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ALFRED KÜHTMANN
Mauthner

"...der Inhalt von Begriffen wie  Etwas, Substanz, Sein  usw. ist also gleich Null."

1. Anknüpfung an den mittelalterlichen Nominalismus und
allgemeine Charakteristik der "Beiträge einer Kritik der Sprache".


MAUTHNER weist selbst auf den Zusammenhang seiner Sprachforschung mit dem mittelalterlichen Nominalismus hin. "Was ich lehre, das wird vielleicht ein Nominalismus redivivus, ein reiner erkenntnistheoretischer Nominalismus (Bd. III, S.621) genannt werden." Ja, MAUTHNER macht den Satz, den man wohl mit Unrecht dem ROSCELLINUS zugeschrieben hat, die Begriffe seien  flatus vocis,  zu dem seinigen: "Es ist nur die augenblickliche Bewegung des Sprachorgans wirklich (Bd. I, S.173).
    "Wie auf dem Gebiet der Sprache nur die momentane Bewegung des Sprachorgans und eigentlich nur der letzte mikroskopische Bestandteil dieser Bewegung wirklich ist - so ist auch wiederum das menschliche Denken nur ein Unwirkliches, so ist selbst die Weltanschauung (das Korrelat der Individualsprache) eines einzelnen Menschen ein Abstraktum, wirklich ist nur die momentane Erinnerung" (Bd. I, S.187).
Das Werk kann kurz als eine Verschmelzung sensualistischer, terministischer und skeptischer Anschauungen charakterisiert werden. Es knüpft u.a. an ein Wort von HAMANN an: "Verstehst du nun mein Sprachprinzipium der Vernunft, und daß ich mit LUTHER die ganze Philosophie zu einer Grammatik mache", sowie an einen Ausspruch von P.N. COSSMANN über Denken und Erkennen, das uns die Sprache vermittelt:
    "Der Unterschied zwischen der Meinung der Griechen, daß die Sonnenstrahlen Pfeile des Phoebus sind, und der unsrigen, daß sie Bewegungen eines gewichtslosen Stoffes seien, ist der: daß die erste poetisch ist und die zweite nicht."
Meist polemisch, mit ausgebreiteter Kenntnis auf verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten werden nicht nur Wesen und Wert der Sprache, die Hauptprobleme und Forschungsmethoden der Sprachwissenschaft, ihr Zusammenhang mit der Logik erörtert, es werden auch psychologische, erkenntnistheortische, metaphysische, naturwissenschaftliche, ästhetische Fragen vom Standpunkte des Verfassers aus behandelt, der sich in der Definition konzentriert:
     Philosophie ist kritische Aufmerksamkeit auf die Sprache. 
Und dieser rein individuelle Standpunkt ist es, der den Reiz und die Schwäche des Buches ausmacht. Die schwierigsten und zusammengesetztesten Probleme, bei denen die Wissenschaft die Hebel der Untersuchung und der Kritik an den verschiedensten Punkten angesetzt und sie in schärfer begrenzte Einzelprobleme aufgelöst hat, werden teils entschieden, teils als nicht zu entscheidende abgelehnt, von dem einzigen Gesichtspunkte aus,  daß die Sprachkritik die einzige Wissenschaft ist,  und daß sie mit der Erkenntnistheorie zusammenfällt (Bd. I, S.630)

Neben den Untersuchungen über die durch Anstrengung von Jahrtausenden geschaffene und von unzähligen Abstraktionen gesättigte Sprache, über ihren Wert und ihre Macht ziehen in raschem Wechsel vorüber: Ausschnitte aus der Geschichte der Philosophie, Kritiken philosophischer Theorien, z.B. über Seele und Leib, Kausalität und Teleologie, Wirklichkeit und Bewußtsein, Aufmerksamkeit und Wille, Äther und Atom, Naturwissenschaft und Religion.

Es liegt mir fern, die Beiträge MAUTHNERs oberflächlich zu nennen. Im Gegenteil: es spricht sich in ihnen ein ernster Wahrheitsdrang, ein rein wissenschaftliches Interesse aus. Nur diese treibende innere Notwendigkeit hat den Verfasser trotz seiner aufreibenden Berufspflichten die langjährige Arbeit des Sammelns, Forschens, Denkens tapfer zu Ende führen lassen.

