraus blinken - wie nüchtern und trostlos war da schon meine Zeit!

Da meine ich, daß Sie das Buch nur stellenweise und nur inhaltlich interessieren wird. Sprache und Darstellung kommt etwas zu kurz!

Wir haben viele Rückfälle seit August zu verzeichnen - ich getraue mich von Fortschritt und Besserung kaum zu sprechen.

Die herzlichsten und aufrichtigsten Wünsche für Ihr Wohlergehen
von Ihrem ergebenen
Mach
LITERATUR - Rudolf Haller / Friedrich Stadler (Hrsg), Ernst Mach - Werk und Wirkung
    Anmerkungen
  1. Ernst Mach, Die Geschichte und die Wurzel des Satzes von der Erhaltung der Arbeit, Prag 1872
  2. Ernst Mach, Die Mechanik in ihrer Entwickelung historisch-kritisch dargestellt, Leipzig 1883
  3. Fritz Mauthner, Lügenohr - Fabeln und Gedichte in Prosa, Stuttgart 1892, Neuauflage unter dem Titel: Aus dem Märchenbuch der Wahrheit, Stuttgart 1896
  4. Heymann Steinthal (1823-1899), deutscher Sprachwissenschaftler und Völkerpsychologe. 1862 a.o. Professor für Sprachwissenschaft in Berlin: Der Ursprung der Sprache, Berlin 1851
  5. Herbert Spencer (1820-1903), englischer Ingenieur, Schriftsteller und Philosoph: Principles of Psychology (1855)
  6. Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. I-III, Stuttgart 1901f
  7. Zitat von John Stuart Mill ("the deep slumber of decided opinion") /Quelle: Alexander Herzen - Die gescheiterte Revolution, Ffm 1977, Seite 196
  8. Fritz Mauthner, Beiträge zu einer Kritik der Sprache, Bd. III, Teil 2, Stuttgart 1901f
  9. Ernst Mach, Prinzipien der Wärmelehre - Historisch-kritisch entwickelt, Leipzig 1896
  10. Otto Ludwig (1813-1865), Shakespeare-Studien, Leipzig 1871
  11. Ernst Mach, "Über das Prinzip der Erhaltung der Energie", in Ders., Populärwissenschaftliche Vorlesungen, Leipzig 1910
  12. Ernst Mach, Beiträge zu einer Analyse der Empfindungen, Jena 1886
  13. Neue Freie Presse, Wien
  14. Rezensions-Exemplar
  15. Wilhelm Jerusalem (1854-1923), österreichischer Philosoph, Psychologe und Pädagoge. 1891 Privatdozent, 1920 a.o. Professor und 1923 o. Professor der Philosophie und Pädagogik in Wien. Freundschaft und reger Briefkontakt mit Ernst Mach.
  16. Ernst Mach, Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen, 2. vermehrte Auflage, Jena 1900
  17. Ernst Mach, Prinzipien der Wärmelehre - Historisch-kritisch entwickelt, Leipzig 1896, Seite 415ff
  18. LAZARUS GEIGER (1829-1870), deutscher Philosoph, Ursprung und Entwicklung der menschlichen Sprache und Vernunft, 2 Bde., Stuttgart 1868/72; Ursprung der Sprache, Stuttgart 1869
  19. LUDWIG NOIRÉ (1829-1889), deutscher Philosoph, Der Ursprung der Sprache, Mainz 1877; Logos, Ursprung und Wesen der Begriffe, Leipzig 1885
  20. Fritz Mauthner, Die Sprache, Ffm 1906, Die Gesellschaft 9, hrsg. von Martin Buber
  21. Fritz Mauthner, Totengespräche, Berlin 1906
  22. Fritz Mauthner, Der letzte Tod des Gautama Buddha, München/Leipzig 1913
  23. Marie Mach, Erinnerungen einer Erzieherin. Mit einem Vorwort hrsg. von Ernst Mach, Wien/Leipzig 1912