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MARTIN KURZREITER
Wortkritik als Ideologiekritik
bei Fritz Mauthner


"Er ist jedoch skeptisch, ob eine geordnete Darstellungsweise an der  Systemlosigkeit  seines Werkes wesentliche Änderungen vornehmen könnte."

Das offene System der Sprachkritik

Im "Wörterbuch der Philosophie" bezeichnet FRITZ MAUTHNER an zentraler Stelle seine gesammelten  Beiträge zu einer Kritik der Sprache  als "die wichtigste Aufgabe der Erkenntnistheorie. Seine Intentionen zielen daher auch nicht auf eine Sprachkritik im Sinne einer speziellen, inhaltlich und methodologisch eng umgrenzten Disziplin ab, die man etwa in den allgemeinen Kontext von Sprachgeschichte und Sprachwissenschaft einfügen könnte. Es geht MAUTHNER vielmehr grundsätzlich um die Frage des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit.

MAUTHNER ist der Ansicht, daß durch den sprachlichen Vollzug ein adäquates Verständnis der Wirklichkeit nicht nur unmöglich ist, sondern darüber hinaus schon die dichtomische Betrachtungsweise von Subjekt und Objekt, von erkennendem Ich und der dieses Ich umfassenden Welt, als Basis erkenntnistheoretischer Modelle hinterfragt werden muß. MAUTHNER kann daher auch sagen:
    "Und ich werde froh sein, wenn ein ganz guter Leser am Ende des Weges sich sagen muß, die skeptische Resignation, die Einsicht in die Unerkennbarkeit der Wirklichkeitswelt, ist keine bloße Negation, ist unser bestes Wissen, die Philosophie ist Erkenntnistheorie, Erkenntnistheorie ist Sprachkritik, Sprachkritik aber ist die Arbeit an dem befreienden Gedanken, daß die Menschen mit den Wörtern ihrer Sprache und mit den Worten ihrer Philosophien niemals über eine bildliche Darstellung der Welt hinausgelangen können."
MAUTHNER argwöhnt nun, daß gerade die Philosophie diesen erkenntnis- und sprachkritizistischen Bereich im wesentlichen völlig ausgeklammert hat. Ja, er ist sogar der Meinung, "daß der skeptische Nominalismus, mit welchem ich die Unzulänglichkeit der menschlichen Sprache überhaupt aufgezeigt habe, ganz besonders die philosophischen Begriffe trifft, und unter ihnen am stärksten die allgemeinsten Begriffe".

Von diesem Standpunkt aus ist vor allem die Geschichte der Philosophie für MAUTHNER ein besonderes Problem. Für MAUTHNER zählt solcherdings die Geschichte der Philosophie selbst zu einer eigenen philosophischen Fragestellung. Auf die Geschichte der Philosophie wird jedoch nicht deshalb allein nur reflektiert, um die Genese des gegenwärtigen Bewußtseinsstandes aufzudecken, MAUTHNER geht es daher auch nicht in erster Linie um eine bloß theoretische Rekonstruktion der philosophischen Systeme. Er legt vielmehr entscheidenden Wert auf ihre praktische Wirkungsgeschichte, wobei diese ihrerseits unter der Prämisse betrachtet wird, daß philosophische Probleme nun neu durch den sprachkritischen Gedanken geprüft werden müssen.

Gerade diese Unterlassung führte die Philsophie für MAUTHNER allein nur in die Geschichte ihres eigenen Mißverständnisses. Denn nach MAUTHNER "haben uns gerade die stärksten Philosophen, die Helden der Gedankengeschichte, der Mühe nicht enthoben, die Begriffe zu untersuchen, die sie unbesehen in ihren Sprachgebrauch aufgenommen und dem gegenwärtigen Sprachgebrauch überliefert haben. Die Arbeit muß immer wieder neu aufgenommen werden: zwischen brauchbaren Begriffen und Scheinbegriffen zu unterscheiden".

Dem sprachkritischen Gedanken fallen jedoch keineswegs bloß die philosophischen und damit eben sprachlichen Probleme anheim. MAUTHNER erhebt auch den Anspruch, seinen nominalistisch orientierten Standpunkt auf die Forschungsgegenstände, Methoden und Ergebnisse der Einzelwissenschaften auszudehnen. Auch in den von der Philosophie getrennten wissenschaftlichen Bereichen hat Sprachkritik den Wortfetischismus bloßzustellen.