Die lebhafte Darstellung, worin bald Leidenschaftlichkeit, bald die Wehmut der Entsagung hervorbricht, schmeichelt sich der Phantasie ein, während die hyperbolische Polemik und die häufigen Kraftausdrücke einen störenden Rückschlag üben. (1)

Abgesehen von diesen, im Temperament des Verfassers liegenden Nebenwirkungen wird aber das Eindringen in die Denkweise eines so wissenskundigen und geistreichen Mannes, der allen Problemen, die im mittelbaren Zusammenhang mit seinem Thema stehen, so eifrig nachspürt, sie so geistreich beleuchtet, dem Leser Anregung und Gewinn bringen. -

Das ist wohl der Grundgedanke der Urteile, der in den bisherigen Besprechungen über die Beiträge zum Ausdruck gekommen ist. Und gern mache ich aufmerksam auf eine Besprechung über den zweiten Band, den sprachwissenschaftlichen Teil im engeren Sinn, worüber mir kein Urteil zusteht, auf die Kritik eines Fachmannes (W. BANG) im literarischen Zentralblatt:
    "Es steckt trotz vieler Ungenauigkeiten in dem Buche sehr viel Gutes. Und manche treffliche Einzelbemerkung verdient es, durchdacht zu werden. Schade, daß dem Verfasser der Gedanke gar nicht gekommen zu sein scheint, daß wir bösen, ja boshaften Junggrammatiker nur deshalb so enragierte Spezialisten geworden sind, weil uns die Skepsis in bezug auf den Ursprung der Sprache u.a. schon aufgegangen war."
Ich will versuchen, im folgenden die terministischen Grundgedanken und Entwicklungen möglichst scharf in ihrem inneren Zusammenhang hervortreten zu lassen. Es ist natürlich nicht der einzige Standpunkt, von dem aus der reiche Inhalt des dreibändigen Werkes zu betrachten ist, weshalb weder mein Resumé, noch die sich daranschließende Mannigfaltigkeit der Probleme und der Vielseitigkeit des Blicks, die dem Verfasser eigen ist, völlig gerecht werden kann.


2. Weiterer Verfolg der nominalistischen Gedankengänge

A. Phänomenalistischer und sensualistischer Ausgangspunkt.

Die Erkenntnis der Wirklichkeitswelt, d.h. einer Welt, die nicht im tierischen und menschlichen Bewußtsein wiedergespiegelt wird, ist uns verschlossen. Unsere Urteile führen rückschreitend bis auf die Sinneseindrücke zurück. Nur diese sind uns bekannt. Begriffe  oder  Worte sind die Erinnerungszeichen an die Ähnlichkeit zeitlich und räumlich getrennter Sinneseindrücke (Bd. III, S.464). Über diese Sinneseindrücke hinaus wird die Wirklichkeit zum Ding-ansich, dem Unerkennbaren, mit dem wir nichts vergleichen, in Übereinstimmung setzen können. So gelangen wir zu der Aphasie, wonach der Ausdruck:
    "Mein Sinneseindruck ist richtig" auf die Tautologie hinausläuft: "Mein Sinneseindruck ist mein Sinneseindruck". - So spiegelt sich das Kind in der Seifenblase, die es selbst gemacht hat, und niemand kann sagen, ob es mehr weiß von der Wirklichkeitswelt als die Farben, an denen es sich freut" (Bd. III, S.499)

B. Sinne, Wahrnehmungen und Gedächtnis

Auf die Eindrücke der Sinne und die Tätigkeit des Gedächtnisses ist alles Wahrnehmen und Denken zurückzuführen. Alle unsere Sinne sind Zufallssinne, d.h. es ist ein Zufall, daß die Tiere der Erde bis hinauf zum Menschen gerade die Sinne für Töne, Farben, usw. entwickelt haben. Die Unendlichkeit der Wirklichkeitsbewegungen gelangt nur durch die wenigen schmalen Tore unserer fünf oder sechs Zufallssinne zu uns, und alles muß draußen bleiben, was keinen Weg zu diesen Toren hat (Bd. I, S.34). Erwägt man ferner, daß die Sinne von ihren Uranfängen in der Amöbe an in steter Entwicklung begriffen sind, so können auch die Sinneseindrücke nur als zufällige Spiegelbilder der Wirklichkeitswelt gelten.

Wahrnehmungen sind Komplexe von Sinneseindrücken, von Sinnesempfindungen; Vorstellungen sind Erinnerungsbilder für Wahrnehmungen. Alle psychische Tätigkeit ist nur ein Assoziieren von Vorstellungen. Entweder ich vergleichen einen gegenwärtigen Sinneseindruck mit einem Nachbilde, z.B. ich treffe einen Bekannten auf der Straße und erkenne ihn wieder. Oder es steigt in meiner Erinnerung ein Nachbild auf, in welchem sich eine große Zahl ähnlicher, aber nicht gleicher Eindrücke verbunden haben (2)

Ein solche Erinnerung ist dann ein Begriff, und aus der Vergleichung solcher Begriffe besteht das Denken. Auch dem anorganischen Stoff darf man ein Gedächtnis zuschreiben (Bd. I, S.161). Das Problem des bewußten und unbewußten Vorstellens führt auf dasjenige des unbewußten Gedächtnisses zurück.


