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MAX KRIEG
Fritz Mauthner's
Kritik der Sprache


Sprache und Wirklichkeit
Skepsis und Mystik
"Niemand vor Mauthner hat die Forderung einer Kritik der Sprache mit so eindringender Klarheit erhoben und in den Mittelpunkt der Erkenntniskritik gestellt, ja mit Erkenntniskritik einfach gleichgestellt."

Was SCHOPENHAUER im Vorwort des ersten Bandes seines Hauptwerks sagt, dass er, um einen einzigen Gedanken mitzuteilen, ein ganzes Buch habe schreiben rnüssen, das wiederholt sich bei allen grossen Denkern. Der geniale Kopf sieht die Welt neu, ein geniales Apercu geht ihm sprachlos auf, und um es in Worten mitzuteilen, muss er Hunderte von Seiten schreiben. Auch FRITZ MAUTHNER ist es mit dem umstürzenden Hauptgedanken seiner Sprachkritik so ergangen.

Wenn ich hier den Versuch wage, zunächst für diejenigen, die schon durch den äusseren Umfang seiner beiden philosophischen Hauptwerke abgeschreckt werden, seine sprachkritischen Ideen so knapp und so übersichtlich als möglich darzustellen, so kann es leider leicht geschehen, dass durch den Verzicht auf gewisse Umwege die Deutlichkeit und Eindringlichkeit der Darstellung keineswegs gewinnt und Missverständnisse sich einschleichen, die bei einem gründlichen Studium der Originale kaum möglich wären.

Ich werde mich auch wohl hüten müssen, die wesentlich unsympathischen Ideen des grossen Skeptikers unter das Joch eines Systems beugen zu wollen und im Interesse einer "glatten" Darstellung Widersprüche und Schwierigkeiten, die in der Sachlage selbst begründet sind, mit Worten zu verkleistern. Das würde nichts anderes als Fälschung bedeuten.

Die Bezeichnung "Kritik der Sprache" hat zu dem unbegreiflichen Missverständnis Anlass gegeben, als handle es sich im wesentlichen um sprachwissenschaftliche Probleme. Sprachkritik im Sinne MAUTHNERs ist aber Erkenntniskritik. MAUTHNER macht kein Hehl daraus, dass sein Denken durch und durch psychologisches oder, wie die Zunftphilosophen lieber sagen würden, "psychologistisches" Denken sei. Der Vorwurf des "Psychologismus" schreckt ihn ganz und gar nicht. Nach ihm könnte man die Geschichte des philosophischen Denkens in zwei grosse Perioden zerfällen, in die vorpsychologische und die psychologische. Die vorpsychologische Periode begreift in sich das Altertum und die Scholastik. Die ersten Keime psychologischen Denkens im modernen Sinne zeigen sich bei dem Nominalisten OCKHAM.

Die Anläufe zu einer Kritik der menschlichen Begriffe, wie sie sich bei SOKRATES finden, wurden von PLATON und ARISTOTELES nicht beachtet. Namentlich ARISTOTELES der vergötterte Meister des Mittelalters, war und blieb begriffs- oder wortabergläubisch durch und durch. Für ihn und die von ihm beherrschte Scholastik passten die menschlichen Begriffe oder Worte auf eine ihrem inneren Wesen nach durch und durch erkennbare Wirklichkeitswelt wie der Handschuh auf die Hand. Begriffe, denen nichts Wirkliches entspricht, eine unerkennbare Wirklichkeit, ein Ding an sich gab es für sie nicht. Die Möglichkeit der Erkenntnis wurde nicht untersucht, sondern vorausgesetzt, die Grenzen der Erkenntnis blieben ungewiss. In den Artbegriffen z. B. glaubte man die Lösung des Artgeheimnisses zu besitzen. Aus theologischen Gründen wurde der radikale Nominalismus ROSCELLINs der die Gattungswörter für leere Schälle (flatus vocis), für blosse Lufterschütterungen erklärt haben soll, streng verfemt.

Als der Engländer WILHELM von OCKHAM den Nominalismus in gemässigter Form erneuerte, geschah das nicht mehr aus theologischem Interesse. Der gemässigte Nominalismus oder Konzeptualismus betrachtete die Gattungsnarnen nicht als Substanzen, auch nicht als leere Wortschälle, sondern als Begriffe eines Verstandes. Dadurch wurde er dazu geführt, zum ersten Male die psychologische Frage zu stellen: Wie entstehen die Begriffe im menschlichen Verstande? Diese Begriffe, die man bisher als Worte der Gemeinsprache vorgefunden und ohne alles Misstrauen zur Schaffung einer philosophischen Terminologie verwandt und auf die Wirklichkeit angewandt hatte.

Das Misstrauen gegen die Sprache finden wir dann bei dem grimmigen Feinde des ARISTOTELES und der Scholastik, bei FRANCIS BACON. Seine Lehre von den Idolen oder (nach MAUTHNERs glücklicher Uebersetzung) Gespenstern kennt unter anderen Gespenster des Marktes (idola fori), die aus dem menschlichen Verkehr entspringen. Es sind die Täuschungen der Sprache. In der Sprache gibt es Worte, denen keine Dinge entsprechen, und es gibt voreilige und ungenaue Abstraktionen, die die Wirklichkeit fälschen.