Insofern subsumiert MAUTHNER unter die Themenbereiche seiner Sprachkritik so unterschiedliche Wissenszweige wie "Sprachkritik, Grammatik, Logik, Metaphysik". Dieser umfassende Themenbereich könnte den Eindruck suggerieren, als handle es sich bei MAUTHNERs Bemühungen um die Konstituierung einer Universalwissenschaft. Allerdings gilt dies nur mit erheblichen Einschränkungen. Die Sprachkritik kann sich in der Tat grundsätzlich an jedem Wissenszweig erproben, und daher stellt MAUTHNER sowohl die Aufgabe als auch die Methode seiner Sprachkritik offen den Einzeldisziplinen gegenüber.

Dieser diametrale Gegensatz ist aber nur deshalb möglich, da die von MAUTHNER postulierte Differenz zwischen Sprache und Wirklichkeit - die im übrigen, wie noch zu zeigen ist, für MAUTHNER ebenfalls auf einer fehlerhaften sprachlichen Grundlage beruht - gleichsam den archimedischen Punkt darstellt, von dem aus eine allgemeine Kritik des menschlichen Wissens vorangetrieben werden kann. MAUTHNER beansprucht alles andere denn ein universelles, neu strukturiertes System des Wissens; er entlarvt diesen Standpunkt vielmehr als Selbsttäuschung, die sich ihrerseits auch in den Systematiken der verschiedenen Einzeldisziplinen wiederholt.
    "Noch hat man die Pflanzen, noch hat man die Tiere nach keinem natürlichen System geordnet. Nur nach einem künstlichen, menschlichen, sprachlichen. Steckte in dem Zusammenhang aller Stoffe und Kräfte ein menschliches Weltsystem und könnten wir mit den Begriffen und Urteilen der armen Menschensprache an die Stoffe und Kräfte der Natur heran, dicht heran, ... daß wir die Erscheinungen mit den Zangen unserer Worte fassen könnten, - ja dann besäßen wir freilich ein adäquates System der Welterkenntnis durch Sprache. Die Untersuchung aber, die eben die ewige Unnahbarkeit zwischen Wort und Natur beweisen wollte und bewiesen hat, die Untersuchung, die ein menschliches, ein sprachliches System in der Welt nicht zu erblicken vermag, kann kein System der Welterkenntnis bieten, kann darum vielleicht nicht einmal von der Darstellung des Verhältnisses Systematik verlangen."
Gleichwohl drängt sich für MAUTHNER dadurch ein gewichtiges Problem auf. Sprachkritik negiert den Anspruch auf ein der Wirklichkeit adäquates, systematisches Wissen. Dieses wird als rein artifizielles Produkt entlarvt. Umgekehrt freilich muß sich Sprachkritik an den unterschiedlichsten Bereichen des Wissens als legitime Methode ausweisen können. MAUTHNERs Ansatz scheint also in eine Aporie zu münden. Ein universelles System der Wissensvermittlung ist für MAUTHNER schon deshalb aussichtslos, da er eine allgemeine Logizität des Wirklichen als Selbsttäuschung durch die Sprache ausweisen möchte.

Umgekehrt erfordert jedoch gerade die Destruktion einer Identität von Sein und Denken, die sich für MAUTHNER - wie andernorts erörtert wird - auf eine bloße Identität von Sprache und Denken reduzieren läßt, doch auch einen nahezu universellen Rahmen; sie muß sich nicht nur in den verschiedensten Disziplinen bewähren und so ihren allgemeinen Geltungsanspruch behaupten, sondern sie erfordert selbst eine angemessene Darstellung.

Entscheidend ist nun, daß MAUTHNER diesen Widerspruch nicht umgeht, sondern uns vielmehr auffordert, aus diesem Widerspruch heraus zu denken. So wehrt sich MAUTHNER gegen den Vorwurf, "daß ich kein positives, kein rundes System biete und daß ich unsystematisch darstelle". MAUTHNER startet seine Rechtfertigung aber mit einer Selbstkritik. Die Diskrepanz zwischen der Darstellungsweise und MAUTHNERs eigentlicher Intention, wenigstens die Unmöglichkeit jeglicher Systematik geordnet vorzutragen, wird eingestanden und sowohl in formaler als auch in inhaltlicher Hinsicht mitthematisiert.