C. Sprechen ist Gebrauch von Erinnerungszeichen. Theorie dieser Zeichen.

Jedes Erinnern ist ein Vergleichen, das Gleichstellen eines früheren und eines gegenwärtigen Eindrucks. Denken ist ein Vergleichen von Erinnerungen.
    "All unser Denken und Sprechen ist nichts anderes als eine Besinnung auf unsere Sinneseindrücke und deren Erinnerungsbilder" (Bd. III, S.214).
Jeder Gedächtnisakt, jedes Erinnern ist eine Tätigkeit, eine Bewegung, durch welche wir von einem Bewußtseinszustand zum anderen übergehen, und die Aufmerksamkeit ist das Bewegungsgefühl, welches die Bereicherung unseres Gedächtnisses begleitet (Bd. I, S.518). Der Sprachlaut ist ein Zeichen für die ererbte oder erworbene Erinnerung. Worte sind Erinnerungszeichen für Gruppen ähnlicher Vorstellungen. Die Sprache ist nichts als das Gedächtnis oder die Summe von Erinnerungszeichen, und da die Erinnerungszeichen nichts anderes sind als die Bewegung in den Nerven, so sind die Worte der Sprache Bewegungserinnerungen (Bd. I, S.462)


D. Metaphorische Natur der Sprache. Ursprung der Sprache.

Die Metapher - die konzentrierte oder abgekürzte Vergleichung - ist die Grundform der Sprachentwicklung.
    "Das Eintreten artikulierter Menschenlaute für die jedesmal unartikulierten Naturlaute oder -geräusche stellt ein Symbol, ein konventionelles Bild, mit einem Wort eine Metapher von dem Originalgeräusch dar" (Bd. II, S.451).
Die Sprache wächst durch Übertragen eines fertigen Wortes auf einen unfertigen Eindruck. Die zwei oder die hundert Bedeutungen eines Wortes oder Begriffes sind ebenso viele Metaphern oder Bilder, und da wir heute von keinem Worte eine Urbedeutung kennen, so hat kein Wort jemals andere als metaphorische Bedeutung (Bd. II, S.467). Metaphorisch vollzieht sich auch der Bedeutungswandel der Sprache. Den Ursprung der Sprache, der Vernunft, des Gedächtnisses vermögen wir nicht zu erklären, weil wir stets ein begriffliches Denken zur Erklärung benutzen, das in der Zeit, auf die wir es anwenden, noch nicht existierte. "Der Ursprung der Sprache ist irgendwo versteckt in den Träumen von der Vorzeit; dort, oder auch hunderttausend Jahre früher (Bd. II, S.453).
    "Vernunft, Sprache, Erinnerung (Gedächtnis) sind nur synonyme Begriffe, die das eine mal miteinander vertauscht werden können, das andere Mal je nach der Seelensituation des Sprechers sich mehr oder minder voneinander unterscheiden" (Bd.III, S.733).
MAUTHNER glaubt, daß man die Entstehun der Sprache an den Warnungsschrei einer Menschenhorde anknüpfen könne, der noch gar nicht in unserem Sinne artikuliert war, und der dennoch durch Höhe, Stärke, Wiederholung und andere Differenzen das Ausdrucksmittel für Warnungen vor verschiedenen Gefahren werden konnte.
    "Der  unartikulierte  Warnungsschrei einer bestimmten Horde konnte also durch Neuschöpfung schon zum sprachlichen Ausdrucksmittel, z.B. für einen Löwen, eine Schlange, einen Regen oder einen Feind werden. Dieser Feind, die benachbarte Horde, hatte sicherlich einen anders klingenden Warnungsschrei, der seinerseits wieder auch noch nicht in unserem Sinne artikuliert war. Wollte nun der Führer der ersten Horde das Herannahen der zweiten Horde melden, so wiederholte er gewiß deren Warnungsschrei; dieser wurde also zum Namen der anderen Horde. Wir haben demnach hier in einem sehr wahrscheinlichen, an der Grenze der Sprachentstehung gedachten Falle bereits die wirkenden Ursachen der heutigen Sprachentwicklung beisammen: Metapher, Analogiebildung und Entlehnung von Fremdwörtern" (Bd.II, S.435)