Die psychologische Frage, wie die Begriffe und Vorstellungen im menschlichen Verstande entstehen, bildet dann den Ausgangspunkt der epochemachenden Untersuchungen JOHN LOCKEs, der natürlich als Psychologist und Empiriker bei der Kathederphilosophie in üblern Geruche steht und auf dessen ausserordentliche Bedeutung für das Werden moderner Erkenntniskritik Mauthner mit Recht bei jeder Gelegenheit hinweist. Alle menschlichen Vorstellungen ohne Ausnahme sind nach LOCKE im Geiste entstanden, es gibt keine "angeborenen Ideen". Die Urquellen aller Erkenntnis sind Sinneswahrnehmung und Selbstbeobachtung. Durch LOCKEs geniale Kritik der Sinneswahrnehmung, durch seine berührnte Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten, von denen nur die ersteren der Wirklichkeitswelt angehören, die letzteren aber Erzeugnisse des menschlichen Vorstellens sind, erhält der naive Glaube an die lückenlose Entsprechung von menschlicher Erkenntnis und Wirklichkeitswelt den ersten grossen folgenschweren Riss.

LOCKEs Sprachphilosophie, wie sie sich im dritten Buch der Schrift "Ueber den menschlichen Verstand" findet, ist für jene Zeit allgemeinsten Wortaberglaubens eine Tat von überraschender Geistesgewalt. LOCKE ist schon der enge Zusammenhang zwischen Denken und Sprache aufgegangen. "Als ich den Umfang und die Sicherheit unseres Wissens zu prüfen anfing," so sagt er (3. Buch, 9. Kap. § 21), "da fand ich, dass dieses in einem so nahen Zusammenhang mit den Wörtern stehe, dass ohne Untersuchung der Sprache sich über das Wissen nichts ausmachen lässt." Aus seiner tiefen Einsicht in das Wesen und den Zweck der Sprache ergibt sich für LOCKE ihre Unzuverlässigkeit als Erkenntniswerkzeug, während sie für die Zwecke des gewöhnlichen Lebens vollständig genügt. LOCKE weiss auch schon, dass der Grundfehler der Sprache, als Erkenntniswerkzeug angesehen, in der Unbestimmtheit der Wortbedeutungen liegt. Die Worte bezeichnen nicht das wirkliche Wesen der Dinge, sondern nur ihre "nominale" Wesenheit, d. h. eine Zusammenfassung sinnlich wahrnehmbarer Eigenschaften der Dinge, über deren Vollständigkeit wir niemals gewiss sein können.

Einen mächtigen Schritt vorwärts in der Richtung auf eine sprachkritische Skepsis bedeutet der folgerichtige Idealismus BERKELEYs. Auch die primären Qualitäten, die für LOCKE noch der Wirklichkeit angehören, werden für BERKELEY zu Erzeugnissen der Wahrnehmung. Die körperliche, greifbare Aussenwelt, von der unsere Vorstellungen nur ein genaues Abbild sein sollten, verschwindet. Schon vor KANT ist BERKELEY zu der, Einsicht gekommen, dass die Welt, die wir vorstellen, eben gar nichts anderes sein kann als unsere Vorstellung. Von Dingen aber, wie sie an sich sein mögen, unabhängig von unserem Vorstellen, wissen wir nichts und können wir nichts wissen.

Hier schon erscheint also, vor KANT vollkommen deutlich ausgeprägt, der Grundgedanke aller modernen Erkenntniskritik. LOCKEs Misstrauen gegen die Sprache hat sich bei dem Skeptiker BERKELEY erheblich verschärft. Er ist voll Hass gegen die abstrakten Ideen, die ihm blosse Worte sind, mit denen sich keine vollziehbare Vorstellung verbinden lässt. Von einem allgemeinen Dreieck kann man reden, es sich aber nicht vorstellen. Er erkennt, dass Worte wie Kraft, Schwerkraft, Anziehung nicht das Wesen der Dinge bezeichnen, sondern nur mathematische Hypothesen.

Mit solcher radikalen Skepsis verbindet sich bei BERKELEY allerdings eine Mystik, die ihn trotz seines konsequenten Idealismus daran hindert, von dem Substanzbegriff loszukommen. Zwar gibt es keine von unserer Vorstellung unabhängigen Körper, wohl aber Geister, Gott und die geschaffenen Intelligenzen. Hier nun setzt HUME ein. Seine gewaltige Leistung besteht eben darin, dass er den Begriff der Substanz und den damit eng verknüpften Begriff der Ursache aus der ontologischen oder metaphysischen Sphäre in die psychologische verweist. Die Substanz, die geistige wie die körperliche, ist ihm nur die sprachliche Bezeichnung für ein "Bündel" von infolge eines unbegreiflichen Wunders in die unveränderlichen Formen der reinen Vernunft als Erkenntnisstoff hineinpasst. Für den Sprachkritiker aber gähnt zwischen der zufällig gewordenen menschlichen Vernunft und der Wirklichkeit eine unüberbrückbare Kluft.