MAUTHNERs "Beiträge zu einer Kritik der Sprache" beanspruchen zumindest den Charakter eines unvollständigen, offenen Systems. Es erweist sich nicht nur offen für Ergänzungen und Korrekturen, sondern in erster Linie offen für eine von MAUTHNERs Darstellungsweisen qualitativ verschiedenartige Strukturierung.
    "Ich kenne die Schwächen meines Werks, die wahrscheinlich die Schwächen meiner Arbeitsweise sind. Meiner subjektiv notwendigen, für diese meine Aufgabe vielleicht objektiv notwendigen Arbeitsweise. Ich bin mir bewußt, viel freier von der Sprache zu sein, als mein Buch sein kann. Ein großes Haus zu bauen hatte ich mir vorgesetzt, aus einem neuen Material, in einem neuen Stil. Jede Linie des neuen Stils hatte ich selber zu zeichnen, ... Ich weiß, ich weiß es am besten, daß die Architektur des Ganzen arg dabei gelitten hat. Mag ein glücklicherer Nachfolger das echte Material und die ehrliche Zeichnung zu einem systematischen Bau verwenden. Da - die Tonne für die fachmännischen Walfische. Die saubere Systematik der Darstellung gebe ich also preis. Nicht aber gebe ich die Verpflichtung zu, ein System zu bieten in der Kritik der Sprache."
MAUTHNER läßt es also bewußt unentschieden, ob Nachfolger seiner Ideen oder deren Interpreten eine andersartige Ordnung in sein Werk hineinbringen könnten. Er ist jedoch skeptisch, ob eine geordnete Darstellungsweise an der "Systemlosigkeit" seines Werkes wesentliche Änderungen vornehmen könnte. MAUTHNER rechtfertigt seine These vor allem durch die Überlegung, daß die vorgenommenen Strukturveränderungen nicht in einer komplexeren aber auch durchgreifenderen Systematik, sondern in einer verschiedenartigen Perspektive gründen. Dieser Perspektivismus kann seinerseits nicht übersprungen werden, da er bereits in dem Begriffsarsenal der jeweiligen Wissenschaft wurzelt.
    "Jedermann hat die Fehler seiner Vorzüge. Glücklich genug, wenn ich die Vorzüge meiner Fehler gehabt habe. Wer Sprachkritik treiben will, ernsthaft und radikal, den führen seine Studien unerbittlich zum Nichtwissen. Der Forscher auf kleinem Gebiete muß sich auf die Forschungsergebnisse der Nachbargebiete verlassen. Gerade aber auf die Grundbegriffe, auf die Prinzipien oder Elemente der großen Wissensgebiete ist kein Verlaß."
Wiewohl nun MAUTHNER auch problematisiert, inwieweit eine interdisziplinäre Forschung zu umfassenderen, systematischen Einsichten kommt, ist er selbst jedoch auf eine fächerübergreifende Betrachtungsweise angewiesen. Dieser von MAUTHNER angestrengten Methode liegt ein spezifisches Bild des Wissenschaftlers zugrunde, dessen Problematik an anderer Stelle noch konkreter aufgezeigt werden soll. Hier kann es einleitend nur um die Skizze seines Selbstverständnisses als Denker gehen.