E. Natur der Begriffe und Worte

Das Kapitel des dritten Bandes, das über Begriffe  und  Worte handelt, sollte eigentlich überschrieben sein: Begriffe  oder  Worte. Um die Natur der Begriffe zu verstehen, muß man sie als Tätigkeiten, als Denkakte fassen, die mit der Bildung der Worte zusammenfallen. Die Begriffe sind nichts als Worte, nichts als Erinnerungszeichen für Gruppen ähnlicher Vorstellungen. Begriff ist nur die kurze Bezeichnung für die psychologische Tatsache, daß Lautkomplexe, wenn sie einer Sprache angehören, Assoziationen erzeugen (Bd.III, S.272,285).

Da ferner die Begriffe nur potentielle, nur ökonomisch zusammengefaßte Urteile sind, so ist es nur eine Frage der Aufmerksamkeit, ob wir die Begriffe oder die Urteile als das Primäre ansehen (Bd.III, S.269). Und ebenso besteht der einzige Unterschied zwischen Begriff und Wort nur in der Richtung der Aufmerksamkeit. Ich richte meine Aufmerksamkeit einmal auf das Geräusch, welches meine Sprachorgane bei Hervorbringung des Lautkomplexes  Hund  zustande bringen, das andere Mal auf die Welt von Assoziationen, welche dieser Lautkomplex in mir anregt (Bd.III, S.270).
    "Ein Kind sagt  ein Hund , und eine Welt von Assoziationen liegt darin. Zunächst das Subsumtionsurteil  der Hund ist ein Raubtier,  was in der kindlichen Zoologie etwa soviel heißt wie  der Hund beißt.  Sodann liegt darin das Erwartungsurteil, welches entweder nach des Kindes eigener Erfahrung oder nach der Erfahrung des Menschengeschlechts etwa lautet  der Hund wird beißen,  was wieder nur eine übertriebene Ausdrucksform eines Möglichkeitsurteils ist. Und wieder möchte ich den kennen, der mir sagen könnte, ob alle diese Assoziationen sich an den Begriff oder an das Wort  Hund  knüpfen" (Bd.III, S.272).

F. Gattungs- und Artbegriffe.

Auch hier ist wieder ein Erinnern an den mittelalterlichen Universalienstreit, an JOHANNIS von SALESBURY, der spottend sagte:
    "die Welt ist gealtert in der Bearbeitung der Frage nach den Gattungs- und Artbegriffen; an diese Frage ist mehr Zeit verwandt worden, als das Haus CÄSAR an den Gewinn der Weltherrschaft setzte, mehr Geld verschwendet als KRÖSUS besaß; sie fesselte so viele Leute ausschließlich ihr ganzes Leben lang, daß sie weder das eine, noch das andere fanden" (Bd.III, S.624).
Wenn Begriffe und assoziierte Erinnerungen nichts als Worte sind und Worte nur die Erinnerungszeichen für Gruppen ähnlicher Vorstellungen, so ist die Einteilung in Gattungs-, Art- und Einzelbegriffe nur eine künstliche Unterscheidung der Logiker. "Art ist Wort. Artunterschied ist Wortunterschied" (Bd.II, S.379).

In der entwickelten Sprache kann jeder Eigenname zum Artbegriff werden; ich kann sagen: die GOETHE sind selten, die MEYER sind häufig (Bd.III, S.289). Vor der Sprache liegt die Einzelvorstellung, jenseits der Sprache liegen die allgemeinsten Begriffe der Kategorien, die nur mißbräuchlich von künstlichen Worten mythologisch vorgestellt werden; zwischen beiden schwebt die menschliche Sprache über der Wirklichkeitswelt wie ein Nebelduft verschönernd und die Grenzen auflösend (Bd.II, S.292).

Unser ganzes menschliches Wissen besteht in unseren Wahrnehmungen und unser Denken allein in der bequemen Ordnung dieser Wahrnehmungen durch Begriffe und Worte, welche ähnliche Worte zusammenfassen (Bd.III, S.577). Die obersten und allgemeinsten Begriffe sind leere Nullen. Wenn man sich dadurch zu immer höheren Begriffen erhebt, daß man nacheinander die Einzelvorstellungen unbeachtet läßt, daß man nacheinander von ihnen absieht, so muß am Ende der Augenblick kommen, wo man auch von der letzten Vorstellung absieht, um zum höchsten Begriff, "dem des Seienden", zu gelangen.