Wenn JACOBI in ..Allwills Briefsammlung" Vernunft und Sprache "Menächmen", d. h. Zwillingsbrüder, nannte, die sich zum Verwechseln ähnlich sind und als Ergänzung und Korrektur der KANTschen Vernunftkritik eine Kritik der Sprache verlangte, so stand er unter dem Einfluss HAMANNs, des stärksten "Metakritikers" der reinen Vernunft. HAMANN war der enge Zusammenhang zwischen Vernunft und Sprache bis zu dem Grade aufgegangen, dass er an JACOBI schreiben konnte, er vermute beinahe, "dass unsere ganze Philosophie mehr aus Sprache als aus Vernunft besteht". Schon lange vor HAMANN hatte übrigens der merkwürdige Italiener VICO mit genialem Tiefblick den durch und durch metaphorischen, bildlichen und anthropomorphen Charakter der Sprache erkannt.

Auch GOETHE der "Todfeind aller Wortschälle", darf als Zeuge der Sprachkritik angerufen werden. Er ahnt in seiner Weise die tiefe Kluft zwischen Sprache und Wirklichkeit und weiss, dass die Sprache jedesmal versagt, wenn es sich darum handelt, eine geniale neue Beobachtung restlos in Worte zu kleiden. Dass die Worte untaugliche Werkzeuge zur Welterkenntnis seien, war bis zu einem gewissen Grade auch dem Umwerter aller Werte, NIETZSCHE, aufgegangen. Sehr klar erkennt er den beherrschenden Einfluss der grammatischen Funktionen auf das Denken. Nur dass sich in seinem Streben, an die Stelle der geltenden moralischen Wertbegriffe andere zu setzen, wieder ein Wortaberglaube verrät. Den grossen Stolz der rückhaltlosen, der völlig freien Resignation hat NIETZSCHE nicht aufgebracht.

Unter den Vorläufern der Sprachkritik ist endlich auch der interessante Antihegelianer O.F. GRUPPE zu nennen, der eine scharfsinnige Kritik des HEGELschen Systems geliefert hat. Ihm dienen die mit erstaunlicher Schärfe und Energie ausgesprochenen sprachkritischen Ideen speziell zur Zerstörung der Metaphysik. MAUTHNER hat den heute so gut wie vergessenen Denker gewissermassen neu entdeckt und wird seine Hauptschriften demnächst in der "Bibliothek der Philosophen" wieder herausgeben.

So sehen wir denn deutlich die historische Stellung MAUTHNERs und den Weg, der vom mittelalterlichen Nominalismus über LOCKEs Sensualismus, BERKELEYs Idealismus, die Skepsis HUMEs und KANTs, die Entwicklungslehre zur Sprachkritik führt. Der Boden war gut vorbereitet, so dass die entscheidende Erkenntnis schliesslich gleichsam in der Luft lag, wie denn umwälzende neue Ideen fast niemals unvermittelt hervorspringen, fertig und gepanzert wie ATHENE aus dem Kopf des ZEUS. Und trotzdem ist jedesmal eine geniale Persönlichkeit nötig, um sie scharf zu formulieren, auszusprechen und bis ins einzelne zu begründen. So auch hier.

Trotz aller Vorgänger ist von niemand vor MAUTHNER die Forderung einer Kritik der Sprache mit so eindringender Klarheit erhoben und in den Mittelpunkt der Erkenntniskritik gestellt, ja mit Erkenntniskritik einfach gleichgestellt worden. Niemand vor MAUTHNER hat mit so genialer Erfassung des springenden Punktes und mit so umfassendem Wissen den Weg zu einer Revolutionierung der Philosophie auf sprachkritischem Boden gezeigt. Nur Ansätze waren vorhanden. Für MAUTHNER handelt es sich nicht mehr bloss darum, mit den Nominalisten zu zeigen, dass Worte oder Begriffe keine Dinge sind, also den "Wortrealismus" (ein von MAUTHNER geschaffener, sehr bezeichnender Ausdruck) zu überwinden, mit den Engländern und KANT zu zeigen, dass unsere Erkenntnis durch und durch subjektiver Natur ist.

Sein Grundgedanke, der nicht nur dem Laien in der Erkenntnistheorie überkühn tom tom und völlig paradox erscheint, ist vielmehr der, dass das so vielfach vergötterte menschliche Denken, das bei HEGEL der Wirklichkeit selbst Gesetze vorschreiben will, nicht mehr und nicht weniger ist als das Gedächtnis des einzelnen und der Menschheit, wie es niedergelegt ist in den Worten der Sprache. Er spricht die Gleichung aus: Gedächtnis= Vernunft= Sprache. Die Worte sind untaugliche Werkzeuge der Welterkenntnis, weil sie nur Zeichen sind, Gedächtniszeichen für die täuschenden, normal täuschenden Eindrücke unserer Zufallssinne. Zeichen von Zeichen von Zeichen. Es gibt keine Brücke zwischen Sprache oder Denken und Wirklichkeit.
LITERATUR - Max Krieg, Fritz Mauthners Kritik der Sprache, Eine Revolution der Philosophie, München 1914