MAUTHNER hat seine eigene Position als "Dilettant" bzw. als Nicht-Fachmann bestimmt. So hat ihn auch die bisherige Forschung nicht eben selten gesehen, freilich mit dem wesentlichen Unterschied, daß MAUTHNER seine Position anders interpretiert als seine Kritiker. Denn gerade die Stellung des Nicht-Fachmanns hat MAUTHNER als großen Vorzug angesehen. MAUTHNER nimmt derart einen "neutralen Standpunkt" ein, da er befürchtet, daß die Hinwendung zu einem bestimmten Wissensfeld unabdingbar die Konsequenz mit sich bringt, daß der Forscher, verstrickt in die speziellen Methoden und Begriffe seiner Disziplin, keine ausreichende Basis für eine adäquate, umfassende Sprachkritik finden würde.
    "Wollte ich meinen Gedanken, daß Welterkenntnis durch die Sprache unmöglich sei, daß eine Wissenschaft von der Welt nicht sei, daß Sprache ein untaugliches Werkzeug sei für die Erkenntnis, - wollte ich diesen Gedanken erschöpfend und überzeugend, klar und lebendig, nicht logisch und wortspielerisch wachsen lassen und darstellen, so mußte ich als Kritiker der Sprache eben diese Sprache kennen in ihren Tiefen und Höhen, mußte dem Volke aufs Maul sehen können und den Forschern folgen können in ihr Ringen um die wissenschaftlichen Begriffe.

    Auf allen Gebieten wissenschaftlicher Arbeit mußte ich die Prinzipien der Arbeit, der Methode, die besondere Logik oder Sprache verstehen lernen... Nicht mehr lachend, in bitterster Resignation mußte ich mir jeden Tag sagen, daß ich nicht gern bei den Prinzipien stehen blieb, daß ich gern weiter gedrungen wäre, nicht bloß ein Spaziergänger in den Wissenschaften. Aber ich durfte nicht verweilen, wenn ich meine Arbeit leisten wollte. Bei keiner Disziplin durfte ich als Fachmann verweilen."
MAUTHNER bezieht mit seiner Position als "Spaziergänger in den Wissenschaften" nicht nur eine neutrale Alternativposition zur Stellung des Fachwissenschaftlers. Er gewinnt seine eigene Position vielmehr in polemischer Frontstellung zu dem Status des Einzelwissenschaftlers. Es geht MAUTHNER auch nicht darum, eine Rehabilitierung der Philosophie einzuleiten und ihre durch die Ablösung und Verselbständigung der Einzeldisziplinen hervorgerufene Identitätskrise zu beheben.

MAUTHNER hat die Philosophie als Wissenschaft sogar grundsätzlich negiert. Er ist jedoch der Ansicht, daß die einzelwissenschaftichen Untersuchungen, vor allem die Ergebnisse der empirischen Wissenschaften keinerlei wertfreie Erkenntnis vermitteln. MAUTHNER zielt mit seiner Kritik vor allem auf das Universitätswesen ab, das für ihn die Verkörperung eines interessebedingten und nur scheinbar wertfreien Wissens schlechthin darstellt.
    "Auf den Vorwurf kein Fachmann zu sein, möchte ich gerne, langsam emporsteigend wie von drei oder vier wachsenden Stockwerken aus antworten. Nur daß ich mich auf dem niedersten Stockwerk zurückhalten muß, das Gelächter zu dämpfen, das laut und übermütig hervorbrechen will. Ich habe nämlich den Vorwurf, kein Fachmann zu sein, auch von solchen fachmännischen Beurteilern vernommen, die meine Untersuchung wertvoll nützlich, anregend finden und dann beinahe wohlwollend hinzufügen:  Nur schade, daß er kein Fachmann ist!  Im Sinne solcher Herren bin ich nämlich wirklich kein Fachmann. Ich habe keinen Lehrauftrag. Mir wird für meine Arbeit keine Berufung und kein Titel. In dem wissenschaftlichen Betriebe, wie er nicht nur auf den Hochschulen des deutschen Sprachgebietes seit langer Zeit üblich ist, habe ich kein regelrechtes  curriculum vitae  hinter mir und keine Karriere vor mir. Im Sinne so wohlwollend bedauernder Herren bin ich wirklich kein Fachmann."
MAUTHNERs Kritik am Fachgelehrtentum ist also komplexer angelegt und läßt sich nicht vulgärpsychologisch auf den Mißerfolg seines Werkes und auf seine gescheiterte Dichterexistenz reduzieren. Für MAUTHNER hat die Philosophie als sinnstiftende Instanz der Wissenschaften und der Lebensgestaltung ausgespielt. Insofern will er sein Projekt der Sprachkritik auch nicht als "Philosophie" ausweisen.