So steige ich von einem  Stückchen Chester  auf dem Teller zu einem  Käselaib,  zu  Käse überhaupt, Milchwirtschaftsprodukt, animalischer Nahrungsstoff, Nahrung, organisierter Stoff, Etwas  empor. Da nun der Inhalt eines Begriffs zu seinem Umfang sich verhält wie der Zähler zum Nenner, so wird beim unendlich Großwerden des Nenners, wo also der Begriff alles Seiende umfaßt, der Wert des Zählers im Verhältnis zum Unendlichen gleich Null; der Inhalt von Begriffen wie  Etwas, Substanz, Sein  usw. ist also gleich Null (Bd.III, S.293).


3. Beurteilung des Werkes

A. Allgemeiner Gesichtspunkt

Diese Entwicklungd der Grundgedanken der Sprachkritik MAUTHNERs, wobei dessen Individualität, die witzige, in geistreichen Ideenassoziationen sich bewegende, oft drastische Ausdrucksweise in der Polemik gegen wissenschaftliche Theorien und Hypothesen nur hin und wieder hervortreten konnte, läßt sich wohl dahin zusammenfassen: Sensualismus und Terminismus in zugespitzter Form, denen dann der Skeptizismus ihre Spitzen wieder abbricht. Aus den Sinnesempfindungen wir alle Bewußtseinstätigkeit abgeleitet. Zum Zustandekommen des ersten Sinneseindruckes ist schon Gedächtnis erforderlich. Die Erinnerungen sind reproduzierte Empfindungen.

Diese Überzeugung, daß Begriffe nur Worte sind, daß Worte in Worte gefaßt Anfang und Ende aller Philosophie ist (Bd.III, S.644), erfüllt den Kritiker teils mit Haß teils mit Mitleid gegen die Sprache, deren "Schlangenbetrug" uns stets Wirklichkeit und Wissen vorgaukelt, während wir nur Worte und Satzgebilde erhaschen. Und dieser Haß gegen das Abstraktum Sprache bricht an einigen Stellen so impulsiv hervor, daß sie im Fieber geschrieben zu sein scheinen.
    "Die Sprache ist eine Peitsche, mit der die Menschen sich gegenseitig zur Arbeit peitschen. Jeder Fronvogt und jeder Fronknecht. Wer die Peitsche nicht führen und unter ihren Hieben nicht schreien will, der heißt ein stummer Hund und Verbrecher und wird beiseite geschafft. Die Sprache ist der endlose und endlos wachsende Kurszettel der Menschenbörse, auf dem die Werte aller Schuldtitel menschlicher Ruchlosigkeit abgeschätzt und gehandelt werden.

    Die Sprache ist der Ziehund, der die große Trommel in der Musikbande des Menschenheeres zieht. Die Sprache ist der Hundsaffe, der Prostituierte, der mißbraucht wird für die drei großen Begierden des Menschen, der sich brüllend vor den Pflug spannt, als Arbeiter für den Hunger, der sich und seine Familie verkauft als Kuppler für die Liebe, und der sich all in seiner Scheußlichkeit verhöhnen läßt als Folie für die Eitelkeit, und der schließlich noch der Luxusbegierde dient und als Zirkusaffe seine Sprünge macht, damit der Affe einen Apfel kriege und eine Kußhand und damit er selbst Künstler heiße. Die Sprache ist die große Lehrmeisterin zum Laster ... Erkenntnis haben die Gespenster aus dem Paradies der Menschheit versprochen, als sie die Sprache lehrten. Die Sprache hat die Menschheit aus dem Paradies vertrieben" (Bd.I, S.81).

LITERATUR - Alfred Kühtmann, Zur Geschichte des Terminismus, Leipzig 1911
    Anmerkungen
  1. Beispielsweise: "Max Müller spricht vollendeten Unsinn, wenn er den Wurzeln zwar ahnungsvoll Realität abspricht, aber nur darum, weil sie die Ursachen der Sprache wären" (Bd. II, S.231) ... Vielleicht die letzte große nachhaltige Frechheit des Wortes war im kategorischen Imperativ. Seitdem haben sich die besten Köpfe von der wissenschaftlichen Behandlung der Ethik und der Religion zurückgezogen." (Bd. I, S.81)
  2. Schon HOBBES hat bemerkt, daß auch zur einfachsten Sinneswahrnehmung Gedächtnis erforderlich sei, "denn obleich manche Dinge in einem Punkte getastet werden, kann man doch jene nicht empfinden, ohne den Fluß eines Punktes, d.h. ohne Zeit; Zeit aber zu empfinden, dazu bedarf es eines Gedächtnisses." (Bd. I, S.402)