Aber auch die Einzelwissenschaften trifft ein ähnlicher Vorwurf. MAUTHNER sieht in dem Verlust eines übergreifenden Zusammenhangs des Wissens durch die Verselbständigung der Einzeldisziplinen keinerlei Vorteile und versucht von der Position des "Dilettanten" aus, notwendige Querverbindungen der einzelnen Wissenszweige zu legitimieren. Auch in dieser Hinsicht ist MAUTHNERs Projekt offen für Ergänzungen und Berichtigungen; ja es enthält sogar an manchen Stellen die Aufforderung zu einer kollektiven, fächerübergreifenden Neubearbeitung.
    "Es ist für den geistigen Arbeiter eine reine Freude, die Anregungen, die auszugestalten über seine Kraft ging, von anderen fleißigen Arbeitern durchgeführt und verbessert zu sehen."
MAUTHNERs Position als "Spaziergänger in den Wissenschaften" weist in mancherlei Hinsicht deutliche Konformitäten mit dem Bild des Dilettanten auf, das HOUSTON St. CHAMBERLAIN in seinem 1899 erschienenen Werk "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" entwickelte. Auch für CHAMBERLAIN erweist sich der Geltungsanspruch der Philosophie im Sinne einer universellen Wissenschaft als Illusion. Dennoch will auch CHAMBERLAIN nicht auf ein in sich geschlossenes System interdisziplinärer Art verzichten, da er gerade in der Verselbständigung der Einzelwissenschaften die Ursachen für den Orientierungs- und Wertverlust seiner Zeit erblickt. CHAMBERLAIN konstatiert daher auch:
    "Sollte nun ein aufrichtiger, offen eingestandener Dilettantismus nicht gewisse Vorzüge vor dem versteckten haben? Wird nicht die Lage eine deutlichere sein, wenn der Verfasser gleich erklärt, ich bin auf keinen Fall ein Fachgelehrter? Ist es nicht möglich, daß eine umfaßende Ungelehrtheit einem großen Komplex von Erscheinungen eher gerecht wird, sie bei der künstlerischen Gestaltung sich freier bewegen kann als eine Gelehrsamkeit, welche durch intensiv und lebenslänglich betriebenes Fachstudium dem Denken bestimmte Furchen eingegraben hat?"
Dieses Zitat verdeutlicht sowohl die Parallelen als auch die Divergenzen zwischen MAUTHNER und CHAMBERLAIN in besonders signifikanter Weise. Beide Denker teilen eine tiefgreifende Skepsis gegenüber dem "Mann vom Fach", beide beziehen auch im Diskurs über ihre eigene Stellung als Wissenschaftler eine Außenseiterrolle gegenüber dem akademischen Status der Gelehrten ihrer Zeit. Die Alternative ist ein "offen eingestandener", allerdings positiv bewerteter Dilletantismus. Gleichwohl trennen sich beide Denker entschieden in den Konsequenzen, die sie aus jener Alternative ziehen.

Während nämlich MAUTHNER sehr wohl den Anspruch erhebt, seine Sprachkritik wissenschaftlich legitmieren zu können, negiert CHAMBERLAIN für sich auch diesen Anspruch und hält ihm das Medium der schöpferischen Phantasie entgegen. Wie bereits gezeigt wurde, insistiert MAUTHNER darauf, mit seiner Sprachkritik einen neuen und in seinen Augen auch elementaren erkenntnistheoretischen Neuansatz offeriert zu haben. Darüber hinaus aber soll diese erkenntnistheoretische Wende auch praktisch ins Leben eingreifen.

Befreiung vom Wortaberglauben ist für MAUTHNER sogar unmittelbar mit praktischen Konsequenzen verbunden. Für ihn gilt nämlich:
    "Mit dem Worte stehen die Menschen am Anfang der Welterkenntnis und sie bleiben stehen wenn sie beim Worte bleiben. Wer weiter schreiten will, auch nur um den kleinwinzigen Schritt, um welchen die Denkbarkeit eines ganzen Lebens weiter bringen kann, der muß sich vom Worte befreien und vom Wortaberglauben, der muß seine Welt von der Tyrannei der Sprache zu erlösen suchen".

rückerLITERATUR - Martin Kurzreiter, Sprachkritik als Ideologiekritik bei Fritz Mauthner, Ffm 1993